Münchner Kammerspiele

Am Ende gibt es keine Erlösung

»In the Penal Colony« in den Münchner Kammerspielen Foto: Thomas Dashuber

Münchner Kammerspiele

Am Ende gibt es keine Erlösung

Das Jewish Chamber Orchestra brachte Philip Glassʼ Kammeroper »In The Penal Colony« auf die Bühne

von Vivian Rosen  23.06.2024 00:30 Uhr

Die Situation ist von geradezu grotesker Grausamkeit: »Ich folgte der Einladung zur Hinrichtung nur aus Höflichkeit«, stellt der Besucher aus Europa gleich zu Beginn klar. Der minutiösen Schilderung eines Hinrichtungsapparates, der dem Verurteilten sein Urteil blutig bis zum Tode in den Leib schreibt, folgt er als Beobachter.

Urteilen will er nicht, sich einmischen schon gar nicht, obwohl er schnell erkannt hat: »Gleichwohl gibt es bei dieser Hinrichtung keinen Zweifel: Sie ist ungerecht und unmenschlich.« Im Jahr 2024, mehr als 100 Jahre nach ihrer Entstehung im Oktober 1918 hat Franz Kafkas Erzählung »In der Strafkolonie« nichts von ihrer Aktualität verloren – im Gegenteil.

Anlässlich des 100. Todestags von Franz Kafka brachte das Jewish Chamber Orchestra Munich unter Leitung von Daniel Grossmann Philip Glassʼ Kammeroper In the Penal Colony nach Kafkas Erzählung auf die Bühne der Münchner Kammerspiele. Im minimalistischen Bühnenbild, dessen transparente Podestkonstruktion mit der »Minimal Music« von Philip Glass korrespondierte, platzierte Regisseur Martín Valdés-Stauber das Streicherensemble zentral und machte es so selbst zum Akteur. Präzise treibt es die sich wiederholenden, in sich variierenden Tonfolgen und wechselnden Rhythmen voran und lässt das »Klangwetter« entstehen, als das Glass seine Musik einmal umschrieben hat.

Ausdrucksstark in den Rollen der Antagonisten

Ausdrucksstark sind die beiden Solisten aus dem Opernstudio der Bayerischen Staatsoper in den Rollen der Antagonisten: Der schottische Tenor Liam Bonthrone gibt mit seiner klaren, eindringlichen Stimme den Besucher, der aus seiner Abscheu kein Hehl macht und sich doch auf die Position des Beobachters zurückzieht, der mit der Sache und vor allem dem Verurteilten nichts zu schaffen hat: »The condemned man is a stranger to me.«

Als Offizier versucht der brasilianische Bariton Vitor Bispo bald herrisch, tötungseifrig und stolz, bald vertraulich werbend, den Besucher von der technischen Raffinesse des Hinrichtungsapparats zu überzeugen, und hält ihm vor, er sei »trapped in European attitudes«. Den Apparat, seine tödlichen Spitzen und die Zuckungen des Opfers tanzt Carolina de la Maza. Es sind die intensiven Momente, in denen die Spannung des Abends zwischen der kaum zu ertragenden Grausamkeit des Dargestellten und der Schönheit der Darstellung am dichtesten wird.

Am Ende gibt es keine Erlösung, der Besucher nimmt sein Schiff und entlässt das ebenso erschütterte wie begeisterte Publikum in die Nacht. Es ist der 9. Juni: Draußen erscheinen auf den Smartphones die Hochrechnungen der Europawahl, und es bleibt die Frage nach dem Bestand der »European attitudes«.

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