»Old Ideas«

Alter Meister

Raspelstimme: Leonard Cohen Foto: dpa

Seit ein paar Wochen sind die »Old Ideas« auf dem Markt, und schon kann man sich, weil schon viel und überall artig besprochen, kurz fassen: zwölftes Studio-Album, das erste seit acht Jahren, von Leonard Cohen, inzwischen – meine Güte – schon 77 Jahre alt. Zehn neue Songs, davon zwei schon auf den letzten Tourneen angetestet. Stimmung und voll geglücktes production design: extrem entspannt.

lakonisch Ein paar großartige Zeilen: »He is a lazy bastard who lives in a suit« oder »You want to live where the suffering is/I want to get out of town/C’mon baby give me a kiss/Stop writing everything down«. Minimalistische Musik (Anyhow, mit gespenstischen Vocals der immer grandiosen Background-Mädels), komplizierte Beziehungskisten, reduktionistisch auf den Punkt gebracht: Different Sides. Lakonische Selbstironie (Going Home): »I love to speak with Leonard/He’s a sportsman and a shepherd …« und opulentes Herumgespiele mit allerlei transzendentem Schnickschnack, der sich aber um Himmels willen nicht irgendwie festlegen lässt.

Poetisch und rätselhaft eben, wie ein Song über ein bedrohliches, kaputtes Banjo, schon wieder mit einer wunderbaren Zeile: »It’s coming for me darling/No matter where I go/Its duty is to harm me/My duty is to know«.

Was machen wir denn damit? Hoffentlich gibt’s nicht bald (oder gibt’s die schon?) bescheuerte Cohen-Auslegezirkel, die sich wie bei Arno Schmidt in Exegesen und Dechiffrierungen ergehen und in ziemliche jede Kontingenz-Falle eifrig hineinstolpern.

Anyway, hitverdächtig, wenn man denn bei Cohen von Hits reden kann, also eher klassikerverdächtig: Darkness und Different Sides, vermutlich weil mit größerer Band, fetter Orgel und bluesigem Piano nicht ganz so minimalistisch aufgezogen. Wobei es ziemlich müßig ist, die musikalische Cohen-Formel auseinanderzuklamüsern.

Ist sowieso alles drin und auch wieder nicht, weil zu einem einzigen signifikanten Cohen-Sound amalgamiert, was wir auch gar nicht anders wollen. Die Old Ideas sind glücklicherweise keine hektischen Experimente, sondern eine Art Essenz, geballte, jahrzehntelange musikalische Entwicklung.

raspelstimme Und natürlich die Stimme – tiefer, raspeliger denn je (falls das noch geht), eher sprechend denn singend, aber alles das nicht als Verfallserscheinung. Cohen kann ganz tief gehen, ganz langsam werden (nee, für Fans flotter Rhythmen ist diese CD nicht empfehlenswert), ohne deswegen gleich brüchig, moros oder sonstwie endzeitlich wirken zu wollen.

Wie überhaupt die ganze CD natürlich mit den letzten Dingen herumspielt – auch die Engelschöre der Webb-Sisters, von Sharon Robinson, Dana Glover und Jennifer Warnes könnten in diese Richtung deuten –, aber erstens gab es das schon immer bei Meister Cohen, und zweitens ist die ganze CD von derart relaxter Ironie durchzogen, dass auch diese Interpretation nicht aufginge. Aber warum sollte man sich auch auf Sinnsuche machen, wenn doch das bestens funktioniert, was Leonard Cohen schließlich macht: Musik. Sexy, rätselhaft, mit Witz und größter Könnerschaft.

Leonard Cohen: Old Ideas. Sony Music (auch als Doppel aus CD & Vinyl erhältlich).

Kommentar

Antisemitismus im »Safe Place«: Die Kunstakademie Düsseldorf macht’s möglich

Eine Kunstakademie sollte Räume für kritisches Denken öffnen - aber nicht für Ideologien, die Menschenfeindlichkeit salonfähig machen

von Nicole Dreyfus  02.02.2026

Kino

»Disclosure Day«: Steven Spielberg bringt neuen Alien-Film ins Kino

Der jüdische Regisseur legt mit seinem neuen Sci-Fi-Drama ein geheimnisvolles Werk vor, das einen ganz neuen Ansatz verfolgen soll

 02.02.2026

Meinung

TV: Antisemitismus auf Sendung

RTL zeigte ein Video zu einem »Betrüger-Gen« von Gil Ofarim – ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag. Das muss Konsequenzen haben

von Ayala Goldmann  02.02.2026

TV

»Stefan Raab Show« unterstellt Gil Ofarim »Betrüger-Gen«

In seiner »Dschungelcamp«-Nachlese greift der Showmaster in einem Einspieler auf antisemitische Stereotype zurück

von Ralf Balke  02.02.2026

Los Angeles

Jack Antonoff gehört zu den jüdischen Grammy-Gewinnern

Der Sänger, Songschreiber und Produzent aus New Jersey war mehrfach nominiert. Welche Juden gewannen noch?

von Imanuel Marcus  02.02.2026

Fernsehen

»Du bist ein kranker Lügner«

Ariel attackiert Gil Ofarim und Mirja muss raus: So war die zehnte Folge des Dschungelcamps

von Martin Krauß  01.02.2026

"Dschungelcamp"

Gil Ofarim: »Auch ich will ’ne Antwort - vom deutschen Justizsystem«

Musiker Gil Ofarim steht wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit

von Britta Schultejans  01.02.2026

Musik

»Ich werde alles geben«

Noam Bettan, Israeli mit französischen Wurzeln, vertritt sein Land beim Eurovision Song Contest in Wien

von Sabine Brandes  01.02.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Veränderung oder Die Welt von gestern ist nicht mehr

von Nicole Dreyfus  01.02.2026