Sogar seine Entführung hatten die tschechoslowakischen Kommunisten geplant. 1964 weilte Pavel Tigrid gerade in Budapest auf einer internationalen Konferenz des PEN-Clubs, und die Staatssicherheit seines Heimatlandes wollte den Exilanten mit Gewalt zurückholen. In jenen Jahren galt er in Prag als einer der gefährlichsten Vertreter des antikommunistischen Widerstands. Doch der Plan sollte in letzter Minute scheitern, haben Historiker herausgefunden. Tigrid konnte unbehelligt in seine französische Wahlheimat zurückkehren.
Das Haus, in dem der Lebensweg des Prager Juden begonnen hatte, ist ein unscheinbarer Bau im Viertel Vinohrady der tschechischen Hauptstadt. »Die Forschung beschäftigt sich ausschließlich damit, was Papa in der Emigration bewirkt hatte und was er erreicht hat, als er nach der Wende zurückkam«, sagt seine Tochter Deborah Tigrid-Marguerat. »Über den Anfang seines Lebens wissen wir bislang dagegen wenig.« Sie steht auf einem kleinen Podest und hält ein Mikrofon in der Hand. Vor ihr haben sich Weggefährten ihres Vaters versammelt und junge Menschen, für die Pavel Tigrid ein Vorbild war.
Der Anlass: In Anwesenheit seiner drei eigens aus Frankreich angereisten Kinder wird für ihn ein Stolperstein verlegt, und zwar auf Initiative des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. Auch das tschechische Fernsehen ist da und überträgt live – ein Indiz für Tigrids große Bedeutung in der Nachkriegsgeschichte des Landes. Dabei ist Tigrid nur sein Pseudonym, das er sich im Exil zugelegt hatte und irgendwann auch zu seinem offiziellen Namen machte. Eigentlich wurde er 1917 als Pavel Schönfeld geboren. Fast alle Angehörigen seiner Familie wurden in der Schoa ermordet.
Flucht auf dem Motorrad
»Uns war es immer ein Rätsel, wie ein 22-jähriger Student zusammen mit einem Freund diese Entscheidung treffen konnte: Hier ist es nicht gut für zwei jüdische Jungs«, erzählt seine Tochter. »Und wie sie dann zu zweit auf dem Motorrad durch ganz Deutschland bis nach London geflohen sind.« 1939 ist jetzt auf dem Stolperstein vor dem Prager Haus eingraviert. 1945 kehrte Tigrid in die Tschechoslowakei zurück – nur um drei Jahre vor den nun in Prag regierenden Kommunisten erneut das Land zu verlassen. Als demokratisch denkender Journalist, Jude und Intellektueller sah er keine Möglichkeit, zu bleiben und zu arbeiten.
Der kleine Festakt markiert auch den Beginn einer Wiederentdeckung Tigrids, der im Jahr 2003 verstorben ist. Denn obwohl er mehr als ein halbes Jahrhundert im Ausland gelebt hatte, war er in seiner Heimat eine bedeutende Persönlichkeit: Von den Stationen seines Exils in Westeuropa und den Vereinigten Staaten aus organisierte er den politischen Widerstand gegen das kommunistische Regime.
»Man kann immer etwas tun.«
Pavel Tigrid
Schon unmittelbar nach dem Krieg war er am Aufbau des Senders »Radio Free Europe« beteiligt, später gründete er die Zeitschrift »Svedectvi«, was so viel wie »Zeugenschaft« bedeutet. Trotz ihres Verbots wurde sie damals so viel gelesen, dass Historiker ihr eine wichtige Rolle beim Entstehen des Prager Frühlings zuschreiben – jener Epoche der Leichtigkeit und Liberalität in den 60er-Jahren, die mit der brutalen Niederschlagung 1968 durch Truppen des Warschauer Pakts endete.
Direkt nach der politischen Wende kehrte Tigrid in seine Heimatstadt zurück, eingeladen von seinem Weggefährten und neuen Präsidenten Václav Havel; 1993 wurde Tigrid Kulturminister. »Wer hätte gedacht, dass sich das schwere Schicksal des Exils für unsere Eltern in eine Gelegenheit verwandelt, für jene zu sprechen, die auf der anderen Seite geblieben sind«, so formulierte es Tigrids zweite Tochter Katerina bei der Verlegung des Gedenksteins – und dachte dabei sowohl an die Opfer der Schoa als auch die Unterdrückten im Kommunismus.
Das Lebensmotto, das ihren Vater durch die vielen Stationen seines unnachgiebigen und mutigen Lebens trug, ist heute wieder aktuell: »Man kann immer etwas tun«, so sagte Pavel Tigrid gern.