Der viel zu früh gestorbene Philosoph und Oberrabbiner Großbritanniens Jonathan Sacks soll einmal gesagt haben, das jüdische Volk habe seine »Paläste, Schlösser und Kathedralen nicht aus Stein, sondern aus Büchern und Bibliotheken gebaut«. Diese Vorstellung verweist auf eine Erfahrung, die das jüdische Leben über Jahrhunderte prägte: Kultur, Erinnerung und Identität wurden vor allem durch Texte und Bücher, Diskussionen, Bildung und das eigene Tun getragen.
Die an diesem Donnerstag beginnende Leipziger Buchmesse, das erste große Treffen der Buchbranche im Jahr 2026, steht unter dem Fokusthema »Donau – Unter Strom und zwischen Welten«. Die Donau verbindet Deutschland, Österreich, die Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Rumänien, die Republik Moldau und die Ukraine. Doch dieses Thema ist weit mehr als die geografische Betrachtung eines Flusses.
Die Donau ist eine der großen kulturellen Lebensadern Europas. Von den Schwarzwaldquellen bis zum Schwarzen Meer verbindet sie Landschaften, Städte, Sprachen und Erinnerungen. Sie ist Brücke und Grenze zugleich – ein Strom, der Menschen verbindet und zugleich politische Linien markiert. Gerade darin spiegelt sich die Geschichte Europas: ein Raum zwischen Brücke und Grenze, zwischen Begegnung und Abgrenzung. Und dennoch ein breiter Raum, der gemeinsames vereint und trennendes sichtbar macht.
Besonders sichtbar wurde diese europäische Vielfalt in der Welt der Habsburgermonarchie – jenem vielsprachigen Raum, den Robert Musil mit ironischer Zärtlichkeit »Kakanien« nannte. Basierend auf dem k. und k. der kaiserlich, königlichen Monarchie, im Titel des Staates.
Entlang der Donau entstand ein Geflecht aus Regionen, Religionen und Kulturen, das in seiner Dichte einzigartig war. Deutsche, Ungarn, Tschechen, Polen, Rumänen, Kroaten, Serben und viele andere lebten in einem politischen Rahmen, der – bei allen Spannungen – eine gemeinsame kulturelle Bühne schuf. Europa zeigte sich hier als ein Raum, in dem Kulturen, Konflikte und Kräfte aufeinandertrafen und in dem sich Identität ständig im Wandel befand.
In diesem Raum spielte das Judentum eine besondere Rolle. Juden waren in vielen Städten des Donauraums präsent: in Deutschen Reich, Wien, Budapest, Prag, Lemberg, Czernowitz oder Pressburg. Sie bewegten sich zwischen Sprachen und Traditionen, zwischen religiöser Überlieferung und moderner Bildung. Diese Mehrsprachigkeit machte viele jüdische Intellektuelle zu Vermittlern der Moderne. Die Donau war damit nicht nur ein geografischer Strom, sondern auch eine Wasserlinie von Lebensräumen und Lebensträumen, entlang derer sich kulturelle Begegnungen und geistige Entwicklungen entfalten konnten.
Die rechtliche Emanzipation im 19. Jahrhundert öffnete Juden Universitäten, Berufe und das öffentliche Leben. Daraus entstand eine außergewöhnliche kulturelle Blüte in Wissenschaft, Literatur, Musik, Philosophie und politischem Denken. Namen wie Sigmund Freud, Veza Canetti, Nathan Birnbaum und Theodor Herzl, Martin Buber oder Stefan Zweig und Hedy Lamarr, stehen exemplarisch für diese mitteleuropäisch-jüdische Moderne. Gleichzeitig entstand im Spannungsfeld von Integration und wachsendem Antisemitismus eine neue jüdische Selbstreflexion, an denen sich Rabbiner wie Jehuda Alkalaij und der Chatam Sofer Moses Schreiber, oder DenkerInnen und DichterInnen wie Freud, Veza und Elias Canetti, Selma Meerbaum-Eisinger und Paul Celan, rieben.
Der Schriftsteller Friedrich Torberg, selbst ein Kind dieser untergegangenen Welt, hat sie in seinen Büchern über die »Tante Jolesch« mit melancholischer Ironie erinnert. Man möchte Torberg, den kongenialen Autor, dessen nahezu gesamtes schriftstellerisches wie auch essayistisches Lebenswerk die »Tante Jolesch« und den»Untergang des Abendlandes in Anekdoten« – als einen einzigen großen Nachruf auf dieses Kakanien lesen, und ihm die Worte, »Kakanien, war mehr als ein Staat – es war eine Lebensform« in den Mund legen.
