Alain Finkielkraut

Analyse des Irrsinns

Der Philosoph und Autor Alain Finkielkraut (72) Foto: ullstein bild - adoc-photos

Alain Finkielkraut

Analyse des Irrsinns

Das Buch »Ich schweige nicht« ist intellektuelle Autobiografie und Streitschrift zum linken Antisemitismus zugleich

von Marko Martin  15.05.2022 08:00 Uhr

Alain Finkielkrauts intellektuelle Autobiografie trägt auf Französisch den schönen Titel À la première personne. Vom eher marktschreierischen deutschen Ich schweige nicht sollte man sich also nicht abhalten lassen, dieses eminent wichtige, in einigen Teilen freilich auch problematische Buch zu lesen.

Finkielkraut, 1949 in Paris als Sohn polnischstämmiger Holocaust-Überlebender geboren, zählt seit den 70er-Jahren zu jenen (vor allem jüdischen) »nouveaux philosophes«, die in Abgrenzung zu Sartre jener antitotalitären Aufklärung eine Gasse gebahnt hatten, welche die Verbrechen der Nazis und der Kommunisten nicht gegeneinander aufrechnete, sondern die Geschichten der Opfer in den Mittelpunkt rückte.

wiederentdeckung Stilistisch oftmals transparenter als sein 2015 verstorbener Kollegenfreund André Glucksmann und habituell zurückhaltender als der bis heute medial nahezu dauerpräsente Bernard-Henri Lévy, sind Alain Finkielkraut nicht nur die Wiederentdeckung des Philosophen Emmanuel Lévinas (1906–1995) zu verdanken, sondern darüber hinaus auch Bücher wie etwa Die Niederlage des Denkens, die schon frühzeitig reaktionärem wie auch pseudo-progressivem National- und Multikulturalismus den Kampf angesagt hatten.

Wie reagieren, wenn man sich plötzlich als »Rassist« bezeichnet findet?

Wie reagieren, wenn man sich plötzlich als »Rassist« bezeichnet findet?
Und nun, die Recherche in eigener Sache. »Ich habe mich nie selbst in meinem Status als Schriftsteller akzeptiert. Ich habe das Gefühl, dass ich meinen Beruf jeden Tag neu erfinde: Wenn ich mich an die Arbeit mache, kann ich mich auf nichts Definitives stützen.«

Das ist nicht kokett, sondern tatsächlich modest – und weitet sich dann sogar zu einer Art Confessio: »Ich nahm mir die Situationen übel, in denen meine Gesprächspartner, sobald sie von mir hörten, dass mein Vater Auschwitz-Überlebender war, mit ehrfürchtiger Betroffenheit reagierten, die ich dann wie stellvertretend entgegennahm … Aber man trägt nicht die gestreifte KZ-Kleidung in jeder folgenden Generation weiter.«

eltern Gleichzeitig wirft er sich vor, seine Eltern bis zu deren Tod nie wirklich befragt zu haben über die doch so entscheidenden Einzelheiten ihrer Lager- und Fluchtjahre. Umso konkreter ist Finkielkrauts Engagement für Israel: Gerade weil er im jüdischen Charakter des Staates nicht zuletzt eine existenzielle Rückversicherung für die Juden in der Galut sieht, plädiert er seit Jahrzehnten für eine Zweistaatenlösung, für eine einvernehmliche Trennung zwischen Juden und Palästinensern.

Dennoch wurde er in den vergangenen Jahren in Frankreich immer mehr zur Zielscheibe eines sich »kritisch-postkolonialistisch« gebenden Akademiker- und Medienmilieus, dessen antisemitische Affekte evident sind.

Alain Finkielkraut verbleibt in seinem Buch jedoch nicht im Tagesaktuellen, sondern beschreibt die vielfältigen Wurzeln dieser sich selbst als links verstehenden Judenhasser.

AUSCHWITZ-LEUGNER War in solchen Kreisen nicht schon vor Jahrzehnten zu hören gewesen, die Beschäftigung mit dem Holocaust verhindere einen Blick auf das angebliche fundamentalere Problem der kapitalistischen Ausbeutung? Hatte man im Namen ausgefeilter »dekonstruktivistischer« Theoreme nicht sogar vulgären Auschwitz-Leugnern ein Podium geboten, da doch ohnehin alles Meinung sei und Tatsachen diskutabel?

Ruhig, präzis und stringent analysiert Finkielkraut solchen Irrsinn, der nunmehr eine neue Dimension erreicht hat: Weit entfernt, den Völkermord zu leugnen, wird dieser nun als gezinkte Spielkarte gegen das demokratische, hochkomplexe Israel verwendet, dem man vorwirft, »mit den Palästinensern heute das Gleiche zu tun«. Auf solche Weise tönen nicht nur der Regisseur Jean-Luc Godard und der Literaturnobelpreisträger José Saramago, sondern auch ein ganzes Heer ähnlich gepolter »Menschenrechts«-Aktivisten.

Eine fatale Entwicklung, denn gegen einen quasi »alten« Antisemitismus hatte man sich noch offensiv zur Wehr setzen können mit einem reflektierten Stolz auf das eigene Jude-Sein. Wie aber reagieren, wenn man sich plötzlich als »Rassist« bezeichnet findet, wenn moralische Empörung gekidnappt und umfunktioniert wird, um an den Juden ihr Mütchen zu kühlen?

