Mumbai

Wo Covid wütet

Vergangene Woche in Airoli bei Mumbai: Ein Graffito ruft zum Masketragen auf. Foto: imago images/Hindustan Times

Indien wird zurzeit von der bisher größten Covid-Welle weltweit heimgesucht. Anteil daran hat auch die sogenannte indische Corona-Variante B.1.617, die mehrere Mutationen aufweist und das Land mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern in die Knie zwingt.

Innerhalb eines Tages steckten sich mehr als 357.000 Menschen mit dem Coronavirus an, und 3449 Menschen starben im selben Zeitraum mit oder an der Krankheit. So teilte es das Gesundheitsministerium in der Hauptstadt Delhi am Dienstag mit. Doch Experten gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Opfer weit höher liegt, denn es werde relativ wenig getestet, und vor allem auf dem Land würden viele Kranke zu Hause sterben und daher nicht in der Statistik erfasst.

Sauerstoff Das indische Gesundheitssystem ist am Limit. In den Krankenhäusern fehlt es an Personal, Betten und vor allem an Sauerstoff. Etliche Regierungen weltweit versuchen, die Not der Menschen in Indien zu lindern. So schickt die deutsche Bundesregierung unter anderem 120 Beatmungsgeräte ins Land.

Auch Israel fliegt medizinische Ausrüstung und andere Güter auf den Subkontinent, darunter Medikamente und Tausende Sauerstoffgeneratoren. Die Hilfsaktion sei mit der indischen Regierung koordiniert, so das Außenministerium in Jerusalem.

Auch einige Handelskammern in Israel sowie Hilfsorganisationen wie das American Jewish Joint Distribution Committee (JDC) beteiligen sich an der Aktion, spenden Geld oder stellen Spezialausrüstung bereit. Auch die kleine jüdische Gemeinde in Mumbai soll Hilfsgüter aus Israel bekommen.

GESCHICHTE In der Zwölfmillionenstadt leben rund 4000 Juden. Die meisten gehören zur Gemeinde der Bnei Israel. Sie stellen die größte Gruppe indischer Juden. Einer Legende zufolge erreichten sie den Subkontinent vor rund 2100 Jahren, als ein Schiff aus Judäa an der Westküste Indiens zerschellt sein soll.

In den vergangenen Wochen sind 15 Gemeindemitglieder an Covid gestorben, sagt Ralphy Jhirad (59) vom Vorstand der Gemeinde in Mumbai am Telefon. Zurzeit seien weniger als zehn Mitglieder erkrankt. »Sie sind alle in Isolation, deshalb haben sich bisher auch die Angehörigen nicht angesteckt.«

Seit einigen Tagen sinke die Zahl der Neuinfektionen im Großraum Mumbai leicht. »Das ist beruhigend für uns«, sagt Jhirad, »aber wir sind sehr vorsichtig.«

kontakte Er betont, dass die Gemeinde zusammenhalte: »Wenn jemand in Schwierigkeiten ist, dann helfen wir sofort, sei es beim Transport, bei Medikamenten oder mit einem Bett im Krankenhaus.« Glücklicherweise habe die Gemeinde persönliche Kontakte zu den Mitarbeitern einiger Kliniken.

»Wir helfen aber nicht nur Leuten in der Gemeinde«, beteuert Jhirad, »sondern auch nichtjüdischen Indern. Der Freund eines meiner Freunde hatte sich angesteckt und war positiv, er ist aus einer indischen Familie. Ich konnte ihm helfen, ein Medikament zu bekommen, das wegen der gestiegenen Nachfrage nicht mehr in allen Apotheken vorrätig war.«

Die Juden in Mumbai sollen auch Hilfsgüter aus Israel bekommen.