Die Idee eines »Europa der Regionen« geht auf europäische Föderalisten der Nachkriegszeit zurück, besonders auf den Schweizer Denker Denis de Rougemont. Er vertrat die Auffassung, dass Europa historisch eher aus gewachsenen Kulturregionen als aus zentralistischen Nationalstaaten bestehe. In der deutschen Politik wurde dieser Gedanke später von föderal orientierten Politikern aufgegriffen, unter anderem von Franz Josef Strauß und verschiedenen Ministerpräsidenten der Bundesländer. Besonders in den Debatten um die europäische Integration in den 1980er- und 1990er-Jahren gewann der Begriff an Bedeutung. Das Konzept beschreibt ein Europa, in dem Regionen, Kulturen und historische Räume und Identitäten stärker berücksichtigt werden als nationale Grenzen. So konnte sich im Judentum, die Jahrtausende alte Idee der Rückkehr zum Ursprung, sowohl der jüdischen Identität, wie des Lebensortes, »Eretz, Zion, Jeruschalajim« gerade hier in politischer Form materialisieren.
Doch diese Welt, und dieser Raum, in denen Juden so wichtige Rollen spielten, diese Welt ging unter. Die Schoa, die Vertreibung, die Vernichtung, die Entrechtung, Beraubung und Plünderung, und die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts zerstörten das fragile Geflecht jüdisch-mitteleuropäischer Kultur. Auch die politischen Formen Europas erwiesen sich als wandelbar. Nationalstaaten erscheinen heute als feste Realität, doch Beispiele wie das durch Bürgerkrieg zerfallene Jugoslawien oder die friedlich aufgelöste Tschechoslowakei zeigen, dass auch sie nur historische Formen im Strom der Geschichte sind – auch weil man sich bewusst für das Herausstreichen der Unterschiede entschied.
Gerade deshalb lohnt sich der Blick zurück auf den Donauraum. Die Donau erinnert uns daran, dass Europa nie nur aus Nationalstaaten bestand. Europa war immer auch ein Raum von Regionen, Religionen und kulturellen Übergängen.
Der Fluss und das Wasser, die im Talmud durch Rabbi Akiva als Torah, Lebensquell angesehen werden, der als fließende Mikwe, die spirituelle Reinigung darzustellen vermag. Der Prediger Kohelet beschreibt im Tanach den Lauf der Welt mit einem scheinbar einfachen Satz:
»Alle Flüsse fließen ins Meer, doch das Meer wird nicht voll; an den Ort, von dem die Flüsse kommen, dorthin fließen sie immer wieder.« (Kohelet/Prediger 1,7)
In der klassischen jüdischen Exegese wurde dieser Vers nie nur als naturkundliche Beobachtung verstanden. Raschi erklärt in seinem Kommentar zu Kohelet 1,7, dass die Wasser durch die Erde wieder zu ihren Quellen zurückgeführt werden und so der Kreislauf der Schöpfung sichtbar wird. In der rabbinischen und homiletischen Tradition wurde dieser Gedanke oft auch symbolisch gelesen: Die vielen Ströme der Welt – Völker, Kulturen und Sprachen – bewegen sich in einem größeren Zusammenhang der Geschichte, ohne dass ihre Vielfalt verloren geht.
Europa ist dann lebendig, wenn seine Kulturen miteinander sprechen.
Der jüdische Schriftsteller und Nobelpreisträger Elie Wiesel griff dieses biblische Bild auf, als er seiner Autobiographie den Titel »Alle Flüsse fließen ins Meer« gab, verstand dieses Bild als Metapher für den Weg eines Lebens und einer ganzen Generation, deren Erfahrungen – von der osteuropäisch-jüdischen Welt bis zur Katastrophe der Schoa – in den großen Strom der Geschichte münden.
Gerade im Blick auf den Donauraum erhält dieses Bild eine besondere Resonanz. Wie viele Flüsse in die Donau und schließlich ins Meer münden, so flossen auch die kulturellen Ströme Mitteleuropas zusammen: Regionen, Religionen und Sprachen bildeten eine vielschichtige Textur europäischer Erfahrung.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Botschaft dieses Flusses: dass der Raum, Europa dann lebendig ist, wenn seine Kulturen miteinander sprechen, wenn Grenzen durchlässig bleiben und dennoch klar definiert werden, und wenn Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Reichtum verstanden wird, das Judentum nicht der »Kanarienvogel in der Miene, oder des Donauraumes« sein muss, sondern Avantgarde und Beispielhafter Vertreter einer Idee der multiplen Identitäten sein kann, mit engen Beziehungen zum Raum in den Jüdinnen und Juden seit nahezu 2000 Jahren leben, aber ihre engen Verbindungen, Wurzeln und Sehnsüchte zum eigentlichen Platz des Daseins, »Erez, Zion, Jeruschalajim« also Israel, offen und klar leben können.
Als die Donau durch Kakanien floss, war Europa – trotz aller Widersprüche – ein solcher Raum. Ihn zu erinnern bedeutet nicht, eine vergangene Welt zu romantisieren. Es bedeutet vielmehr, eine Idee wachzuhalten, Gefahren zu erkennen. Es bedeutet die Idee eines Europas der Regionen, Religionen und Vielfalt in dem Jüdinnen und Juden, vor allem eins sein können: Menschen.
Der Autor ist Historiker und lebt in Wien und Tel Aviv.