Berlin

25 Workshops, 100 Referenten

Auf dem Podium »Jüdische Religion zwischen Tradition und Moderne« lieferten sich die Rabbiner Arie Folger, Elisa Klapheck, Joshua Spinner und Henry G. Brandt (v.l.) eine teils heftige Debatte. Moderiert wurde die Veranstaltung von Olga Mannheimer (M.). Foto: Marco Limberg

Die Auswahl war für die Teilnehmer des Gemeindetages am Freitagmittag schwer, fanden doch parallel Diskussionen zu Themen wie »Religion und Staat – Spannungen in Israel«, »Weltweiter Antisemitismus«, »Iran nach den Wahlen« oder auch »Social Media« und »Storytelling« statt. Drei besonders prominent besetzte und gut besuchte Workshops seien hier exemplarisch vorgestellt.

In dem Workshop »Türkei und Israel – Eine strategische Partnerschaft?« debattierten die Botschafter Israels und der Türkei in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman und Hüseyin Avni Karslioglu, der Präsident der Türkischen Gemeinde zu Berlin, Bekir Yilmaz, der Assistant Executive Vice-President des World Jewish Congress, Maram Stern, und der Journalist Richard Herzinger über die angespannten Beziehungen zwischen den beiden Ländern nach dem Zwischenfall auf der Mavi Marmara im Mai 2010.

Botschafter Hadas-Handelsman wies darauf hin, dass die Beziehungen sich verbessert hätten, israelische Touristen in Antalya wieder willkommen seien und die Türkei ihre Hilfslieferungen für Gaza inzwischen über Israel abwickle, da die Grenze des Gazastreifens zu Ägypten abgesperrt sei. Die strategische Partnerschaft sei stark, da beide Länder nicht nur große Ähnlichkeiten hätten – sie sind nichtarabische Staaten im Nahen Osten, prowestlich und demokratisch –, sondern auch gemeinsame Sicherheits- und wirtschaftliche Interessen hätten. So wolle Israel die kürzlich entdeckten Erdgasvorkommen im Mittelmeer gemeinsam mit der Türkei erschließen, so Hadas-Handelsman.

Diplomatisch Sein türkischer Amtskollege Karslioglu pflichtete ihm bei. Der Handel zwischen beiden Ländern habe sich seit 2002 verdoppelt, man stehe gemeinsam für »Pluralismus, Demokratie, Menschenrechte« ein. Karslioglu bezeichnete das Vorgehen Israels während der Gaza-Flottille als Fehler, begrüßte aber Israels Entschuldigung. »Wir haben kein Problem mit Israel. Israel ist für uns wichtig, wir sind für Israel wichtig«, lautete das Fazit des Botschafters.

Beide Diplomaten betonten die guten Beziehungen zwischen Türken und Juden seit mehr als 500 Jahren. Bei so viel Harmonie war es an Richard Herzinger, »Wasser in den Wein zu gießen«, wie er selbst formulierte. Der Politische Korrespondent der »Welt« und »Welt am Sonntag« äußerte Unverständnis für die Politik der Türkei. Die Außenpolitik des Landes trage »bizarre Züge«: Ministerpräsident Erdogan habe in den vergangenen Jahren immer auf die Falschen gesetzt: auf Gaddafi, Assad, die ägyptischen Muslimbrüder und die Hamas. Die Mavi Marmara sei eine »gezielte Provokation« Erdogans gewesen, so Herzinger. Auch zeitige die »demagogische antiisraelische Rhetorik« Erdogans bereits Wirkungen in der türkischen Gesellschaft. Für seine Ausführungen bekam Herzinger spontanen Applaus aus dem Publikum.

Verweigerung Auf dem Podium »Jüdische Religion zwischen Tradition und Moderne« lieferten sich die Rabbiner Henry G. Brandt, Elisa Klapheck, Joshua Spinner und Arie Folger eine teils heftige Debatte über die Bedeutung halachischer Regeln in der heutigen Gesellschaft. Für Rabbinerin Klapheck ist die jüdische Ethik bedeutender als halachische Handlungsanweisungen für den Alltag. »Wir sind gefangen durch das, was die Halacha sein soll«, so Klapheck. Rabbiner Brandt stimmte ihr zu. Man solle die ethischen Gebote der Tora nicht vermischen mit Fragen der praktischen Durchführung der Traditionen. Letztere müssen für Brandt immer wieder auf ihren Sinn abgeklopft werden – etwa wenn es darum gehe, ob am Schabbat ein Computer benutzt werden dürfe. Hier komme man um die Diskussion nicht herum, denn »die Halacha spricht nicht über Informatik«.

Rabbiner Folger wandte sich gegen den Ansatz seiner liberalen Rabbinerkollegen, im Zweifel »alles zu erlauben, was nicht explizit in der Tora steht«. Anders als Klapheck sah Folger in der heutigen Zeit weniger eine Versklavung durch die Halacha als vielmehr eine durch die moderne Technik. Wenn heute die Erwartung bestünde, jederzeit per Handy oder E-Mail erreichbar zu sein, sei das durchaus ein Problem für die Einhaltung des Schabbats. »Wir geben der westlichen Welt ein riesiges Geschenk: als Verweigerer, die nicht alles mitmachen«, so der orthodoxe Rabbiner. Sein amerikanischer Kollege Joshua Spinner sprang ihm bei, indem er die Unterscheidung zwischen großen ethischen Werten und scheinbar unbedeutenden Alltagsverrichtungen infrage stellte. »Wie man sich in kleinen Dingen verhält, hat durchaus Auswirkungen auf die großen Werte.« Das Judentum sei eben, mit Emmanuel Levinas gesprochen, eine »Religion für Erwachsene«, die ihren Anhängern Disziplin abverlange.

Ideologisch Auf dem Panel »Terrorismus – Die Welt am Abgrund« schließlich ging es um die Frage, wie mit gewalttätigem judenfeindlichem, insbesondere islamistischem Terrorismus umzugehen sei. Hans-Georg Maaßen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, kritisierte die deutsche Haltung, Terrorismus nicht als eigenes Problem zu betrachten. »Wir lehnen uns zurück, und die Amerikaner sorgen für Sicherheit.« Der Politikwissenschaftler Lars Rensmann machte für das einheimische islamistische Milieu die »gescheiterte Integration« verantwortlich. In vielen Gegenden Deutschlands entstünden »hoch ideologisierte lokale Milieus«, die ihre Informationen über Israel und die Juden aus arabischen Hetzsendern und dem Internet bezögen und die auf einen gewissen »Verständnisdiskurs« innerhalb der gesellschaftlichen Mitte vertrauen können.

Tomás Kraus, Geschäftsführer der Vereinigung der Jüdischen Gemeinden in der Tschechischen Republik, und Solomon Bali, Präsident der B’nai-B’rith-Carmel-Loge im bulgarischen Sofia, machten auf Probleme mit Gruppen gewaltbereiter Judenhasser in ihren jeweiligen Heimatländern aufmerksam: Diese würden auf Hetzseiten im Internet zwar regelrechte Listen ihrer »Feinde« mit Foto, Name und Adresse veröffentlichen – die Provider säßen aber meist in den USA, Russland und China und würden Informationen über die Seitenbetreiber nicht herausgeben.

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