Schweiz

Zimmern und Streichen mit Kippa

Der Unternehmer Chaijm Neufeld (40) ist dankbar, sein eigener Chef zu sein. Foto: Peter Bollag

Schlieren, eine der vielen Vorortgemeinden von Zürich. In der Nähe des Bahnhofs wird ein Gebäude renoviert. Facharbeiter hämmern, streichen Wände oder verlegen Kabel.

»Wir richten zwei Wohnungen her«, sagt Chaijm Neufeld, Geschäftsführer der Firma »Immoreno«. Der 40-Jährige, den seine sechs Mitarbeiter freundlich begrüßen und mit denen er auch gleich ein paar persönliche Worte austauscht, ist eine Art Generalunternehmer. Also ein Bauherr, der kleinere Umbauten wie die in Schlieren von Anfang an betreut und durchführt, aber auch Neubauten, ganze Wohnblöcke oder Grundstücksbebauun­gen. Doch Neufeld unterscheidet sich von den meisten anderen Generalunternehmern des Landes durch ein kleines Detail: Seine kleine schwarze Kippa zeigt an, dass er religiöser Jude ist.

Aufgewachsen in einer orthodoxen Familie in Zürich

In Luzern geboren, wuchs Neufeld in einer orthodoxen Familie in Zürich auf und verbrachte einige Jahre nach seinem 18. Geburtstag, wie so viele andere, in einer Jeschiwa in Israel. Das Interesse am Praktischen, die Arbeit mit den Händen, habe ihn schon als Kind interessiert. »Das hat vermutlich auch damit zu tun, dass meine Familie seit Langem eine Autowerkstatt betreibt und ich es als Junge immer spannend fand, dort Dinge zu reparieren oder Autoteile zusammenzusetzen.«

Wohl darum habe er nicht lange gezögert, als er, eben zurück aus Israel, vor rund 20 Jahren von einem Freund gefragt wurde, ob er nicht Lust habe, in einer Immobilie die Malerarbeiten zu übernehmen. Neufeld hatte Lust, und daraus entwickelte sich über die Jahre die Tätigkeit eines Generalunternehmers, der überall in der Schweiz Aufträge erhält und voll ausgelastet ist.

»Wir helfen immer gern auch jungen jüdischen Menschen, in unserer Branche Fuß zu fassen.«

Chaijm Neufeld

»Natürlich spielte die damalige Konjunkturlage, in der unglaublich viel gebaut wurde, eine große Rolle«, erinnert sich Neufeld. Das habe ihm den Einstieg in die neue Branche sehr erleichtert. Vieles habe er sich selbst aneignen müssen, erzählt der sechsfache Familienvater weiter, »Learning by doing« sei das gewesen. Auch wenn er praktisch veranlagt sei und es ihm durchaus Spaß mache, Malerarbeiten durchzuführen oder Kabel zu verlegen, was er früher viel gemacht habe, sei er heute vor allem mit Theoretischem befasst, wie etwa der Buchhaltung oder der Ausarbeitung von Angeboten.

Dass Neufeld seine Firma mit seinen Angestellten, die allesamt Handwerker sind, ausgerechnet in Zürich betreibt, ist kein Zufall. Zum einen lebt hier die größte jüdische Gemeinschaft in der Schweiz, und deshalb »existiert hier ein richtiger eigener jüdischer Immobilienmarkt«, erzählt Neufeld. Dieser werde übrigens auch im Ausland genau verfolgt: »Das Haus, das wir beispielsweise hier in Schlieren gerade renovieren, hat einen englischen Bauherrn.«

Die Bekanntheit im jüdischen Umfeld helfe außerordentlich bei neuen Aufträgen, denn die kämen häufig durch Mundpropaganda zustande. Doch er sei durchaus auch auf dem nichtjüdischen Markt präsent.

Gut verankert in der jüdischen Gemeinschaft

Trotzdem sei er sehr dankbar, in der jüdischen Gemeinschaft so gut verankert zu sein, betont Neufeld, der seit seiner Jugend Mitglied der Israelitischen Religionsgesellschaft (IRG) ist, einer der beiden orthodoxen Gemeinden Zürichs. Darum versuche er auch, etwas zurückzugeben: »Wir helfen immer wieder gern auch jungen jüdischen Menschen, die sich überlegen, in unserer Branche Fuß zu fassen.« So habe er einigen jüdischen Jugendlichen beispielsweise eine Ausbildung in seiner Firma ermöglicht.

Dankbar sei er auch, heute sein eigener Chef zu sein: »Gerade als religiöser Jude hat man ja gewisse Verpflichtungen, die sich für Personen, die angestellt sind, manchmal schwieriger gestalten«; etwa, wenn man im Spätherbst am Freitag die Arbeit beenden muss, um keine Probleme zu haben, rechtzeitig vor Schabbatbeginn zu Hause zu sein.

Auf der anderen Seite trägt er die Verantwortung für die gesamte Firma und muss schauen, dass die Auftragslage stimmt. Denn »die Kosten laufen, und am Schluss des Monats müssen wir im Plus sein«. Im Moment sei die Konjunktur im Bauwesen auch in der Schweiz ein wenig zögerlich: »Ich muss mir zum ersten Mal, seit ich diesen Job mache, überlegen, ob ich vielleicht aktiv werben muss«, gibt Neufeld zu.

