Niederlande

Was über die Gewalt in Amsterdam bekannt ist

Fans von Maccabi bei ihrer Rükommen am Freitag aufgelöst am Flughafen Ben Gurion nahe Tel Aviv an. Foto: Copyright (c) Flash 90 2024

Die Bilder aus Amsterdam sind schockierend. In den sozialen Medien kursieren Videos, auf denen Menschen durch Straßen gehetzt werden, auf eine leblos am Boden liegende Person getreten oder ein Fußgänger überfahren wird. In einem Clip sagt ein Mann angsterfüllt »ich bin kein Jude« und wird anschließend bewusstlos geschlagen.

https://twitter.com/HenMazzig/status/1854711339320484273

Viele Bilder, die gerade dutzendfach im Netz auftauchen, konnten bisher nicht eindeutig verifiziert werden. Doch klar ist: Im Nachgang eines Fußballspiels zwischen Ajax Amsterdam und Maccabi Tel Aviv am Donnerstagabend in der niederländischen Metropole ist es zu extremer Gewalt gegen israelische Fans gekommen. Die lokale Polizei zählt fünf Verletzte, die ins Krankenhaus gebracht wurden.

Der niederländische Ministerpräsident Dick Schoof spricht von »völlig inakzeptablen antisemitischen Angriffen auf Israelis«, Israels Präsident Isaac Herzog nennt die Ereignisse ein »antisemitisches Pogrom« und die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verurteilt die »abscheulichen Angriffen auf israelische Bürger«.

Doch was genau ist in Amsterdam passiert? Mithilfe offizieller Stellungnahmen der Behörden, der Berichterstattung niederländischer Medien sowie von Videos, die die Vorfälle wahrscheinlich zeigen, lässt sich eine vorläufige Rekonstruktion der Ereignisse erstellen. Zu diesem Zeitpunkt bleiben jedoch viele Fragen offen. Die Amsterdamer Polizei hat umfangreiche Ermittlungen angekündigt.

Was geschah vor den Gewaltausbrüchen?

Anlässlich des Europa-League-Spiels zwischen Ajax Amsterdam und Maccabi Tel Aviv sind am Donnerstag zahlreiche Israelis in die niederländische Stadt gekommen. Die Anhänger beider Clubs gelten als befreundet und Aufnahmen zeigen Fans beider Vereine, die zusammen vor dem Spiel feiern.

Dass die antisemitische Hetzjagd koordiniert war, zeigen Chats, die die britische Zeitung »Telegraph« einsehen konnte. In einer Gruppe namens »Buurthuis« (niederländisch für Gemeindezentrum) verabredeten sich die Teilnehmer zu einer »Judenjagd«. »Morgen nach dem Spiel, in der Nacht, Teil 2 der Judenjagd. Morgen gehen sie nicht ins Casino«, zitiert das Blatt aus dem Chat. Bereits am Mittwoch soll es demnach Angriffe auf israelische Fans gegeben haben, vor denen sie sich in ein Casino geflüchtet haben sollen.

Ein Nutzer schreibt: »Wer kann sich um Feuerwerk kümmern? Wir brauchen jede Menge Feuerwerk.«

»Wenn sie wiederkommen, schreibe ich dir«, verspricht ein anderer. »Danke für heute, Bro, dein Hinweis war Gold wert«, kommentiert ein anderer Nutzer direkt darunter.

Anhänger von Maccabi Tel Aviv und Ajax feiern vor dem Spiel gemeinsam am Rathaus von AmsterdamFoto: picture alliance / ANP

Laut der lokalen Polizei versammelten sich am frühen Nachmittag hunderte Maccabi-Fans auf dem zentralen Dam-Platz. Ein Video zeigt Personen in Maccabi-Trikots, die »fuck you, Palestine« skandieren. Die Polizei beschreibt die Situation einer Pressemitteilung so: »Die Atmosphäre ist zunächst angespannt, beruhigt sich aber allmählich.« Auf dem Dam-Platz werden schließlich ein Dutzend Personen festgenommen, insbesondere wegen Störung der öffentlichen Ordnung. Ob es sich bei den Festgenommen um Maccabi-Fans handelt, ist nicht eindeutig. Um 17.30 Uhr zogen die Fans laut Polizei zum Hauptbahnhof und von da aus zur Johan Cruyff Arena, in der das Spiel ausgetragen wurde.

