Peru

Von den Anden ins Heilige Land

Von den Inka gegründet: Machu Picchu hoch in den peruanischen Anden Foto: imago/Westend61

Manche Geschichten kann man sich einfach nicht ausdenken. Die von Segundo Villanueva aus Peru ist so eine. Als junger Mann beginnt er in den 40er-Jahren, die Bibel zu studieren, und stellt Fragen. Oder besser gesagt, Villanueva äußert Zweifel. Denn der Autodidakt ist einerseits fasziniert von den Heiligen Schriften, andererseits aber glaubt er, zwischen den Geboten, wie er sie versteht, und den Praktiken der Kirche Widersprüche zu entdecken.

Was folgt, ist eine Odyssee durch die verschiedenen Glaubensrichtungen. Der Katholik Villanueva mit indigenen Wurzeln wendet sich fortan evangelikalen Gruppen zu. Priester, Pfarrer und Prediger sind von dem Wissen, das sich der einfache Zimmermann angeeignet hat, erst schwer beeindruckt, dann aber zunehmend irritiert, weshalb er und seine bald mehrere Hundert Köpfe zählende Anhängerschaft weder bei Adventisten, Pfingstlern oder Methodisten lange gut gelitten sind.

KOLONIE Schließlich gründet Villanueva mit rund 20 Familien seine eigene Glaubensgemeinschaft und mit ihnen eine Kolonie im Amazonasgebiet, die sie »Hebron« nennen. Doch damit ist die spirituelle Reise noch lange nicht vorbei. Er will den Originaltext der Bibel lesen können. Kurzum, Villanueva lernt in Eigenregie Hebräisch und landet so beim Judentum. Bald schon führt man ein »jüdisches Leben«, ohne wirklich Juden zu sein, man hält den Schabbat, backt Challe und ernährt sich koscher. Und sie nennen sich »Bnei Mo­sche«, Söhne Moses.

Doch wie Graciela Mochkofsky, die 2003 durch Zufall auf die »Inka-Juden« gestoßen ist und nun ihre Geschichte erzählt, stößt diese Gruppe auf wenig Gegenliebe bei der kleinen örtlichen aschkenasischen Gemeinde, die zudem der Oberschicht angehört.

Ihr Rabbiner drückt Villanueva zwar ein Buch für Kinder mit dem Titel »Jüdische Traditionen und Bräuche« in die Hand, jedoch eher in der Hoffnung, dass ihn die Lektüre von seinem Wunsch, zum Judentum zu konvertieren, abschrecken wird. »Das Buch sollte klarstellen, wer jüdisch war und wer nicht, und warum ein Hochland-Peruaner, ein Cholo, einfach nicht jüdisch war und auch nicht sein konnte«, so Mochkofsky.

BESCHNEIDUNG Doch die Geschichte nimmt ungeahnte Wendungen. Manche aus der Gruppe hatten sich mittlerweile so viel Wissen angeeignet, dass einer von ihnen, Victor Chico, 1981 den von Israel organisierten Internationalen Bibelwettbewerb gewinnt und nach Jerusalem eingeladen wird.

Man baut eine eigene Synagoge, fotokopiert eine Torarolle und besorgt sich Siddurim. Alle Männer lassen sich bei einem Chirurgen beschneiden, was pro Kopf 60 Dollar kostet – ein Betrag, für den die zumeist bitterarmen »Bnei Mosche« drei Jahre sparen mussten.

Irgendwann wird man auch in Israel auf sie aufmerksam. Rabbi Eliyahu Avichail, Gründer der Organisation »Amishav«, die sich die Rückholung der »verlorenen zehn Stämme« auf die Fahne geschrieben hat, sowie Rabbi Myron Zuber von Chabad nehmen sich ihrer an, sind beeindruckt von dem Eifer und der Ernsthaftigkeit, weshalb sie ihren Übertritt befürworten.

zweifel 1989 konvertieren 160 von ihnen offiziell, und aus Segundo Villanueva wird Zerubbabel Tzidkiya. 1990 wandert eine erste Gruppe nach Israel aus und lässt sich in den Siedlungen Elon Moreh sowie Tapuach im Westjordanland nieder. Es folgen weitere in den Jahren danach. Doch auch als Zerubbabel Tzidkiya bleiben ihm Zweifel. Irritiert vom Leben in Israel, sieht er in den Aramäern plötzlich die Hüter eines wahren Glaubens. Die Suche nach Antworten endet erst mit seinem Tod im Jahr 2008.

Was das von Mochkofsky mit sehr viel Detailwissen und Empathie geschriebene Buch über die »Inka-Juden« so faszinierend macht, sind die Fragen nach der jüdischen Identität, die darin zur Sprache kommen. »Die Bnei Mosche konnten keinerlei jüdische Abstammung für sich beanspruchen: Sie behaupteten nicht, wie andere Gemeinschaften, Nachkommen von Krypto-Juden zu sein, und sie hielten auch keine Bräuche ein, die ihre angeblichen Vorfahren heimlich weitergegeben hatten«, so die Autorin. »Sie waren kein verlorener Stamm, und sie wollten es auch nicht sein. Sie waren einfach nur ein Rätsel.«

Graciela Mochkofsky: »The Prophet of the Andes – An Unlikely Journey to the Promised Land«. Penguin Random House, New York 2022, 273 S., 17,99 $

Bonn/Berlin

»Habt keine Angst«: Zeitzeuge Marian Turski vor 100 Jahren geboren

Er gehörte zu den bekanntesten Schoa-Überlebenden. Seine Worte ermutigen viele Menschen auch über seinen Tod im Jahr 2025 hinaus. Zum 100. Geburtstag blickt ein Freund Turskis auf die Zukunft des Erinnerns

 16.06.2026

Interview

»Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei zu proisraelisch«

Der Schweizer Politiker und Ständerat Daniel Jositsch über die wahren Gründe für seinen Austritt aus der SP, postkoloniale Irrwege und den Antisemitismus innerhalb der Linken

von Nicole Dreyfus  16.06.2026

Albanien

Flamingos gegen Kushner

In Tirana wächst der Widerstand gegen einen Inselverkauf. Präsident Edi Rama wirft den Demonstranten Antisemitismus vor. Zu Recht?

von Adelheid Wölfl  16.06.2026

Großbritannien

Einstufung von Palestine Action als Terrorgruppe ist rechtens

Ein Berufungsgericht in London hat der Regierung von Premier Keir Starmer Recht gegeben und das Verbot der militant antiisraelischen Gruppierung bestätigt

 15.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  15.06.2026

Abstimmung

Schweizer lehnen Bevölkerungsgrenze ab

Soll die Bevölkerung des Landes auf zehn Millionen Menschen begrenzt werden? Darüber sollten die Schweizer heute abstimmen

 14.06.2026

New York

Wie mein Junge das Essen lernte

Lange verzweifelte unser Autor an den Speisegewohnheiten seines Sohnes. Ein Jahr vor dessen Barmizwa unternimmt der Vater einen letzten Versuch: Gemeinsam begeben sie sich auf eine kulinarische Weltreise durch ihre Heimatstadt

von Hannes Stein  14.06.2026

Boy George

Kein Chamäleon

Der britische Sänger positioniert sich schon seit Beginn seiner Karriere klar gegen Antisemitismus. Am 14. Juni wird der Popstar 65 Jahre alt

von Leon Stork  13.06.2026

Debatte

Soll die Bevölkerung in der Schweiz auf 10 Millionen begrenzt werden?

Ein Pro & Contra

von Jessie Katz, Zsolt Balkanyi-Guery  12.06.2026