»Ich habe keine Probleme mit Antisemitismus!«

Eine andere Sache macht ihm dafür weniger Sorgen, und das kann angesichts eines Anstiegs entsprechender Vorfälle seit dem 7. Oktober 2023 auch in der eher zurückhaltenden Schweiz durchaus überraschen: »Ich habe keine Probleme mit Antisemitismus!« Das sei früher schon so gewesen, »als ich wegen Aufträgen in der ganzen Schweiz herumgereist bin und immer als Jude erkennbar war, auch in Gegenden und an Orten, wo die Bevölkerung kaum mit Jüdinnen und Juden in Berührung kommt«. Dass sich das in den letzten Monaten nicht geändert habe, mache ihn »sehr dankbar«.

Auch Menasche Meyer hat in seinem Werdegang eher die praktischen Seiten der Berufswelt erlebt, wiewohl er aus einem streng religiösen Umfeld stammt: Er wurde 1979 in Basel geboren und wanderte in jungen Jahren, wie Chaijm Neufeld, nach Israel aus. Dort versuchte er sich in ganz verschiedenen Branchen: So war er etwa vier Jahre lang Lehrer an einer Schule für Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen und absolvierte später einen Kochkurs, um möglicherweise irgendwann ein eigenes Restaurant zu eröffnen.

Doch mit der Zeit sah er seine Zukunft mit seiner aus England stammenden Frau woanders: »Wir beschlossen, zusammen nach Basel zu gehen und zu versuchen, dort etwas aufzubauen.« Auch Meyer ist Mitglied der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft – und fünffacher Vater.

Renovierungen und Malerarbeiten

Wie Neufeld versuchte Meyer es zuerst mit Renovierungen, bis er merkte, dass es auf dem Markt vor allem eine große Nachfrage für Malerarbeiten gab. »Daraufhin sprach ich mit einem erfahrenen Malermeister und fragte ihn, was es denn braucht, um ein eigenes Malergeschäft zu betreiben.« Der habe ihm zu einer Malerlehre geraten, die Meyer auch machte. So lernte er das Handwerk von der Pike auf: Türen und Balkone streichen und all die Details, die man ganz genau kennen muss, um beispielsweise ein Angebot erstellen zu können, oder in welchem Geschäft man welche Ausrüstung kauft.

Gemeinsam mit seinem Meister ging Meyer schließlich das Wagnis ein und gründete ein eigenes Geschäft. Vier Jahre lang hätte der Meister für ihn gearbeitet und ihn gleichzeitig begleitet, eine Erfolgsgeschichte. Er selbst habe sich zwar meist auf die Geschäftsführung konzentriert, doch sei es ihm wichtig gewesen, die Grundkenntnisse des Malerberufs zu erwerben, so Meyer.

»Ich mache mir keine Zukunftssorgen, sondern verlasse mich ganz auf Haschem.«

Menasche Meyer

Die jüdischen Züricher Gebäudeverwaltungen seien auch im Raum Basel sehr präsent, weshalb sich seine Kleinstfirma mit zwei Mitarbeitern bis vor Kurzem über die Auftragslage nicht beklagen konnte. Rund 200 seien es in einem durchschnittlichen Jahr, was etwa 2000 Arbeitsstunden entspreche. Dass der Kleinbetrieb zu 50 Prozent von einem religiösen Juden betrieben wird, sei im Arbeitsalltag kein Problem: »Was die Chagim betrifft, da nimmt mein Mitarbeiter einen Teil seiner ihm zustehenden Ferien jeweils an den jüdischen Feiertagen.« Dieses Modell habe sich durchaus bewährt, sagt Meyer, und andere Probleme gebe es eigentlich nicht.

Um die Konkurrenz mit anderen jüdischen Malerfirmen zu verhindern, verzichte er beispielsweise darauf, Aufträge im Raum Zürich anzunehmen. Das habe aber auch rein praktische Gründe.

»Es hat keinen Sinn, wegen eines Auftrags in Zürich oder noch weiter weg stundenlang im Stau zu stehen«, so Meyer. Aufträge außerhalb Basels, »bis zu einer Stunde Fahrzeit«, anzunehmen, sei für ihn kein Problem. So habe er immer wieder auch Arbeit an Orten, an denen es keine jüdischen Gemeinden oder Einzelpersonen gebe. Allerdings mache die jüdische Kundschaft den überwiegenden Teil der Auftraggeber aus.

Wie Chaijm Neufeld spürt Menasche Meyer im Moment ein wenig die allgemein eher zögerliche Konsumentenstimmung, die sich derzeit auch auf seine Branche auswirke: »Nicht dringende Handwerksprojekte im Haus werden im Moment eher auf später geschoben«, glaubt er. Allerdings fügt er gleich hinzu: »Ich mache mir aber überhaupt keine Zukunftssorgen, sondern verlasse mich ganz auf Haschem.«

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