Österreich

Von Opfern und Ungeimpften

In der Kritik: Herbert Kickl Foto: imago images/SEPA.Media

Herbert Kickl gefällt sich in seiner Rolle: auf Demonstrationen, bei Parteiveranstaltungen, in den Medien. Gerne donnert der Chef der rechtspopulistischen FPÖ gegen Corona-Maßnahmen, gegen die Maskenpflicht, gegen die Impfung, spricht von einer Pandemie der Geimpften, beschwört seine eigene Gesundheit, spricht von Diktatur und propagiert Pferde-Entwurmungsmittel gegen Corona.

Oder er antwortet in einem Interview des Österreichischen Rundfunks ORF auf die Frage, ob er denn antisemitische Umtriebe auf Corona-Demos verurteile: Der Nationalsozialismus habe nicht mit einem Weltkrieg begonnen und nicht mit »irgendwelchen Vernichtungslagern, sondern er hat damit begonnen, dass man Menschen systematisch ausgegrenzt hat. Er hat damit begonnen, dass man zum Beispiel Kinder, weil sie jüdischer Abstammung gewesen sind, nicht in die Schule gelassen hat«.

Schoa-Vergleich Dieser Vergleich staatlicher Maßnahmen gegen ungeimpfte Personen mit der Schoa hat jetzt juristische Folgen. Die Jüdischen österreichischen HochschülerInnen (JöH) haben gemeinsam mit dem Jüdischen Weltkongress (WJC) und dem Bund jüdischer Verfolgter des Naziregimes (BJVN) bei der Staatsanwaltschaft Wien Anzeige gegen Kickl erstattet, oder wie man in Österreich sagt: eine Sachverhaltsdarstellung gegen ihn eingebracht. Der konkrete Verdacht: NS-Wiederbetätigung beziehungsweise Verharmlosung des Naziregimes.

»Bei dieser (Kickls) Äußerung handelt es sich nicht um eine isolierte Äußerung, sondern sie ist Teil einer Taktik, die die FPÖ seit mehr als einem Jahr verfolgt«, so Bini Guttmann, Mitinitiator der Sachverhaltsdarstellung und Vorstandsmitglied des Jüdischen Weltkongresses.

Provokation ist Herbert Kickls ureigenstes Handwerk, das er im Laufe von Jahrzehnten perfektioniert hat.

Provokation ist Herbert Kickls ureigenstes Handwerk, das er im Laufe von Jahrzehnten perfektioniert hat. Er schrieb die Reden des einstigen FPÖ-Chefs Jörg Haider, jenes Politikers, der das rechtsnationale Lager innerhalb der FPÖ vom Kellernazi-Mief befreite und die Partei in eine rechtspopulistische Establishment-Partei umwandelte. Kickl war es, der hinter Haider an der rhetorischen Eskalations-Stellschraube justierte, etwa, wenn Haider eine »ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich« lobte.

Und heute: »Kickl und die FPÖ organisieren viele der großen Corona-Demonstrationen in Wien und Österreich und mobilisieren dort immer wieder mit antisemitischen Narrativen«, sagt WJC-Vorstandsmitglied Bini Guttmann im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. Jene Demos sind in Österreich zu Socia­li­zing- und Rekrutierungs-Events der rechtsradikalen Szene geworden – Kickl gefällt sich in der Rolle des »Revolutionsführers« und tritt bei diesen Demonstrationen gern als Redner auf.

»Geistige Brandstifter« »Im Rahmen der verschwörungsideologischen Demonstrationen gab es unzählige antisemitische Vorfälle und sogar Angriffe«, sagt Guttmann. Die FPÖ und ihren Bundesparteiobmann Herbert Kickl nennt er die »geistigen Brandstifter dieser Demonstrationen und der antisemitischen Schoa-Relativierung«. Denn über diese Kundgebungen täten sie vor allem eines: Sie »legitimieren Judensterne«. Für Aussagen wie jene in besagtem ORF-Interview müsse Kickl endlich zur Verantwortung gezogen werden, so Guttmann.

Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Oskar Deutsch, schrieb auf Twitter: »Die Aussagen von Herrn Kickl sind gefährlich und beschämend: Er vereinnahmt die Opfer der Schoa, trägt zur Verharmlosung des Nationalsozialismus bei und verbreitet wissenschaftsfeindlichen Unsinn, der Menschen das Leben kosten kann.«

Die Empörung, die schon beinahe brüllende Stimme, die geschwollenen Halsschlagadern – all das gehört zum Konzept Kickl. Der 53-Jährige ist Asket. Er ist Stratege. Viele wissen: Wenn Kickl etwas sagt, dann tut er das nicht zufällig. Er vergaloppiert sich nicht in verbalen Irrwegen – und schon gar nicht, wenn er das prominenteste Fernsehinterview in den Abendnachrichten bestreitet. Seine Irrwege haben System.

Alija

Sprunghafter Anstieg: Mehr Juden sagen Frankreich Adieu

2025 hat sich die Zahl der jüdischen Auswanderer nach Israel fast verdoppelt. Experten machen dafür vor allem den wachsenden Antisemitismus verantwortlich

 08.01.2026

Entführungsfall

Jugendamts-Zeugin im Block-Prozess: »Unglaubliche Belastung«

In dem Hamburger Prozess geht es eigentlich um die Entführung der Block-Kinder. Die hat aber eine jahrelange Vorgeschichte. Eine Jugendamts-Mitarbeiterin schildert eine wichtige Wende im Sommer 2021

von Stephanie Lettgen, Bernhard Sprengel  08.01.2026

Fußball

England als neue Chance? Daniel Peretz verlässt Hamburger SV

Nach der missglückten Leihe zum Hamburger SV geht es für Bayern-Torhüter Daniel Peretz in England weiter. Dort trifft er auf einen deutschen Trainer

 08.01.2026

Los Angeles

Sega-Mitgründer David Rosen im Alter von 95 Jahren gestorben

Der Unternehmer aus New York ging in den 1950ern nach Japan und importierte Fotoautomaten. Später folgten Flipper-Automaten und Jukeboxen

 08.01.2026

Meinung

Instrumentalisiertes Leid kennt keine Moral

Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana braucht es Mitgefühl und Respekt. Wer eine lokale Tragödie von existenzieller persönlicher Wucht für politische Deutungen missbraucht, handelt zynisch – und entwürdigt die Betroffenen.

von Nicole Dreyfus  08.01.2026

Interview

»Die ICZ gehört zu mir – und ich gehöre zu ihr«

Sie will Brücken bauen, ohne den Rahmen zu sprengen. Die neu gewählte ICZ-Präsidentin Noëmi van Gelder spricht über Tradition und Offenheit, über Sicherheit in bewegten Zeiten – und darüber, wie jüdisches Leben in Zürich sichtbar, stark und gemeinschaftlich bleiben kann

von Nicole Dreyfus  08.01.2026

Jerusalem

Gedenkstätte Yad Vashem verweigerte Selenskyj Rede

Kurz nach Kriegsbeginn in der Ukraine wollte Selenskyj in Yad Vashem sprechen. Aber durfte nicht. Der Gedenkstätten-Vorsitzende nennt nun dafür klare Gründe

 07.01.2026

Venezuela

Kraft für den Neuanfang?

Trotz der spektakulären Festnahme des Diktators Nicolás Maduro durch die USA blickt die jüdische Gemeinde des Landes in eine ungewisse Zukunft

von Michael Thaidigsmann  07.01.2026

Schweiz

Trauer um Alicia, Diana und Charlotte

Bei der Brandkatastrophe im Nobel-Skiort Crans-Montana sind auch drei junge jüdische Frauen ums Leben gekommen

von Nicole Dreyfus  07.01.2026