Hakoah Wien

Als Europas bester Fußball jüdisch war

Jüdische Fußballjungs in den 20er-Jahren

Eric Gumpert erlebte einen schönen Nachmittag. »Als die Hakoahner mit dem Magen David auf der Brust auf den Sportplatz liefen, hüpfte mein Herz vor Freude und Stolz, ein Jude zu sein.« Es war der 22. März 1924, der jugendliche Gumpert war in den Berliner Wedding gefahren, um sich am Gesundbrunnen ein historisches Fußballspiel anzuschauen.

Der Berliner Verein Tennis Borussia (TeBe) hatte die österreichische Weltklassemannschaft Hakoah Wien zu einem Freundschaftsspiel eingeladen. Nicht nur Gumpert freute sich. Die »B.Z. am Mittag« schrieb: »Eine kürzlich beendete Palästina-Reise war für Hakoah ein ununterbrochener Siegeslauf. Aber eine noch größere Leistung vollbrachten diese noch vor kurzer Zeit, indem sie in England die Berufsspieler-Mannschaft Westham United mit 5:0 niederkanteten.«

Berliner Morgenpost 3:3 Unentschieden ging die Partie aus. 7000 Zuschauer waren gekommen, und es ging wirklich nur um Fußball. Einzig die »Berliner Volks-Zeitung« erwähnte, dass Hakoah ein jüdisches Team war. »Im Allgemeinen hatten die Gäste mehr vom Spiel und waren auch technisch besser«, blieb der »Berliner Lokal-Anzeiger« fußballsachlich. Von einem »seltenen sportlichen Genuss« schrieb die »Berliner Morgenpost«, die Gäste zeigten »erstklassigen Fußballsport, der bei uns schon so selten geworden ist«.

Sechs Wochen später kam Hakoah wieder nach Berlin, diesmal spielte die Mannschaft gegen Hertha BSC, und hier gewannen die Gastgeber sogar – 4:3. Hertha hatte die Zuschauer auf dem Platz an der Millionenbrücke mit Fähnchen ausgestattet. Plötzlich war aber auch Kritik an den Wienern zu lesen. »Hakoah spielte etwas hart«, monierte die »B.Z.«, und die »Volks-Zeitung« kritisierte, Wiens guter Eindruck sei »durch hässliches Reklamieren und teilweise harsches Spiel« zunichtegemacht worden. Gekippt war die Stimmung, als die Hakoah-Spieler kurz vor Schluss gegen einen aus ihrer Sicht ungerechtfertigten Elfmeter protestierten.

»Für TeBe war es ein Aufbruch«, urteilt der Historiker Jan Buschbom über das erste Berliner Freundschaftsspiel. »In der Vereinszeitung wurde sehr groß darüber berichtet.« Es folgten noch weitere internationale Spiele, die der Mannschaft wertvolle Erfahrungen vermittelten. Eine Folgewirkung war sogar, dass TeBe vom tradi- tionell deutschnationalen Deutschen Fußball-Bund ausgeguckt wurde, für eine zaghafte Annäherung an den »Erzfeind« Frankreich zu sorgen: Das Team spielte im Oktober 1924 gegen den Club Français; der DFB hatte sich für die sportlich gar nicht zur deutschen Spitze zählenden Berliner entschieden, weil die auch »mit Takt und verständnisvollem Auftreten« gefielen.

DFB Überhaupt hätten die Gastspiele der Hakoah die Wende zu einer besseren, weltoffeneren Fußballentwicklung in Deutschland sein können – und das zur gleichen Zeit, als in München Adolf Hitler wegen Hochverrats verurteilt wurde. Doch schon 1925 verbot der DFB seinen Vereinen, gegen ausländische Profiteams anzutreten. Das ging in Richtung England – und gegen Österreich. »Das Verbot hat vieles zerstört«, sagt Jan Buschbom. In Österreich gab es seit 1924 eine Profiliga, hier wurde der beste und modernste europäische Fußball gespielt, und 1925 wurde Hakoah österreichischer Meister.

Das geschah, ohne dass der Klub Kompromisse eingegangen wäre. »Hakoah war auf der Basis jüdischer Identität – Nichtjuden waren nur als Trainer zugelassen – ein nach liberalen Prinzipien strukturierter Verein«, schreibt der Historiker John Bunzl. Dieser Klub zelebrierte Weltklassefußball, während sich der deutsche Fußball für Rückschrittlichkeit entschieden hatte.

