Polen

»Wir können nicht warten«

Im ehemaligen deutschen Konzentrationslager Auschwitz wird an diesem Montag an die Befreiung vor genau 75 Jahren erinnert und der Millionen Toten des Holocaust gedacht. Zu der Gedenkveranstaltung werden Delegationen aus etwa 50 Staaten und etwa 200 Überlebende in Oswiecim erwartet. Polens Oberrabbiner Michael Schudrich forderte, heute jeden Ansatz von Judenhass konsequent zu bekämpfen. »Wir können mit dem Kampf gegen den Antisemitismus nicht warten, bis dieser ›noch schlimmer‹ geworden ist«, sagte er der Deutschen Presse-Agentur in Warschau.

Wenn man eine Infektion an einem Finger habe, warte man auch nicht, bis die ganze Hand entzündet sei. »Genauso verhält es sich mit dem Antisemitismus.« Jeder moralisch verantwortliche Mensch müsse antisemitische Taten verurteilen. Wo sie gegen das Gesetz verstießen, müssten sie mit voller Härte geahndet werden.

auschwitz Zu den Gästen in Auschwitz zählen unter anderem Israels Präsident Reuven Rivlin und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Polens Staatsoberhaupt Andrzej Duda wird eine Rede halten. Auch vier ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers sollen zu Wort kommen. Steinmeier will sich am Morgen zunächst im Schloss Bellevue mit drei Überlebenden des Holocaust treffen, die anschließend mit ihm zu der Gedenkveranstaltung in Auschwitz fliegen werden.

Der Vize-Exekutivpräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Christoph Heubner, forderte, der Staat müsse sich wehrhaft gegen den neuen Antisemitismus zeigen. Dies gelte auch gegenüber denen, die zu gleichgültig seien, um Auslöser des Judenhasses aus ihren Internetportalen zu löschen. »Es gibt heute keine Einzeltäter mehr, es gibt eine gesellschaftliche Atmosphäre, die von einigen gesteuert wird.« Der Staat müsse die veränderten Realitäten auf diesem Sektor sehr viel stärker und kalkulierter in den Blick nehmen, als er das bisher getan habe.

Bundespräsident Steinmeier wird in Auschwitz keine Rede halten – anders als in Yad Vashem, wo er als erstes deutsches Staatsoberhaupt überhaupt sprach.

Bundespräsident Steinmeier wird in Auschwitz keine Rede halten – anders als in Yad Vashem, wo er als erstes deutsches Staatsoberhaupt überhaupt sprach. Dabei bekannte er sich zur deutschen Schuld am Holocaust und sagte den Schutz jüdischen Lebens heute zu. Er räumte ein, dass es in Deutschland wieder Übergriffe auf Juden und einen »kruden Antisemitismus« gebe. Der Bundespräsident betonte, es dürfe kein Schlussstrich unter das Erinnern an den Holocaust gezogen werden.

bundestag Steinmeier und Rivlin wollen nach der Gedenkveranstaltung in Auschwitz gemeinsam in der deutschen Regierungsmaschine nach Berlin fliegen. Dort werden sie am Mittwoch an der Gedenkveranstaltung des Bundestags für die Opfer des Nationalsozialismus teilnehmen und Reden halten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird an diesem Montag in Berlin den polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki treffen. Beide wollen am Abend an einem Gedenkkonzert in der Staatsoper Unter den Linden teilnehmen.  dpa

München

Oberrabbiner Goldschmidt: »Wir können nicht immer wegrennen«

Jüdisches Leben in Europa hat eine Zukunft, aber nicht von allein. Dafür braucht es nach den Worten des Oberrabbiners Pinchas Goldschmidt Partner in den Regierungen und in der Zivilgesellschaft

von Barbara Just  16.10.2026

Großbritannien

Universität Bath sagt Seminar mit Hochschule in Gaza ab

Eine Dozentin hatte britische Studenten aufgefordert, palästinensische Darstellungen des Nahostkonflikts nicht infrage zu stellen. Die Universität entschuldigte sich für die Vorgaben.

von Nicole Dreyfus  15.10.2026

Statistik

Zahl antisemitischer Vorfälle in Österreich bleibt auf hohem Niveau

Der Ausnahmezustand sei zum Alltag geworden, beklagt eine Antisemitismus-Meldestelle in Österreich. Im ersten Halbjahr 2026 wurden erneut Hunderte einschlägige Fälle gezählt

 15.10.2026

»The Social Reckoning«

Empörungsköder

Der Whistleblower-Thriller zeigt die neue Weltordnung à la Facebook – und was Menschen nicht dagegen tun

von Sophie Albers Ben Chamo  15.10.2026

New York

Magische Juden

Handleser, Geisterbeschwörer, Wahrsager und Wunderheiler: Eine neue Ausstellung beleuchtet die Lust am Okkulten

von Eva C. Schweitzer  15.10.2026

Irland

Ausgerechnet eine Antisemitismuskonferenz fällt dem Judenhass zum Opfer

In Dublin fand eine Tagung von Antisemitismusbeauftragten und jüdischen Vertretern statt. Ein Hotel verweigerte die Unterbringung. Für Irlands Gemeindevorsitzenden zeigt das, wie Antisemitismus sich immer wieder neu manifestiert

von Maurice Cohen  14.10.2026

USA

Süß und gut zu werfen

»Sunkist Fruit Gems« gehören in vielen Gemeinden zum Feiern. Ihr angekündigtes Aus sorgte für Aufregung – nun kommen sie zurück

von Sophie Albers Ben Chamo  13.10.2026

»Imanuels Interpreten« (26)

Paul Simon: Der Brückenbauer

Seit den 60er Jahren schreibt und spielt der New Yorker Künstler Musik, deren Texte durchweg stark sind. Mehrere Generationen haben zugehört. Heute wird das jüdische Talent 85 Jahre alt

von Imanuel Marcus  13.10.2026

Katharina von Schnurbein

»Ich habe das Gefühl, den richtigen Weg gegangen zu sein«

Die EU-Antisemitismusbeauftragte Katharina von Schnurbein wechselt von Brüssel nach Berlin. Sie folgt dort Felix Klein nach. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  14.10.2026 Aktualisiert