Zionismus

Ambivalenz der Gefühle

Eva Illouz (62) ist Soziologieprofessorin an der Hebräischen Universität Jerusalem. Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress

Es ist ein Geburtstagsgeschenk der eigenen Art, das die renommierte französisch-israelische Soziologin Eva Illouz zum 75. Jahrestag der Staatsgründung Israels geschrieben hat. In ihrem neuen Buch Undemokratische Emotionen analysiert sie, wie anhand von Gefühlen und Stimmungen Politik gemacht wird – undemokratische Politik. Was aber, wenn diese durch zuvor abgehaltene Wahlen legitimiert zu sein scheint?

Die an der Hebräischen Universität Jerusalem lehrende Autorin weiß genau um solche Rechtfertigungsmuster und macht deshalb sogleich zu Anfang ihres Buchs klipp und klar deutlich, was sie unter (repräsentativer) Demokratie versteht: ein komplexes, austariertes System der Gewaltenteilung und des institutionellen Minderheitenschutzes – und keineswegs nur die nicht zu hinterfragende Herrschaft einer temporären parlamentarischen Mehrheit.

realitäten Vier Emotionen hat Eva Il­louz ausgemacht, die Demokratien unterminieren können: Angst, Abscheu, Ressentiment – und Liebe. Letzteres scheint erklärungsbedürftig, denn wie die anderen drei Aspekte ein gedeihliches Miteinander vergiften, lässt sich unschwer imaginieren.

In diesem Buch werden jedoch keine Fantasiegebilde beschworen, sondern Realitäten kenntlich gemacht. Diese Realitäten allerdings tatsächlich im Plural, da etwa Angst und Abscheu durchaus legitim sind angesichts von Israels zahlreichen Feinden – jedoch vom ultrarechten Lager auch ins­trumentalisiert werden, um innenpolitische Kontrahenten zu denunzieren.

Anders als »post-zionistische« Intellektuelle fremdelt Illouz nicht mit dem Begriff der Nation.

Eva Illouzʼ Buch ist zwar vor dem Versuch der gegenwärtigen Regierung geschrieben worden, mit dem Obersten Gerichtshof auch das Prinzip der Gewaltenteilung zu schwächen, liest sich aber gerade deshalb wie eine Warnschrift. Die Autorin macht dabei kein Hehl aus ihrer sozialliberal-zionistischen Präferenz.

Auf den Beifall sogenannter Israelkritiker wird sie mit Sicherheit verzichten können. Es geht ihr in diesem ohne pathetischen Überschwang geschriebenen Buch um eine Stärkung ihres geliebten Israel und nicht um wohlfeile Rundumschläge einer »Enttäuschten«. Doch was ist nun mit jener »Liebe«, die hier ebenfalls als »antidemokratische Emotion« firmiert?

Eva Illouz schreibt: »Ist das Land einmal zum Heiligen gemacht, wird die Forderung nach Loyalität zur Nation total. Eine solche Identität wird dann von Gruppen beansprucht, die sich selbst als Mehrheiten betrachten.« Ergo: Auch hier droht – unter dem Vorwand, Einheit zu schaffen – die Gefahr von Spaltung und Exklusion.

Illouzʼ Befund ist freilich alles andere als anti-religiös. Im Gegenteil: Im permanenten Insistieren des Judentums auf der Heiligkeit des Lebens erkennt sie ein wirksames Antidot zu einem quasi heidnischen Nationalismus.

PATRIOTISMUS Und anders als so manch »post-zionistische« Intellektuelle fremdelt sie auch nicht mit dem Begriff und der Realität der Nation. Allerdings benötige diese, um solidarisch und abwehrbereit bleiben zu können, einen »konstruktiven Patriotismus«.

Nach dem tragisch frühen Tod des ebenso beeindruckenden wie luziden Soziologen Carlo Strenger im Herbst 2019 hatte es mitunter fast so geschienen, als sei die lange Tradition eines liberalen Zionismus an ihr Ende gekommen, zerrieben zwischen einer zänkisch-identitären Linken und einer (Ultra-)Rechten, die aus ihrer Verachtung liberaler Usancen kein Hehl macht.

Auf »autoritären Neoliberalismus« lässt sich Netanjahus Wirtschaftspolitik nicht reduzieren.

Mit diesem Buch, so viel lässt sich sagen, meldet sich dieses Israel vernehmlich zurück. Was selbstverständlich nicht bedeutet, dass man jeder von Illouzʼ Beschreibungen kritiklos zustimmen müsste. Die Reduktion etwa von Benjamin Netanjahus (überaus erfolgreicher) Wirtschaftspolitik auf einen nebulösen »autoritären Neoliberalismus«, der gar in der Erfahrung der US-amerikanischen Reagan-Jahre wurzele, greift ebenso zu kurz wie so mancher anklagende Satz über die »Globalisierung«.

stichwort Dabei sind es – Stichwort »konstruktiver Patriotismus« – nicht zuletzt gestandene Wirtschaftsleute und unzählige junge Start-up-Unternehmer, die inzwischen gegen die gegenwärtige Regierung auf die Straße gehen.

Der Geist der Aufklärung und der universalistischen Werte, der Eva Illouz zufolge beinahe schon moribund geworden war, scheint jedenfalls resilienter zu sein als gedacht. Vielleicht ja auch ein wenig dank solcher Bücher, die sich jeglicher Schönfärberei verweigern.

Eva Illouz: »Undemokratische Emotionen. Das Beispiel Israel«. Aus dem Englischen von Michael Adrian. edition suhrkamp, Berlin 2023, 259 S., 18 €

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