Wie bitte? Hat sich Kim Syers, Doktor der Psychologie, verhört? Läuft in der Studi-Kneipe ein Song von »The Smiths«? In der Tat: Es ist »Heaven Knows Iʼm Miserable Now«, stellt Syersʼ Kollegin Alma Imhoff fest – Doktor der Philosophie und jüngste Professorin mit Festanstellung in der Geschichte der Universität von Yale. »Gewagt«, findet Syers.
Die Kluft zwischen dem Weltbild von Sänger Steven Patrick Morrissey und den Studierenden von heute könnte größer nicht sein. Und doch sitzen die beiden Professorinnen in dieser 90er-Jahre-Location bei einem Glas Wein zusammen. Aber ihr Gespräch ist alles andere als locker, denn Syers bricht ihre Schweigepflicht, als sie über eine Studentin Imhoffs zu sprechen beginnt.
Es geht um Margaret Resnick, genannt Maggie, die auf dem Nachhauseweg von einer Party der Professorin von deren Kollegen Hank vergewaltigt worden sein soll. Als die Studentin Imhoff nach dem womöglichen Vorfall um Hilfe bittet, reagiert die Professorin eigenartig, sogar abweisend. Hat Hank die junge Frau wirklich gegen ihren Willen angefasst? Oder handelt es sich um eine Retourkutsche, weil Hank Maggie beschuldigt, es mit den wissenschaftlichen Standards bei ihrer Dissertation (Stichwort: Plagiat) nicht genau zu nehmen?
Sehenswert und durchgestylt
Trotz der Schwere des Konflikts ist Luca Guadagninos jüngster Film After the Hunt ein sehenswerter und zudem ein ausgesprochen durchgestylter und spannender Film mit Julia Roberts als coole Philosophie-Professorin Alma, Michael Stuhlbarg (bekannt unter anderem aus A Serious Man der Coen Brothers) als noch coolerer Psychologen-Ehemann Frederik mit tollem Musikgeschmack und seltsamer Fürsorge, Ayo Edebiri als ehrgeizige Studentin Maggie und Andrew Garfield als mutmaßlicher Vergewaltiger Hank.
Täter oder Opfer? Guadagninos Film spielt mit Erwartungen, hinterfragt Machtstrukturen und lässt bewusst Raum für Interpretation, anstatt klare Urteile zu fällen. Es ist diese schwammige Schönheit, die die zwei Stunden und 19 Minuten von After the Hunt nicht nur zu gelungener Unterhaltung macht, sondern auch Fragen diskutiert wie die, warum es »bold« ist, The Smiths in einer Yale-Studi-Kneipe laufen zu lassen.