Rezension

Alles, nur nicht konventionell

Rezension

Alles, nur nicht konventionell

Elisabeth Wagner rückt vier Frauen aus der Familie des Verlegers Rudolf Mosse ins Licht der Aufmerksamkeit

von Gerhard Haase-Hindenberg  16.03.2025 14:49 Uhr

Das Buch Die Mosse-Frauen. Deutsch-Jüdische Lebensgeschichten von Elisabeth Wagner hat eine bemerkenswerte Vorgeschichte. Die Autorin, eine promovierte Kunsthistorikerin, arbeitete an der Berliner Humboldt-Universität jahrelang an den Schnittstellen zwischen Kunstgeschichte, Kunst und Literatur. 1997 sollte sie dann Mitbegründerin der Mosse Lectures am Institut für deutsche Literatur werden. Dieses war inzwischen in das einstige Mosse-Pressehaus eingezogen, weshalb die Idee entstand, an die Historie der Immobilie zu erinnern.

Gleich zum Start konnte George L. Mosse, selbst arrivierter Historiker sowie Enkel des Zeitungsverlegers Rudolf Mosse (1843–1920), dazu bewogen werden, eigens aus den USA in seine Geburtsstadt Berlin zu reisen. Von Anfang an hatte man sich bemüht, bei den Mosse Lectures einen aktuellen politischen Bezug herzustellen. Dabei sollte durch die Einladung von Wissenschaftlern aus Israel oder den USA stets auch eine jüdische Perspektive integriert werden.

Im Verlauf dieser Aktivitäten entdeckte Wagner vier Frauen aus drei Generationen, die allesamt nicht prominent, schon gar nicht intellektuell waren und doch zu Schlüsselfiguren der Familie Mosse wurden. Lange standen sie im Schatten der Männer. Selbst aktuell erfährt man im Wikipedia-Eintrag zu Rudolf Mosse, dass dieser »fünf Schwestern und sieben Brüder« hatte. Namentlich tauchen aber nur die männlichen Geschwister auf.

Jede von ihnen brach auf ihre Weise mit gesellschaftlichen Konventionen

Mosses Ehefrau Emilie, seine Enkelin Hilde, die aus einer außerehelichen Beziehung stammt, und die Nichten Martha und Dora haben neben dem Familiennamen nur die Gemeinsamkeit, dass jede von ihnen auf ihre Weise mit gesellschaftlichen Konventionen brach. Da ist die kinderlose Emilie als Patronin einer »Erziehungsanstalt für Knaben und Mädchen«, die für ihr umfangreiches soziales Engagement vom Kaiser den Wilhelmsorden verliehen bekam.

Die beiden Schwestern Martha und Dora vollziehen den Schritt nach einer gemeinsamen Kinder- und Jugendzeit in Japan anders. Martha promoviert in Jura, ist lesbisch und wird als erste Frau und Jüdin zum preußischen Polizeirat ernannt. Nach 1933 arbeitet sie in der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde – eine Tätigkeit, die sie auch in Theresienstadt fortsetzt.

Dora dagegen studiert Archäologie und Kunstgeschichte, heiratet einen sieben Jahre jüngeren Mann und zeigt keinerlei Interesse an Hausarbeit. Viel lieber widmet sie sich kunstgeschichtlichen Studien, die ihr später im amerikanischen Exil zu angesehenen Publikationen verhelfen. Dort lebt mittlerweile auch Hilde, die erst durch Adoption ihrer Mutter zum Namen Mosse gekommen war. Die sozialistisch eingestellte Frau wird Psychiaterin und gründet in Harlem die erste sozialpsychiatrische Einrichtung für die schwarze Community.

Das, was Wagner in Archiven, Tagebüchern oder auf Fotos gefunden hat, hätte das Potenzial zu einer großen Familien­saga. Die Wissenschaftlerin aber legt, wie sie selbst auf der Buchpremiere in einem Hörsaal der Humboldt-Uni erklärte, »keine kohärente Erzählung, sondern eher Momentaufnahmen« vor. Stilistisch bewegt sich das Ganze eher in einem akademischen Duktus mit einer literarischen Ambition. Das dürfte zwar einerseits dem Anspruch des Wissenschaftsverlages entsprechen, sich andererseits aber einer breiten Leserschaft verschließen – wozu auch der Preis beiträgt.

Das zumindest möchte Wagner gern ändern. Sie sei gewillt, erzählt sie im Gespräch mit der »Jüdischen Allgemeinen«, die durch die Verrentung gewonnene Zeit zu nutzen, den vier Mosse-Frauen auch eine etwas populärere Literaturform zu widmen – und das hoffentlich zu einem eher erschwinglicheren Preis.

Elisabeth Wagner: »Die Mosse-Frauen. Deutsch-Jüdische Lebensgeschichten«. Wallstein, Göttingen 2024, 438 S., 48 €

Theater

Abgrund statt Parabel

In seiner Inszenierung von »Mephisto« spürt Frank Castorf den verborgenen Anziehungskräften des Faschismus nach und verzichtet dabei auf einfache Aktualisierungen

von Leon Stork  23.09.2026

»Imanuels Interpreten« (25)

Pancho Vladigerov: Meister der Klänge

Er studierte in Berlin, kooperierte mit Max Reinhardt und komponierte umwerfende Symphonien. Dennoch ist er fast nur in seinem Heimatland bekannt

von Imanuel Marcus  23.09.2026

Fernsehen

Adolf und seine »Akte«

Die fünfte Staffel von »Babylon Berlin« spielt 1933 zur Zeit von Hitlers Machtergreifung. Unterhaltung mit politischem Anspruch, aber stimmen die Fakten?

von Ayala Goldmann  23.09.2026

Münchner Philharmoniker: Antrittskonzert von Lahav Shani

Musik

Berauschender Auftakt

Lahav Shani startet fulminant als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker

von Michael Schleicher  22.09.2026

UEFA Nations League

»Dummheit und Heuchelei«: Israelische Fußballer weisen Völkermord-Vorwürfe aus Irland zurück

Israels Fußballverband wehrt sich gegen Aussagen des irischen Nationaltrainers Heimir Hallgrimsson, der vor dem anstehenden Länderspiel gesagt hatte, Irland werde »gegen den Genozid« antreten

 22.09.2026

Berlin

Igor Levit kritisiert Merz: Weiter-so in hübscher Verpackung

Merz’ Art der Kommunikation des CDU-Politikers wirke »losgelöst«, so der Pianist

 22.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  22.09.2026

Philadelphia

Erstes Konzert nach Macklemore-Aus: Sheeran äußert sich

Wegen israelfeindlichen Äußerungen und einer antisemitischen Vorgeschichte wurde US-Rapper Macklemore aus dem Vorprogramm von Popstar Ed Sheeran gestrichen. Jetzt ist Sheeran erstmals wieder aufgetreten

 20.09.2026

Musik

Biermann mit neuen Liedern: »Mensch, misch’ dich ein«

Der Liedermacher Wolf Biermann präsentiert auf einem neuen Album Unveröffentlichtes - manches neu, manches auch noch aus DDR-Zeiten. Die Themen hätten sich kaum verändert, sagt der Künstler

 20.09.2026