Ukraine

»Wir sind nervös«

In der Ukraine hat der Maidan die Macht übernommen – die Unsicherheit in der jüdischen Gemeinschaft bleibt bestehen. Foto: dpa

Die politische und wirtschaftliche Zukunft der Ukraine ist mehr als ungewiss. Vertreter der jüdischen Gemeinde des Landes zeigen sich angesichts der unklaren Lage besorgt, sagte Kiews Oberrabbiner Yaakov Bleich am Montag: »Die Gemeinden sind nervös und in Sorge um ihre Sicherheit, denn es gibt derzeit keinen Polizeichef und keinen Innenminister. Männer, die vergangene Woche demonstriert haben, laufen bewaffnet durch die Straßen.« Die Polizei habe sich zurückgezogen, so Bleich. Es gebe aber keine Plünderungen; die Menschen verhielten sich ruhig.

Dennoch sei festzustellen, dass seit dem Wochenende auf den Straßen der Hauptstadt begangene Straftaten nur selten geahndet werden. Es gebe eine große Unsicherheit unter den Juden. Hillel Cohen, ein Vertreter der örtlichen Hilfsorganisation Hatzalah, sagte der Jerusalem Post, er fühle keine Feindseligkeit, wenn er über den Maidan gehe und an seiner Kleidung als Jude erkennbar sei. Aber »in der nächsten Zeit sollten wir sicherlich vorsichtig und wachsam sein«.

Wahlen »Solange keine Normalität eingekehrt sei, kann man sich nicht sicher fühlen«, so Oberrabbiner Bleich gegenüber der Jüdischen Allgemeinen. Daran werde sich bis zu den Wahlen Ende Mai bestimmt nichts ändern. Üblicherweise nehme die Zahl antisemitischer Anschläge während des Wahlkampfs sogar noch zu, hat Bleich in der Vergangenheit beobachtet.

»Wir werden also auch in den nächsten Wochen vor unseren Synagogen und Schulen die hohen Sicherheitsvorkehrungen aufrechterhalten.« Die waren vor einem Monat, nachdem in Kiew zwei Beter angegriffen wurden, verstärkt worden. Die Wachleute gehörten zu privaten Sicherheitsfirmen, betont der Rabbiner. Polizei oder staatliche Sicherheitskräfte hätten die Synagogen in Kiew noch nie bewacht.

Gleichzeitig gebe es konkrete Hilfsmaßnahmen, mit denen bereits unbürokratisch und schnell auf die Situation in Kiew reagiert worden sei. Der Vizepräsident der Ronald S. Lauder Foundation, Rabbiner Joshua Spinner, sagt: »Schon seit den ersten Anzeichen einer veränderten Sicherheitslage haben wir entsprechende Maßnahmen ergriffen.« Die Synagoge und auch die drei durch Rabbi Bleich betreuten Bildungseinrichtungen, darunter der Kindergarten, würden jetzt besonders geschützt.

Am Samstag hatte die Jewish Agency bekannt gegeben, dass sie der jüdischen Gemeinde in der Ukraine verstärkt helfen wolle, ihre Sicherheit zu erhöhen. »Ja, wir haben davon gehört«, sagte Bleich knapp, »wir warten darauf – seit Wochen.« Am späten Montagnachmittag teilte die Agency mit, rund 110.000 Euro zu gewähren.

Saporoschje Unterdessen wurde aus der Stadt Saporoschje im Südosten der Ukraine gemeldet, dass Unbekannte in der Nacht zum Montag Brandsätze auf die Giymat-Rosa-Synagoge geworfen haben. Es entstand nur geringer Sachschaden, verletzt wurde niemand.

In Saporoschje leben etwa 20.000 Juden. Angaben der Jewish Agency zufolge hat die jüdische Gemeinschaft in der Ukraine insgesamt rund 200.000 Mitglieder.

Mehr zu diesem Thema in unserer Printausgabe am Donnerstag.

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