Sammelband

Alles nur konstruiert

Eigentlich hätte es so richtig spannend werden können. Wenn jüdische und muslimische Wissenschaftler, Künstler und Aktivisten sich mit den Fragen auseinandersetzen, welche politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ihnen derzeit das Leben schwer machen und was sie miteinander verbindet oder vielleicht trennt, dann sind die Erwartungen hoch.

Doch schon in den einleitenden Worten von Ozan Zakariya Keskinkiliç und Armin Langer, den beiden Herausgebern des Sammelbands, wird deutlich, warum das ambitionierte Projekt zum Scheitern verurteilt ist.

debatten So wollen sie mit dem Buch einen Debattenbeitrag zu dem komplexen Beziehungsgeflecht zwischen Juden und Muslimen in Deutschland und Europa leisten, heißt es darin. »Dazu gehört auch, Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus zusammenzudenken, statt Ungleichheiten zu hierarchisieren und marginalisierte Gruppen gegeneinander auszuspielen.«

Dafür wäre es hilfreich gewesen, eine klare Vorstellung oder gar Definition von den zentralen Begriffen zu haben. Aber genau diese wird nicht geliefert, und das aus gutem Grund. Schließlich funktioniert ihr Konzept dann nicht mehr, durch den seriellen Gebrauch von Buzzwords wie Antisemitismus, Rassismus, Gender, Marginalisierung oder Narrativ dem Ganzen einen seriösen Anstrich zu verleihen.

Die verschiedenen Formen von Diskriminierung werden jedoch völlig entkontextualisiert aneinandergereiht. Alles kommt in einen Topf, wird umgerührt und jegliche wissenschaftliche Präzision über Bord geworfen.

Diversity Stattdessen zählt in vielen Beiträgen nur noch die Identität der Person, die gerade schreibt, Inhalte und Zusammenhänge scheinen zweitrangig. Man ist entweder jüdisch-weiß, jüdisch-misrachisch oder muslimisch-queer, wahlweise mit oder ohne schwarze Hautfarbe. Zudem würde man Muslime überfordern, wenn man sie auf Themen wie Antisemitismus, Sexismus oder Homo- und Transfeindlichkeit anspricht.

»Zumal die Kritik von mehrfach marginalisierten Muslim*innen als Echo des mehrheitsgesellschaftlichen Diskurses verstanden wird, in dem Sinn, dass Moschee per se sexistisch, homo- und transfeindlich sei«, erklärt etwa Ismahan Wayah, Doktorandin im Bereich Postcolonial Studies. Übersetzt heißt das: Zivilisatorische Mindeststandards dürfen von Muslimen keinesfalls eingefordert werden, weil die Mehrheitsgesellschaft es ja irgendwie wenig gut mit ihnen meint. Man könnte diesen Ansatz, dass Maßstäbe nicht für alle gleich gelten sollen, auch als rassistisch deuten.

Amüsant kann es bei der Lektüre trotzdem werden. »Denn Kritik an israelischer Regierungs- und Siedlungspolitik gilt im offiziellen Deutschland als Indiz für Antisemitismus, jenen neuen, der als muslimischer identifiziert wird und die Vertreibung von Palästinenser*innen nicht wahrhaben möchte«, behauptet Iman Attia, Professorin für Critical Diversity Studies in Berlin, und zeigt damit, dass sie im urdeutschen Nahostdiskurs mit all seinen Dummheiten und falschen Behauptungen längst angekommen ist. Darüber hinaus treibt sie das Identitätstheater auf die Spitze: Ihrer Einschätzung zufolge sind »Juden und Muslime Konstruktionen«.

Orient Für Ozan Zakariya Keskinkiliç ist allein schon die Bezeichnung »No-go-Area für Juden« eine ungerechtfertigte Stigmatisierung. Seine Erklärung: »Der muslimisch markierte Körper der Täter wird auf jenen Raum kartographiert, der sinnbildlich für die Normabweichung steht, und das im Sinne eines doppelten Orients (Naher Osten/Neukölln).« Und wie Stefanie Schüler-Springorum, immerhin Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, zu der Erkenntnis kommt, dass »der Kommunismus im 20. Jahrhundert die osmanische Gefahr« abgelöst habe, würde man gerne genauer erläutert bekommen.

Einzig Micha Brumliks Beitrag über »Judentum und Islam in al-Andalus – Verklärender Mythos oder historische Wahrheit?« kann in dem Sammelband den Anspruch von Wissenschaftlichkeit und publizistischer Seriosität erfüllen. So warnt er: »Jüdisch-muslimische Beziehungen heute sollten nicht auf diesem Idyll basieren – auch wenn es nicht vergessen werden sollte.«

Die meisten anderen Autoren dagegen bedienen sich ausschließlich aus dem Wörterbuch der Postmoderne, was sehr bedeutungsschwanger klingen kann. Aber es ist alles andere als hilfreich, weil sie sich damit der Analyse von Phänomenen wie muslimischem Antisemitismus oder Rassismus mehr zu entziehen versuchen, als dass sie sich ihnen stellen wollen.

Ozan Zakariya Keskinkiliç, Armin Langer (Hrsg.): »Fremdgemacht & Reorientiert – jüdisch-muslimische Verflechtungen«. Yilmaz-Günay, Berlin 2018, 289 S., 18 €

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