Aktivisten hatten im Vorfeld eine anti-israelische Demonstration unmittelbar vor der Johan Cruyff Arena angekündigt, die jedoch auf Anordnung der Bürgermeisterin auf den nahe gelegenen Anton-de-Komplein-Platz verlegt worden war. Als Teilnehmer der Kundgebung versuchten, zum Stadion vorzudringen, kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. 30 Personen wurden verhaftet.

Die Lage nach dem Spiel, das Ajax Amsterdam mit 5:0 gewann, beschreibt die Polizei so: »Ohne Zwischenfälle oder Störungen verließen die Anhänger beider Vereine nach dem Spiel das Stadion und gingen dann getrennte Wege.« Bis zu diesem Zeitpunkt war es also offenbar noch nicht zu den Szenen extremer Gewalt gekommen.

Weitere Videos zeigen Gruppen von Maccabi-Fans, die mutmaßlich die Liedzeile »Wir werden den arabischen Feind besiegen« singen und »Fuck you Palestine« skandieren. Mehrere Videos zeigen Maccabi-Fans, die Palästina-Flaggen von Wohnhäusern reißen. Eine weitere soll laut dem Amsterdamer Polizeichef Peter Holla verbrannt worden sein. Holla zufolge haben Maccabi-Unterstützer zudem am Mittwoch ein Taxi zerstört.

Was geschah nach dem Fußballspiel?

Die Amsterdamer Polizei schreibt in einer Pressemitteilung: »Die Nacht nach dem Fußballspiel zwischen Ajax Amsterdam und Maccabi Tel Aviv war sehr turbulent und es kam zu mehreren Gewalttaten gegen Maccabi-Fans.« An verschiedenen Orten der Stadt seien »Anhänger angegriffen, misshandelt und mit Feuerwerkskörpern beworfen« worden. Die Polizei habe »mehrmals eingreifen, israelische Anhänger schützen und sie zu Hotels eskortieren« müssen. »Trotz der massiven Polizeipräsenz in der Stadt wurden israelische Anhänger verletzt.« Das genaue Ausmaß der Gewalt wollen man nun ermitteln.

In zahlreichen Videos sind die Vorfälle dieser Nacht dokumentiert. Die Aufnahmen lassen sich kaum eindeutig verifizieren. Doch in der Gesamtschau ergeben sie das Bild einer Vielzahl von Fällen massiver Gewalt gegen Israelis oder Personen, die für Israelis gehalten wurden. Einige Aufnahmen erinnern zudem an Hetzjagden.

Ein Video zeigt eine leblos am Boden liegende Person, die von drei arabisch sprechenden Männern wiederholt getreten wird. Mehrere Clips zeigen, wie männliche Angreifer ihre Opfer zwingen, »Free Palestine« zu rufen. Ein Video zeigt einen Mann, der in einem Kanal schwimmt und von Umstehenden gezwungen wird, »Free Palestine« zu rufen, damit sie von ihm ablassen.

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Wiederholt wird Opfern zuvor die Frage gestellt, woher sie kommen. Ein Mann wird erst gehen gelassen, als er den Angreifern seinen ukrainischen Pass zeigt. Ein Attackierter ruft »I am not Jewish«, bevor er von den Angreifern bewusstlos geschlagen wird. Ein anderes Opfer sitzt am Boden und bietet den Angreifern sein Geld an, damit sie ihn gehen lassen. Mehrere Videos zeigen Gruppen junger Männer, die andere Personen verfolgen und angreifen. 

Dem »Telegraph« zufolge half ein britischer Israeli, der in Amsterdam lebt, verletzte Maccabi-Fans in von anderen Israelis bereitgestellte Wohnungen in Sicherheit zu bringen.

Eine Gruppe mutmaßlicher Maccabi-Hooligans wurde von der Polizei eskortiert und auf dem Rokin, einer zentralen Straße in Amsterdam, in einen Bus verfrachtet, wie Aufnahmen des Youtubers Ome Bender zeigen, der die Gruppe begleitet hat. Der Bus hält direkt vor einem Haus, aus dessen Fenster Palästina-Flaggen hängen. Bender will beobachtet haben, wie einige der Hooligans Steine auf das Haus werfen, bevor sie in den Bus gestiegen sind.

