Frankreich

Zwischen den Wahlen

Aufatmen in Paris – Marine Le Pen wird nicht Präsidentin: Party am Wahlabend Foto: imago

Als hätte die Initiative gewirkt: Drei Tage vor der entscheidenden Stichwahl riefen drei große Glaubensgemeinschaften dazu auf, für Emmanuel Macron zu stimmen. Frankreichs Oberrabbiner, ein Pfarrer sowie der Präsident des muslimischen Kultusrats überschrieben ihre Forderung nach einer »republikanischen Wahl« mit dem Titel: »Mit einer Stimme«.

Emmanuel Macron hat es geschafft, vor allem auch deshalb, weil sich die befürchtete Wahlabstinenz in Grenzen hielt. Fast neun Prozent der Wähler legten einen leeren Stimmzettel in die Urne, so viele wie noch nie, aber dies änderte letztlich nichts an der Zweidrittelmehrheit für den neuen Präsidenten. Die Zeiten allerdings, als 2002 noch knapp 88 Prozent der Franzosen in einem »republikanischen Aufbegehren« in der Stichwahl für Jacques Chirac und damit gegen Jean-Marie Le Pen stimmten, sind vorbei.

Gegenwart Umso mehr ist die Erleichterung allenthalben zu spüren. Als einer der Ersten meldete sich Moshe Kantor, der Präsident des Europäisch-jüdischen Kongresses, zu Wort: Der Sieg Macrons sei ein Sieg über den Hass und den Extremismus. Nichtsdestotrotz gelte es, wachsam zu bleiben, denn es sei »kein Zufall, wenn derselbe Kandidat, der behauptet, man möge den Horror der Vergangenheit nicht vergessen, die Wurzeln zu deren Wiederholung in der Gegenwart legt«.

Israelische Stimmen schlossen sich an. So begrüßte Israels Botschafterin in Frankreich, Aliza Bin-Noun, Macron als starken Partner ihres Landes. Und in Bezug auf das Stimmergebnis der Auslandsfranzosen in Israel verwarf der liberale jüdische Kommunalpolitiker Meyer Habib die These, es gebe eine jüdische Gefolgschaft des Front National. 96,2 Prozent für Emmanuel Macron und nur 3,8 Prozent für Marine Le Pen in Tel Aviv zeigten, so der Pariser Bezirksabgeordnete: »Die jüdische Stimme für den Front National ist ein Mythos.«

Bislang liegt dazu keine aussagekräftige Statistik vor. Die Zahlen aus Nachwahlbefragungen zeigen lediglich, dass 92 Prozent der Muslime für Macron gestimmt haben. Vielleicht fielen auch deshalb die Stimmen aus dem Inland etwas verhaltener aus. Der Präsident des Dachverbandes jüdischer Institutionen CRIF, Francis Kalifat, begrüßte den Sieg Macrons, verband dies aber auch mit der Anmerkung, dass alles nun erst wirklich beginne. Was? Darauf gibt die Stellungnahme von Sacha Ghozlan einen Hinweis. Der Vorsitzende des jüdischen Studentenverbands UEJF zeigte sich besorgt über die elf Millionen Franzosen, die ihre Stimme einer xenophoben Partei gegeben haben: »Das ist kein Sieg, das ist eine Gnadenfrist.« Was nun beginne, sei der Wiederaufbau der Gesellschaft.

Kluft Die Erleichterungsseufzer zeigen vor allem eines: Es war die Angst, die die Macron-Wähler zusammengeschweißt hat. Und wenn das Ergebnis eines deutlich gemacht hat, dann wohl den tiefen Graben, der sich mittlerweile zwischen den Metropolen und der Provinz auftut. So hat Paris mit 90 Prozent für Macron gestimmt – im Elsass jedoch errang Le Pen in vielen Gemeinden die Mehrheit.

Wie groß die Aufgabe ist, die Kluft zwischen einem für Veränderungen offenen und einem konservativen Gesellschaftsbild wenigstens nicht weiter aufreißen zu lassen, hat ausgerechnet der jüdische Frontmann im Front National klargemacht. In seiner Stellungnahme untermauerte Michel Thooris das unerschütterliche Selbstbild aller Populisten: »Die ›Union der jüdischen Patrioten Frankreichs‹ ist nach wie vor überzeugt, dass die patriotischen Ideen, die von Marine Le Pen verteidigt werden, von der Mehrheit der Franzosen geteilt werden.«

Nach der Wahl ist vor der Wahl: Die Bewegung »En Marche!« muss bei den Parlamentswahlen am 11. Juni beweisen, dass sie das Zeug hat, den Herausforderungen von Rechts auch in einer tief gespaltenen Parteienlandschaft gewachsen zu sein. FN-Chefin Marine Le Pen wird weiterhin auf die Anti-Islam-Karte setzen und sich nicht scheuen – wie bei ihrem Auftritt in der Fernsehdebatte vor der Stichwahl –, »den Kampf gegen den Hass auf Juden« dazu zu missbrauchen, Ressentiments gegen Muslime wenn nicht zu schüren, so doch zu nutzen.

Großbritannien

Brandanschlag in London: Untersuchungshaft für Verdächtige

Mehrere Krankenwagen eines jüdischen Rettungsdienstes in Golders Green werden in Brand gesetzt. Vor Gericht erschienen nun drei Verdächtige

 04.04.2026

Meinung

Hoffentlich wird Viktor Orbán abgewählt

Am 12. April stehen in Ungarn Wahlen an. Unter seinem langjährigen Ministerpräsidenten ist das Land zu einem russischen U-Boot in der Europäischen Union geworden

von Joshua Schultheis  04.04.2026

USA

So wild wie Doja Cat

Sie ist der einzige weibliche jüdische R&B-Superstar – und eine der erfolgreichsten Rapperinnen unserer Zeit

von Sarah Thalia Pines  04.04.2026

London

Jüdische Londoner fühlen sich von Aktivisten eingeschüchtert

Rund 40 Personen seien in ein jüdisch geprägtes Wohngebiet gezogen, hätten Parolen wie »Völkermord« skandiert und gefordert, der Staat Israel müsse verschwinden, sagen Augenzeugen

 01.04.2026

Nepal

Sederabend auf Rekordniveau

Wie Kathmandu zur Bühne einer der größten Pessachfeiern der Welt wurde

von Matthias Messmer  31.03.2026

Winnipeg

Jüdischer Anti-Zionist wird Chef der sozialdemokratischen NDP

Avi Lewis delegitimiere einen wesentlichen Teil jüdischer Identität, sagen jüdische Organisationen in Kanada

 31.03.2026

Österreich

Hamas-Narrative im ORF?

Für die Österreichische Medienbehörde ist klar, dass der ORF den Krieg im Gazastreifen in einer ausgestrahlten TV-Dokumentation verzerrt hat

von Nicole Dreyfus  30.03.2026

Porträt

Challa vom Prinzen

Idan Chabasov wurde mit seinen kunstvollen Zopfkreationen auf Instagram berühmt. Sein simples Rezept: Mehl, Wasser, Hefe und Verbundenheit zur jüdischen Gemeinschaft. Seine ersten Challot hat er in Berlin gebacken

von Nicole Dreyfus  29.03.2026

Gesa Ederberg

»Globaler und vielfältiger«

Die Berliner Rabbinerin über ihre neue Präsidentschaft der »Rabbinical Assembly«, amerikanische Kollegen und europäischen Elan

von Mascha Malburg  29.03.2026