Ungarn

Zoff in Budapest

Dohanyi-Synagoge in Budapest Foto: Marco Limberg

Seit dem Rücktritt von Oberrabbiner Róbert Frölich kommt der Streit innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Ungarn nicht mehr zur Ruhe. Mitte April, wenige Tage nach den Parlamentswahlen, hatte der Rabbiner bekannt gegeben, sein Amt niederzulegen.

Frölich, der seit 2015 als Oberrabbiner des Landes amtiert hatte, sagte wenig Konkretes über die Hintergründe seines Rücktritts, doch er deutete auf einen Konflikt mit dem jüdischen Dachverband Mazsihisz hin. »In den vergangenen Jahren hat sich Mazsihisz in eine Richtung bewegt, die immer weiter von alldem entfernt ist, was ich vertreten kann und auch in Zukunft vertreten möchte«, schrieb er in einer knappen Rücktrittserklärung. Darin bezog er sich auch auf die »jüdische Moral« und die »neologische Spiritualität«.

Konflikt Seitdem kursieren diverse Spekulationen über die Hintergründe des Konflikts, und die Tatsache, dass Frölich nichts Weiteres zu Protokoll geben möchte, macht die Lage nicht einfacher.

In einer knappen Reaktion auf den Rücktritt erklärte die Mazsihisz-Führung, sie sei traurig über die Entscheidung Frölichs, und bezog sich auf die kürzlich verabschiedete Strategie des Verbandes. Diese betont die Vielfalt der jüdischen Gemeinden in Ungarn, die Weltoffenheit und den Erneuerungsbedarf.
Auch dieser kurze, ebenfalls Mitte April veröffentlichte Text ist sehr diplomatisch und eher rätselhaft.

Erst Ende vergangener Woche offenbarte der Mazsihisz-Vorsitzende András Heisler Details des Streits, möglicherweise, um den Spekulationen und »dem Klatsch« ein Ende zu setzen. In erster Linie handele sich um die Entscheidung, liberalere Tendenzen in der religiösen Praxis anzuerkennen. Diese hätten in einer sich stets verändernden Welt jedes Existenzrecht, und die neue Strategie des Verbandes, die dies einräumt, sei von der großen Mehrheit der ungarischen Rabbiner mitgetragen worden, sagt Heisler. In einer parallelen Entwicklung, und nur teilweise aus den gleichen Gründen, habe auch die orthodoxe Gemeinde MAOIH beschlossen, aus dem Verband Mazsihisz auszuscheiden und wieder autonom zu werden.

Die Nachricht über den erneuten Zank zwischen den Orthodoxen und Mazsihisz kam Ende April, nur wenige Tage nach dem Rücktritt des Oberrabbiners, und führte zu Spekulationen über gemeinsame Hintergründe.

Dachverband Im Zusammenhang mit der MAOIH betont Heisler allerdings eher finanzielle Motive, die wichtiger als die ideologischen gewesen seien. Der Dachverband entscheidet nämlich über die Verteilung der öffentlichen Gelder, die die ungarische Regierung den jüdischen Gemeinden zur Verfügung stellt, und solche Entscheidungen haben in der Vergangenheit immer wieder zu Streitigkeiten zwischen unterschiedlich geprägten Gemeinden geführt.

Heisler behauptet, dass die Orthodoxen nach wie vor mehr Geld bekommen, als ihnen laut Mitgliederzahlen zustehen würde. Da es sich um öffentliche Gelder handle, müsse genauer hingeschaut werden, wofür sie ausgegeben werden, so der Vorsitzende. Die MAOIH bestreitet nicht, dass sie angesichts ihrer relativen Zahlenstärke verhältnismäßig mehr Mittel bekommt, doch sie beklagt die anvisierten Kürzungen und strengeren Kontrollen.

Image-Problem Obwohl die Mazsihisz-Führung innerhalb der religiösen jüdischen Gemeinden als eher gemäßigt liberal – angesichts dieses Konflikts dem einen oder anderen offenbar als zu liberal – gilt, hat sie seit Jahren in der breiteren jüdischen und nichtjüdischen Öffentlichkeit mit einem ganz anderen Image-Problem zu kämpfen. Die meisten linken und liberalen, nichtreligiösen Ungarn betrachten den Verband eher als staubig, ein wenig unzeitgemäß, oft sogar als »angepasst« oder auf jeden Fall zu wenig kritisch gegenüber dem rechtspopulistischen und nicht selten antisemitischen Diskurs von Premier Viktor Orbán.

Einer der Gründe für die Verabschiedung der neuen, liberaleren Strategie war gerade die Absicht, dieses Problem in den Griff zu bekommen. Insofern kann der interne Konflikt auch als »Kollateralschaden« einer taktischen Umorientierung des Verbands betrachtet werden.

Das Thema ist sehr heikel, denn Mazsihisz ist – genau wie jede andere religiöse Organisation in Ungarn – im Endeffekt auf den guten Willen der Orbán-Regierung angewiesen, und der erneute Erdrutschsieg der Rechtspopulisten verspricht für die nächsten vier Jahre wenig Gutes.

Der politische Spielraum des Verbands ist daher sehr begrenzt, solange das Geld hauptsächlich von der öffentlichen Hand kommt. Viele sind gespannt, ob und wie Mazsihisz diesen Balanceakt zwischen den politischen Zwängen und den Imperativen der (jüdischen und allgemein gesellschaftlichen) Moral weiter vollziehen wird.

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