D-Day

Wie eine Jüdin einer Britin half, die Nazis zu belauschen

Ohne die vor den Nazis aus Österreich geflüchtete Lilly Getzel hätte Patricia Owtram kein Deutsch gelernt Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Als Patricia Owtram noch ein Kind war und die Nazis die Kontrolle über Deutschland und Österreich übernahmen, stellte ihr Vater jüdische Flüchtlinge zum Kochen und Reinigen des Hauses der Familie in Lancashire ein, wo die Familie Rinder züchtete. Eine der Geflüchteten hieß Lilly Getzel und war eine gebildete Frau aus Wien, die Geschichten über Konzerte und die Oper erzählte - exotischer Stoff für Patricia, die kaum ihr ländliches Zuhause verließ, auch weil Benzin zum Autofahren knapp war. Abend für Abend unterhielten sie sich in einer Kombination aus Deutsch, österreichischem Deutsch und Englisch.

»Die Abende im Krieg waren ziemlich langweilig«, sagte Owtram, die in diesem Monat 101 Jahre alt wird, der Nachrichtenagentur AP. »So haben wir viel miteinander geredet.«

Eine von 400 Frauen

Und die vielen Gespräche zahlten sich aus. Als Owtram sich 1942 um den Eintritt in den Women’s Royal Naval Service - den Frauendienst in der britischen Kriegsmarine - bewarb, zeigte ein Test, dass sie die deutsche Sprache fließend beherrschte. Die Wrens, wie der Service kurz genannt wurde, sahen über eine Tuberkuloseerkrankung in ihrer Kindheit hinweg, die sie vom Dienst hätte disqualifizieren können, und gaben ihr eine spezielle Aufgabe. Owtram wurde eine von 400 Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges im Rahmen des sogenannten Y-Dienstes - dem britischen Funkabhördienst - in Stationen an der britischen Küste deutsche U-Boot-Kommunikationen belauschten.

Einfacher Sprachverkehr wurde übersetzt und an die Marine weitergeleitet. Codierte Signale gingen direkt an Bletchley Park, die berühmte geheime militärische Dienststelle zur Entschlüsselung codierter Nachrichten. Dort entwickelten Mathematiker wie Alan Turing und Analysten eine Technologie zum Entziffern von Botschaften, die mit der lange als unschlagbar geltenden Enigma-Chiffriermaschinen verschlüsselt worden waren. Auf diese Weise erhielten alliierte Militärstrategen vor dem D-Day - dem Beginn der Landung der Alliierten in der Normandie - entscheidende Informationen. 

»Churchills Geheimarmee«

Wegen der Krankheit in Kindertagen war Owtram vom Dienst im Ausland ausgeschlossen, was sie bis heute schade findet. Denn ihre Schwester Jean hatte ihre Begabung in Sachen Sprache und Lösen von Rätseln bei Einsätzen in Ägypten und Italien umsetzen können - als Chiffrierbeamtin beim britischen Nachrichtendienst für Spezialeinsätze (Special Operations Executive), bekannt auch unter dem Spitznamen »Churchills Geheimarmee«.

»Wir konnten der deutschen Flotte lauschen, wenn die Schiffe aus der Ostsee kamen oder dorthin zurückgingen oder die Nordsee herunter«, beschrieb Owtram ihren eigenen Dienst. »Somit war mein Deutsch daheim in Großbritannien ziemlich nützlich.« Mehr als das. Owtram wurde für ihre Arbeit für Bletchley Park mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit Frankreichs höchstem Verdienstorden, dem der Ehrenlegion.

Plötzlich waren da Premierminister Churchill und Feldmarschall Montgomery

Einen surrealen Augenblick in den Tagen kurz vor dem D-Day erlebte sie auf einem Kliff mit Blick auf den Ärmelkanal, wo sie sich nach Ende einer Schicht mit einem Buch entspannte. Als sie einmal aufblickte, sah sie zu ihrer Überraschung Premierminister Winston Churchill und Feldmarschall Bernard Montgomery auf dem Pfad zum »ihrem« Kliff hinauf. 

»Ich war nicht ganz sicher, was ich tun sollte, denn wenn man ihm Krieg Leute dieses Ranges getroffen und einen Hut getragen hat, hat man salutiert. Wenn man keinen Hut getragen hat, hat man nicht salutiert«, so Owtram. Also sei ihr nur geblieben zu winken zu sagen, »Hallo zusammen, guten Morgen!« Die beiden Männer hatten auch »Guten Morgen« gesagt und sehr nett gelächelt.

Später sollte Owtram erfahren, warum Churchill und Montgomery an ihrem Kliff auftauchten: Sie wollten an der Küste von Kent gesehen werden als Teil von Bemühungen der Alliierten, die Deutschen glauben zu machen, dass die Landung in Calais stattfinden werde und nicht 240 Kilometer weiter westlich in der Normandie.

Bekanntermaßen war der D-Day der Anfang vom Ende der Faschismus-Herrschaft in Europa. Patricia Owtram hat ihren Teil dazu beitragen können. Dank Lilly Getzel! (mit JA)

Karin Prien

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