Begeistert von den Wienern waren jüdische Jungen wie Eric Gumpert aus Berlin. Sie gründeten 1924 Hakoah Berlin. Es war eine Erfolgsgeschichte. »In vier Wochen hatten wir etwa 400 Mitglieder«, berichtete Gumpert später in einem Erinnerungsaufsatz. Im Oktober 1924 hatte Hakoah Berlin schon vier Männerteams, zwei Junioren-, eine Jugend- und eine Schülermannschaft. »Sie kamen von überall, besonders von den jüdischen Schulen«, schrieb Gumpert.

»Wir brauchten auch starke Männer. Wenn wir in den kleineren Ortschaften spielten, und oft mit Erfolg, wurden wir von Antisemiten angegriffen.« Die oberste Berliner Spielklasse, die Oberliga, erreichte Hakoah Berlin nie, aber von einzelnen Erfolgen wird berichtet. Paul Kestenbaum, einer der Jungs, die am Anfang dabei waren, spielte 1932 auch für Deutschland bei der ersten Makkabiade in Palästina, und er nahm 1934 an den ersten Länderspielen Israels – also deutlich vor der Staatsgründung – gegen Ägypten teil.

Bar Kochba 1929 fusionierte Hakoah mit dem JTSV Bar Kochba, dem traditionsreichen jüdischen Turnverein. Ab 1933 wuchs der Klub an, weil die bürgerlichen Vereine mit »Arierparagrafen« Juden hinauswarfen, und weil der Arbeitersport verboten wurde. 1938 erfolgte das Verbot jeglichen jüdischen Sports in Deutschland. Die Sportler mussten fliehen oder wurden in der Schoa deportiert und ermordet.

1945 gründete sich Hakoah wieder, doch lange gab es den Verein nicht. Hakoah fusionierte 1947 mit der SV Vineta 05. Eine andere Quelle nennt das Jahr 1953. Diesen Klub gibt es heute noch: Nach mehreren Fusionen heißt er WFC Corso 99/
Vineta. Seine erste Mannschaft spielt derzeit in der Berliner Kreisliga B, von seiner jüdischen Tradition findet sich nichts mehr.

Medien

Indendant der Deutschen Welle: Grundsätze zu Antisemitismus und Israelhass unverhandelbar

Peter Limbourg: »Hier geht es einfach um private, widerliche Äußerungen Einzelner«

 07.12.2021

New York

Investment-Banker darf keine Antiquitäten mehr kaufen

Der 80-Jährige Michael Steinhardt händigte den Behörden rund 180 illegal erworbene antike Werke aus

 07.12.2021

Literatur

Gefangen im inneren Ghetto

Ein jüdischer Pole flieht vor dem Zweiten Weltkrieg nach Argentinien – und wird dort von Schuldgefühlen zerfressen

von Anina Valle Thiele  06.12.2021

»ZEITGeschichte«

Ohne Klischees

Das neues Magazin der »ZEIT« beschreibt jüdisches Leben in Deutschland im Laufe der Jahrhunderte

von Alexander Friedman  06.12.2021

Meinung

Lisa Eckhart und die Judenwitze

Warum es fatal ist, dass die antisemitischen Pointen der Kabarettistin als hintergründige Satire bezeichnet werden

von Philipp Peyman Engel  05.12.2021

Social Media

Deutsche Welle setzt Partnerschaft mit jordanischem Sender aus

Anlass ist das Bekanntwerden von anti-israelischen und antisemitischen Kommentaren und Karikaturen

 05.12.2021

Stella Leder

Klartext

Die Enkelin von Stephan Hermlin hat ein schonungslos offenes Buch über ihre deutsch-jüdische Ost-Berliner Familie geschrieben

von Marko Martin  05.12.2021

Restitutionsstreit

»Echtes Instrument der Verständigung«

NS-Raubgutkommission erhöht Entschädigung für Geige eines jüdischen Vorbesitzers auf 285.000 Euro

 05.12.2021

TV-Tipp

Der neue Polizeiruf, Israel und die deutsche Schuld

In der neuen Folge spielt »Shtisel«-Star Dov Glickman einen israelischen Vater, der des Mordes verdächtigt wird

von Silke Nauschütz  03.12.2021