Wer sind die Angreifer?

Nach übereinstimmenden Berichten sind die für die spätere extreme Gewalt Verantwortlichen keine Fans von Ajax Amsterdam. Womöglich handelt es sich auch nicht um dieselben Leute, die vor dem Stadion gegen Israel demonstriert haben.

Die niederländische Zeitung »De Telegraaf« bezeichnet die Tätergruppe als »Taxifahrer und jugendliche Rollerfahrer«, die ihre Angriffe über Telegram-Gruppen organisiert haben sollen. »De Telegraaf« schreibt: »Angeblich wurden sie durch Berichte über die Anwesenheit von Ex-Militärs und Mossad-Mitarbeitern unter den Anhängern des FC Maccabi Tel Aviv motiviert.«

Viel mehr ist derzeit nicht über die mutmaßlichen Täter bekannt worden. Die Polizei hält sich bedeckt. Ob manche der insgesamt über 50 Festnahmen an diesem Tag überhaupt mit den Angriffen auf Israelis in Zusammenhang stehen oder ausschließlich auf Ereignisse vor dem Spiel zurückgehen, ist ebenfalls unklar.

Wer sind die Opfer?

Die Videos von der Nacht legen nahe, dass es den Angreifern nicht ausschließlich um Fans von Maccabi Tel Aviv ging, sondern generell um Israelis. Viele der in den Clips zu sehenden Opfer tragen keine Merkmale, die sie als Anhänger des Vereins erkenntlich machen würden. Auch die »Passkontrollen« der Täter zeigen, dass sie wahrscheinlich grundsätzlich auf der Suche nach israelischen Staatsbürgern waren. Ob es sich bei allen fünf Verletzten auch um Maccabi-Fans handelt, ist noch unklar.

Ein Sprecher der jüdischen Gemeinde von Amsterdam konnte dieser Zeitung nicht sagen, ob niederländische Juden unter den Verletzten sind. Dennoch ist die Gemeinde in großer Sorge und hat eine Nothotline für Betroffene und einen Schutzraum für Israelis eingerichtet, wie »De Telegraaf« berichtet. Dieselbe Zeitung schreibt auch, dass in den Telegram-Chats der Angreifer von »Judenjagd« die Rede gewesen sei.

Was stimmt womöglich nicht?

Nach den nächtlichen Angriffen galten drei Israelis als vermisst. Laut der Polizei sollen diese jedoch mittlerweile aufgefunden worden sein. Zudem gibt es Gerüchte über eine mögliche Entführung im Zusammenhang mit den Angriffen.  Die Polizei sagt jedoch, es gebe »derzeit keine Bestätigung dafür, dass es tatsächlich dazu gekommen ist«.

Wie ist die Situation aktuell?

Die Lage in Amsterdam ist derzeit ruhig, sagt die Polizei. »In den kommenden Tagen werden zusätzliche Polizisten vor Ort sein, um die Lage zu überwachen und zu kontrollieren«, heißt es in einer Stellungnahme von Freitagmorgen. »Darüber hinaus wird besonderes Augenmerk auf die zusätzliche Sicherheit jüdischer Einrichtungen und Objekte gelegt.«

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Amsterdams Bürgermeisterin Femke Halsema hatte für das Wochenende eine Notverordnung angekündigt. Demnach galt in Amsterdam bis Sonntag ein Demonstrationsverbot, außerdem hatte die Polizei die Befugnis, präventiv Menschen zu kontrollieren, jüdische Institutionen wurden stärker geschützt und in der ganzen Stadt galt ein Vermummungsverbot. »Amsterdam blickt auf eine pechschwarze Nacht zurück und auch heute ist es noch dunkel«, sagte Halsema bei einer Pressekonferenz am Freitag.

»Jungen auf Motorrollern fuhren kreuz und quer durch die Stadt, auf der Flucht vor der Polizei. Dass so etwas in Amsterdam passiert, ist unerträglich und unverdaulich«, sagte sie. »Unsere Stadt ist zutiefst beschädigt, unser jüdisches Leben und unsere Kultur sind bedroht«.

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