Ralphy Jhirad selbst ist bereits einmal geimpft, mit AstraZeneca. In anderthalb bis zwei Wochen soll er die zweite Dosis erhalten. »Im Januar begann das Impfen«, sagt er. »Sie haben das ziemlich gut gemacht« – aber es gebe viel zu wenig Impfstoff für die vielen Menschen im Land.

bevölkerungsdichte Dass sich das Virus in Indien so rasant verbreitet, liegt auch an der hohen Bevölkerungsdichte. »Wir leben sehr eng aufeinander«, sagt Jhirad. »Wenn in einen Bus 100 Leute passen, fahren bei uns normalerweise 160 mit.« Die Regierung habe vor einigen Monaten zwar beschlossen, dass dies wegen der Pandemie nicht mehr erlaubt sein soll, »doch auch 100 Fahrgäste sind zu viel, um angemessen Abstand zu halten«. Vor allem während der Rushhour sei es immer noch sehr voll.

Er selbst geht nun nur noch einmal pro Woche einkaufen, und dies ganz bewusst am Morgen zwischen sieben und acht. »Da ist es noch nicht so voll, man muss nicht in der Schlange stehen und kommt nicht in Kontakt mit so vielen Menschen.«

Um die Verbreitung des Virus einzudämmen, verhängen immer mehr Bundesstaaten einen Lockdown. Seit einem Monat ist dies auch in Mumbai der Fall. Das jüdische Gemeindezentrum musste schließen. »Uns bleibt nur Zoom«, sagt Ralphy Jhirad. Inzwischen wurden auch alle Bethäuser in der Stadt – Moscheen, Kirchen, Tempel und Synagogen – geschlossen. Die Regierung erlaubt den Zutritt nur noch Geistlichen. »Bei uns betet dann der Kantor allein in der Synagoge, und das Gebet wird per Zoom übertragen.« Einige würden zu Hause privat beten, sagt Jhirad, und andere Gemeindemitglieder kämen dazu.

EINSAMKEIT Ein besonderes Auge hat die Gemeinde auf diejenigen Mitglieder, die allein leben. »Sie brauchen unsere Unterstützung. Wir rufen sie regelmäßig an und haben Angehörige gebeten, sie bei sich aufzunehmen oder regelmäßig nach ihnen zu schauen«, sagt Jhirad.

Dies tut die Gemeinde umso mehr, nachdem vor einigen Wochen ein Mitglied vereinsamt an Covid gestorben ist. »Die Polizei fand die Person und wusste nicht, dass sie jüdisch ist, und so ordnete die Stadtverwaltung eine Kremierung an, wie es in Indien üblich ist – aber nicht der Halacha entspricht«, sagt Eli Ramrajkar, einer der ehrenamtlichen Jugendleiter der Gemeinde, am Telefon. »Die Person hatte keine Familie. In der Gemeinde erfuhr man von ihrem Tod erst nach der Bestattung.«

Bei den anderen 14 Covid-Todesfällen, sagt Ramrajkar, seien »richtige jüdische Beerdigungen« möglich gewesen, und es habe jedes Mal einen Minjan gegeben.

hilfe Ein Problem sei, dass viele nicht sehr offen mit ihrer Erkrankung umgehen, sagt der 35-jährige Ingenieur, der in Mumbai geboren und aufgewachsen ist. »Wenn sich jemand infiziert, erfährt das die Gemeinde oft nicht«, so Ramrajkar. Er denkt, dass dies »mit der Kultur zu tun hat, wie die Dinge hier in Indien funktionieren«. Wer Hilfe braucht, wendet sich eher an Freunde als an die Gemeinde. »Und wenn man es dann doch tut, bittet man darum, seinen Namen nicht zu nennen und mit niemandem darüber zu sprechen.«

Um diese Besonderheit scheint auch die amerikanisch-jüdische Hilfsorganisation JDC zu wissen. Sie sandte Anfang der Woche per WhatsApp einen Aufruf an die jungen Gemeindemitglieder mit der Bitte, »mit Älteren in der Gemeinde Kontakt aufzunehmen und herauszufinden, was sie brauchen«. (mit dpa und mth)

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