Tomer Lev

»Achthändig spielen«

Der israelische Pianist Tomer Lev
Der israelische Pianist Tomer Lev Foto: M. Pavia

Tomer Lev

»Achthändig spielen«

Der Pianist über ein lange verschollenes Werk von Felix Mendelssohn und Ignaz Moscheles – und ein nächstes Konzert in Berlin

von Ayala Goldmann  25.05.2025 18:02 Uhr

Herr Lev, Sie interpretieren kommende Woche im Konzerthaus Berlin ein lange verschollenes Werk. Welche Geschichte steckt dahinter?
Wir sind vier Pianisten aus Israel und interpretieren in einer Europa- beziehungsweise Deutschlandpremiere zwei Werke mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Sie wurden von den beiden bekanntesten jüdischen Komponisten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verfasst – Felix Mendelssohn und Ignaz Moscheles.

Felix Mendelssohn Bartholdy kennt jeder, aber wer war Ignaz Moscheles?
Ignaz Moscheles – ursprünglich hieß er mit Vornamen Isaak – war 15 Jahre älter als Mendelssohn und sein Lehrer in Leipzig. Später zog Moscheles nach London. 1833 gab es dort ein Charity-Konzert, bei dem Mendelssohn und Moscheles gemeinsam improvisieren sollten, eine Art »Jam-Session«. Sie suchten sich dafür Carl Maria von Webers Singspiel »Preziosa« aus. Die Aufführung war außerordentlich erfolgreich und wurde wiederholt. Dafür schrieben sie eine Partitur auch für Orchester.

Was passierte mit dieser Partitur?
Das Werk geriet in Vergessenheit. Nachdem Mendelssohn 1847 im Alter von 38 Jahren gestorben war, beschloss Moscheles, die Partitur zu suchen. Er fand sie in sehr schlechtem Zustand und überarbeitete sie. Das Werk hatte in der neuen Fassung 1849 keinen großen Erfolg und verschwand erneut.

Wo tauchten die Noten wieder auf?
Die Partitur wurde erst vor etwa 20 Jahren in St. Petersburg wiederentdeckt – im Archiv des Pianisten Anton Rubinstein. Aber es war eine völlig andere Version als die, die 1849 gespielt worden war. Als die Partitur restauriert worden war, stellte sich heraus, dass es mit höchster Wahrscheinlichkeit das gemeinsame Werk von Mendelssohn und Moscheles war.

Wann wurde dieses Werk zum ersten Mal wiederaufgeführt?
Erst 2009 wurde die Partitur im Katalog der Werke von Mendelssohn veröffentlicht. Unser Ensemble »MultiPiano« ist spezialisiert auf die Aufführung seltener Werke. In den vergangenen zehn Jahren haben wir die Preziosa-Variationen von Mendelssohn und Moscheles unter anderem in London mit dem English Chamber Orchestra und in der Carnegie Hall in New York aufgeführt.

Das gemeinsame Werk der beiden Komponisten spielen Sie vierhändig, das Werk von Moscheles achthändig …
Ja, wir spielen auf zwei Klavieren, erst vierhändig zu zweit und dann achthändig zu viert. Als Mendelssohn sein Stück zusammen mit Moscheles komponierte, war er übrigens auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Es ist kein Jugendwerk. Mit dem Konzert in Berlin kehrt dieses Werk sozusagen nach Hause zurück, und ich freue mich sehr darauf.

Mit dem israelischen Pianisten sprach Ayala Goldmann. Das Konzert mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und MultiPiano findet am 28. Mai im Berliner Konzerthaus statt.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

(Im Video: Mendelssohn-Moscheles: »Fantasie & Variations on a theme by Weber« MultiPiano Ensemble & the Israel Philharmonic)

Programm

Kleine Großstadtdektive, ein musikalischer Golem und Gespräche: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 5. bis zum 12. März

 03.03.2026

Kult-Comics

80 Jahre Lucky Luke: Der Cowboy mit dem smarten Pferd

Zwar trägt Lucky Luke keinen Davidstern. Der jüdische Autor René Goscinny trug aber entscheidend zum Witz und dem großen Erfolg der Serie bei

 03.03.2026

Berlin

Tuttle will bei Berlinale bleiben - ist der Streit vorbei?

Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle leitet das renommierte Filmfestival seit 2024. Nach Vorwürfen und Kontroversen legt sie sich fest: Sie will weitermachen. Aber längst nicht alle Fragen sind geklärt

von Verena Schmitt-Roschmann, Sabrina Szameitat  03.03.2026

Berlin

Weimer: »Auf gutem Weg« zu zukunftsfester Berlinale

Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle will Leiterin des Filmfestivals bleiben. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien reagiert knapp

 03.03.2026

Berlin

Tuttle: Will »in vollem Vertrauen« Berlinale-Chefin bleiben

Nach politischen Kontroversen wird lebhaft über die Zukunft der Berlinale diskutiert - und die ihrer Chefin. Im Interview erklärt Tricia Tuttle, wieso sie im Amt bleiben will

von Sabrina Szameitat  03.03.2026

Potsdam

Zentrum für jüdischen Film wird eröffnet

An der Filmuniversität Babelsberg soll Lea Wohl von Haselberg ein neues Zentrum für jüdischen Film und audiovisuelles Erinnern leiten

 03.03.2026

Doppel-Interview zu Holocaust-Forschung

»Wir streiten uns nicht über die Fakten«

Seit Wochen tobt im Feuilleton ein Streit über den Stellenwert der Kollaboration in den von Nazi-Deutschland besetzten Ländern. Erstmals diskutieren die Hauptprotagonisten, die Schoa-Historiker Jan Grabowski und Stephan Lehnstaedt, direkt miteinander

von Ayala Goldmann, Michael Thaidigsmann  03.03.2026

Berlin

Wirbel um Berlinale-Chefin: Tricia Tuttle hält an Amt fest

Wie geht es weiter bei der Berlinale? Es wurde lebhaft über die Zukunft des Filmfestivals und die Intendantin diskutiert. Nun äußert sie sich erstmals selbst dazu

 03.03.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Purim-Stress? Absolut zu empfehlen!

von Nicole Dreyfus  02.03.2026