Nicht die schlechtesten Bücher fordern sowohl Zustimmung als auch Widerspruch heraus.

Kaum je zuvor wurde diese Infamie, die ja auch längst in Deutschland en vogue ist, so tiefgründig analysiert. Auch scheut sich Finkielkraut nicht, diesen neuen Antisemitismus in Bezug zu setzen zum Hass, der in zahlreichen Einwanderervierteln wütet, gewaltsam ausgreift und inzwischen Zehntausende jüdischer Franzosen dazu gebracht hat, das Land zu verlassen.

EINWANDERERVIERTEL In der Tat: Einstmals ethnisch gemischte Städte und Stadtteile wie Sarcelles oder Belleville sind mittlerweile nahezu »judenrein«. Doch liegt das nicht eher an einem politisierten und dazu über das Internet verbreiteten Islamismus als an der Präsenz »der« Muslime, da die meisten doch bis weit hinein in die 90er-Jahre an besagten Orten friedlich zusammenlebten mit ihren jüdischen Nachbarn?
Nicht die schlechtesten Bücher fordern sowohl Zustimmung als auch Widerspruch heraus.

Leider begibt sich hier Alain Finkielkraut ohne Not in eine Falle: Nicht allein universelle Werte, so der Philosoph, sollten nun zählen, sondern auch »Tradition«.

Seine Sehnsucht nach dem »guten alten Frankreich« ist allerdings angesichts der seit Jahrhunderten andauernden mental-politischen Zersplitterung des Landes nicht nur krass ahistorisch, sondern – man muss es leider so sagen – identitär-kulturalistisch. Auf welcher Ebene nämlich sollten Menschen miteinander auskommen, wenn sie sich nicht auf allgemeingültige Werte verständigen, sondern stattdessen jeder sein Brauchtum (bei Finkielkraut ist es ironischerweise nun vor allem der katholisch-schwärmerische Poet Charles Péguy) zum Entscheidenden erklärt?

Es ist nicht das klarste Fahrwasser, in das sich der Autor hier begibt, gleichzeitig aber gilt auch in diesem Fall: Es sind nicht die schlechtesten Bücher, die sowohl Zustimmung als auch Widerspruch herausfordern.

Alain Finkielkraut: »Ich schweige nicht. Philosophische Anmerkungen zur Zeit«. Aus dem Franzö­sischen von Rainer von Savigny. Langen Müller,
München 2021, 144 S., 22 €

Kino

»EPiC: Elvis Presley In Concert« feiert Kinostart

Laut Regisseur Baz Luhrmann ist das Werk weder eine reine Dokumentation noch ein klassisches Konzertfilm-Format, sondern ein tiefgründiges Porträt des 1977 verstorbenen jüdischen Stars. Die Kritiker sind beeindruckt

 31.01.2026

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

Interview

»Wir sind in der kleinen jüdischen Welt einsam«

Der diesjährige Lerntag »Jom Ijun« beleuchtet das innerjüdische Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Individualismus. Warum auch der jüdische Diskurs davon betroffen ist, erklären die Organisatoren Ron Caneel und Ehud Landau im Gespräch

von Nicole Dreyfus  31.01.2026

Aufgegabelt

Früchtebrot

Rezepte und Leckeres

 31.01.2026

Rezension

Israel lieben und an Israel zweifeln

Sarah Levys Buch »Kein anderes Land« ist ein persönliches Zeitdokument – von Sommer 2023 bis zum 7. Oktober und dem Gaza-Krieg

von Eugen El  31.01.2026

"Dschungelcamp"

Gil Ofarim: »Auch ich will ’ne Antwort - vom deutschen Justizsystem«

Musiker Gil Ofarim steht wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit

von Britta Schultejans  31.01.2026

Meinung

Warum der Begriff »Davidstern-Skandal« unpassend ist

Die Formulierung beschreibt den Vorfall nicht nur falsch, sie deutet ihn auch als ein jüdisches Vergehen

von Martin Krauß  30.01.2026

TV-Tipp

Brillanter Anthony Hopkins glänzt in »One Life«

Kurz nach dem Holocaust-Gedenktag zeigt 3sat ein biografisches Drama über den Briten Nicholas Winton, der 1939 Kindertransporte von Prag nach London organisierte und damit mehrere hundert Kinder vor den Nazis rettete

von Jan Lehr  29.01.2026

Kairo/Berlin

Ägypten verbietet Buch zu Gaza-Krieg - Autoren: Das Interesse ist riesig

Ihr Streitgespräch über den Nahostkonflikt sorgte in Deutschland für viel Aufmerksamkeit - doch Ägyptens Zensur verbietet das Buch von Philipp Peyman Engel und Hamed Abdel-Samad. Die Autoren nehmen es eher gelassen

 29.01.2026 Aktualisiert

Literatur

Waisenkinder des Lebens

Aus Barbara Honigmanns neuem Buch »Mischka. Drei Porträts« lässt sich erfahren, welch strenge Schönheit und unprätentiöse Würde in der Erinnerung liegen

von Marko Martin  29.01.2026