Fernsehen

Als Jüdin gebucht

Auf Sendung: Adriana Altaras bei Markus Lanz am 25. Januar 2012 Foto: imago

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Als Jüdin gebucht

Zu Gast bei Markus, Bettina & Co: Aus dem Leben einer Talkshow-Teilnehmerin

von Adriana Altaras  12.06.2012 06:46 Uhr

David, mein Sohn, sagt, ich soll mich nicht wundern, wenn er in Deutschland keinen Job bekommt. Ich lache und nehme es als Scherz, aber tief im Innern weiß ich, er könnte recht behalten. Das hat nichts mit ihm zu tun. Auch nur indirekt mit mir. Schuld sind – die Talkshows.

Als man mich bei der letzten Talkshow gefragt hat, was ich glaube, was Pubertät sei, habe ich geantwortet: »Eine Hand am Sack, eine am Computer.« Ich glaube das wirklich. Vielleicht hätte ich es nicht sagen dürfen, aber mal ehrlich: Ist es nicht so?

Früher hätten sie keinen Computer gehabt, haben mir die Jungs von BossHoss geantwortet, die neben mir in der Talkrunde saßen. Das gibt Anlass zu einigen Vermutungen. Zum Beispiel: Hatten sie also beide Hände am Sack? Oder haben sie (mit beiden Händen) die ganze Zeit Klavier und Gitarre geübt? Jedenfalls sind sie gut geworden, so oder so.

Es sind nette Jungs. Sie engagieren sich gegen Rassismus, vermutlich ist ihre Kampagne erfolgreicher als die der Kirche. Überhaupt trifft man so einige interessante Gäste in diesen Talkshows, weshalb ich keinen meiner Auftritte missen möchte, auch wenn David später keinen Job bekommen wird.

einladungen Nicht immer war ich ein Talkshow-Profi. Aber eines Tages wurde ich prominenter, und sofort purzelten Einladungen aller Art auf meinen Schreibtisch. Das ist so in Deutschland. Bis dato hatte ich Mühe, Maybrit von Sandra zu unterscheiden, Markus von Reinhold und vice versa. Jetzt kenne ich ihre Profile, ihre Gesichtsausdrücke und den größten Teil ihrer Gäste. Es sind häufig dieselben, nur ziehen sie sich was anderes über, damit man sie nicht gleich wiedererkennt. Auch Markus wechselt seine Schuhe. Er ist überhaupt hochprofessionell.

Ich werde als Jüdin gebucht. Das ist nicht weiter erstaunlich, denn mein Roman ist der Anlass, und der hat ein jüdisches Sujet. Als Jüdin in einer Talkrunde dabei zu sein, ist eine knifflige Angelegenheit, denn natürlich will ich keine Berufsjüdin sein, aber ich werde zu jüdischen Themen befragt werden, da ist es schon von Vorteil zu wissen, was man sagen möchte, wie und für wen. Und so kommt es, dass ich »Hausaufgaben« mache. Ich lese Günter Grass’ Gedicht bis zu Ende, was wirklich nicht ganz einfach ist. Ich bin im Bilde über die israelische Innenpolitik. Weiß genauer, wie viele Panzer wann wer wem geliefert hat. Und kann die Hatikwa rückwärts pfeifen.

Natürlich könnte ich auch absagen, mich krankmelden. Aber mein Ego fühlt sich herausgefordert. Und wenn man die Möglichkeit hat, etwas zu sagen, ist es falsch, es nicht zu tun. »Für all die anderen, die nicht gefragt werden, Sprachrohr sein«, murmele ich auf dem Weg vor mich hin. Und so treffe ich mich wieder in Runden mit Hannelore Kraft, mit Mausi Lugner oder Kim Wilde.

fettnäpfchen Markus ist ein großer Könner. Er ist schnell und humorvoll, steht nicht allzu lange in Fettnäpfchen und zieht einen raus, wenn man selbst zu versinken droht. Da war die Exfrau eines Ministers, die mir gerade erklären wollte, dass die Beschneidung bei Jungs genau dasselbe ist wie die von Frauen, die in Afrika beschnitten werden. Ich wollte ihr sehr humorvoll an die Gurgel, aber Markus ließ ihr Wasser bringen und bat sie, sich das Thema zu merken.

Schwieriger wurde es, als ich die Brücke schlagen sollte zwischen einer Überlebenden rechts neben mir und einem Dschungelcamp-Survivor links neben mir. Hauptsache Lager, dachte ich, entschied mich aber zu schweigen. Einige Tage saß mir die Veranstaltung in den Knochen, und die Frage nach dem Sinn wollte sich nicht herstellen. Andererseits ist Gedenken Gebot Nummer eins, Vergessen eine Sünde, warum nicht.

absagen Es gibt Abende, die glücken. Der Moderator oder die Moderatorin haben Empathie und Intelligenz. Dann gibt es Shows, bei denen ich mich frage, warum ich nachts um viertel vor zwölf vom Holocaust erzählen soll. Musste man warten, bis alle Antisemiten im Bett sind? Und es gibt Talkrunden, die ich absage, weil ich beim besten Willen trotz »Hausaufgaben« nicht verstehe, warum der Verfassungsschutz die Thüringer Mörder nicht früher gefasst hat, warum die NPD nicht verboten wird, warum, warum , warum ...

Alles in allem bin ich ein Fan von Bettina und Barbara, ja, auch von Hubertus und Eckart. Sie laden mich immer wieder ein und werden nicht müde, das Schächten, den Bris, die Barmizwa verstehen zu wollen. Und ich mache mich hübsch, gebe mir Mühe, charmant zu sein und ihnen das alles zu erklären, auch wenn ich es nicht ganz nach der Halacha schaffe. Denn ich finde: Wer was sagen darf, hat auch die Verantwortung, es zu tun. Am besten gut. Ich übe weiter.

Adriana Altaras wurde 1960 in Zagreb geboren und lebt seit 1967 in Deutschland. Sie hat in zahlreichen Filmen und TV-Produktionen als Schauspielerin gearbeitet, unter anderem in »Alles auf Zucker« und »Kriminaldauerdienst«. 1988 gewann sie den deutschen Filmpreis. Adriana Altaras ist auch als Theaterregisseurin bekannt geworden(»Vagina-Monologe«). 2002 war sie künstlerische Leiterin der Jüdischen Kulturtage Berlin. 2011 erschien ihr von der Kritik hochgelobtes Buch »Titos Brille. Die Geschichte meiner strapaziösen Familie« (Kiepenheuer & Witsch, 272 S., 18,95 €). Die Mutter von zwei Söhnen trainiert in ihrer Freizeit Karate und ist Trägerin des braunen Gürtels.

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