Hören!

»Alles muss repariert werden«

Antilopen Gang beim Highfield Festival 2024 Foto: picture alliance / PIC ONE

Man könnte die Antilopen Gang als ein aus den Fugen geratenes Experiment bezeichnen: Was passiert, wenn man eine studentische Band für immer und ewig weiterlaufen lässt? Wir schreiben 15 Jahre, seitdem ihr klamaukig-ernster Jugendhaus-Rap noch »Anti Alles« und »Niemand peilt die Gang« gepredigt hat. In dieser Zeit war jedes Album eine neue Existenzkrise für sich: Links-sein, Haltung-haben, Dagegen-sein, Musikindustrie. Wie kapitalisiert man Anti-Kapitalismus-Attitüden und behält trotzdem ein bisschen Seele?

Nun ist das Album deshalb kein normales Antilopen-Album, sondern ein Experiment: Alles muss repariert werden ist Doppel-Album mit Rap- und Punk-Seite. Musikalisch ändert das unerwartet wenig. Die Bandmitglieder predigen zwar kredible Punks wie »Slime« oder »Knochenfabrik«, abseits der Songs »Muttertag« oder »Aal« klingen aber eher bieder »Die Toten Hosen« oder »Kraftklub« durch.

Wie kapitalisiert man Anti-Kapitalismus-Attitüden und behält trotzdem ein bisschen Seele?

Darauf dann Singsang-Punchlines – gar nicht so viel anders als der handelsübliche Antilopen-Track. Trotzdem bringt die Teilung einen Vorteil: Die Punk-Tracks locken das Skurrile aus den Antilopen. Mordgeschichten über einen Toy Boy auf einem Kreuzfahrtschiff oder den Nachbarn, Gepöbel über den Typ Mann Oberbürgermeister oder den Muttertag. Die Punk-Hälfte rockt nicht so hart, dass das Dach brennen würde, aber sie macht in ihren kurzen, surreal aufflackernden Bildern Spaß. Und Seele behalten heißt wohl, diesen Spaß zu behalten.

Mit diesem Klamauk-Outsourcing machen sie Raum für eine kompakte Rap-Seite. »Oktober in Europa« und »Traumtänzer und Schönmaler« sind die großen Thesen-Tracks, die das politische Klima in seiner Fatalität ernst nehmen. Aber nicht alles ist Anklage. Songs wie »Rannte der Sonne hinterher«, »Nichts für immer« oder »Für wenige« zeigen, wie sie nach langer Odyssee der Selbstverortung angekommen scheinen. Sogar mit der Nostalgie geben sie sich ein bisschen versöhnt!

Die letzte Konsequenz von Anti-Alles: Dinge auflisten, die man schön findet. Das ist Punk am Ende der Post-Post-Post-Ironie: zu sagen, dass man die Beatles mag. Aber es ergibt Sinn. Die selbst ernannte Loser-Gang steckte Jahre in der Sinnkrise ob der Anklage, dass der Erfolg ihnen nicht die Loser-Kredibilität anfechten sollte. Alles muss repariert werden fühlt sich wie das Plädoyer dafür an, zufrieden damit zu sein, auf genau die Art konsequent uncool zu sein, dass man doch irgendwie wieder cool ist.

Antilopen Gang: »Alles muss repariert werden«. Antilopen Geldwäsche, Berlin 2024, schwarze Doppel-LP, Doppelkassette und Digipak-Doppel-CD, 20 bis 32 €

Interview

»Israel zu retten, bedeutet, die Menschheit zu retten«

Die Berliner Kabarettistin Michaela Dudley über die historische Allianz zwischen Schwarzen und Juden, Antisemitismus in den Medien – und warum sie seit dem 7. Oktober 2023 oft »gecancelt« wird

von Helmut Kuhn  16.08.2026

Kulturkolumne

Rückkehr nach Aschkenas

Wo sind Juden zu Hause?

von Eugen El  16.08.2026

Zahl der Woche

0 Euro

Fun Facts und Wissenswertes

 16.08.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Small Talk oder Die anstrengende Zeit nach dem Urlaub

von Nicole Dreyfus  16.08.2026

Aufgegabelt

Sauerkirschsuppe mit Sauerrahm

Rezepte und Leckeres

von Noemi Berger  16.08.2026

TV-Kritik

Der Ring, der nie gelungen: Arte-Doku über Richard Wagner und sein monumentales Werk

Eine Arte-Dokumentation erzählt die Geschichte von Richard Wagners Gesamtkunstwerk und seiner Vereinnahmung durch die Nazis

von Manfred Riepe  15.08.2026

Essay

Politische und moralische Bankrotterklärung

Die Literaturkritikerin Maha El Hissy hat kein Problem damit, die populärste antisemitische Ritualmordlegende unserer Gegenwart zu verbreiten. Trotzdem wurde sie in die Jury des renommierten Deutschen Buchpreises berufen

von Daniel Neumann  15.08.2026

Hamburg

Art Garfunkel kommt für ein Konzert nach Deutschland

Der Vorverkauf für den Auftritt in der Elbphilharmonie am 24. Oktober hat begonnen

 14.08.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 14.08.2026