US-Wahl

Vier weitere Jahre

Amerikas Juden haben mit großer Mehrheit für den Amtsinhaber votiert. Foto: dpa

Bei den Präsidentschafts- und Kongresswahlen in den USA gab es trotz eines langen, nervenaufreibenden Wahlkampfs dann doch kein politisches Erdbeben. Das gilt nicht nur für die Wiederwahl Barack Obamas, sondern auch für die gleich gebliebenen Machtverhältnisse in beiden Häusern des Kongresses. Auch für die amerikanischen Juden, die mit großer Mehrheit für den Amtsinhaber votierten, brachte der Urnengang keine entscheidenden Veränderungen. Allerdings heißt das nicht, dass die jüdische Gemeinschaft in eine Zukunft ohne Sorgen schaut.

Laut Umfragen, die beim Verlassen der Wahllokale durchgeführt wurden, haben rund 70 Prozent der jüdischen Wähler ihre Stimme Obama gegeben. Das war weniger als die circa 75 Prozent vier Jahre zuvor, aber nicht präzedenzlos wenig. Wie nicht anders zu erwarten, interpretierten Republikaner und Demokraten dieses Ergebnis ganz unterschiedlich. Während jüdische Demokraten das Ergebnis als einen klaren Erfolg werteten und zudem betonten, die von der Demoskopie ausgewiesene Differenz zwischen 2012 und 2008 könne auch nur auf einem statistischen Fehler beruhen, erklärte die mit der Republikanischen Partei assoziierte »Jüdisch-Republikanische Koalition«, die jüdische Unterstützung für die Demokraten sei »erheblich ausgehöhlt« worden.

Ob es sich nun um einen einmaligen Ausschlag nach unten oder um einen Trend handelt, wird sich erst in Zukunft zeigen. Allerdings steht fest: Ein erdrutschartiges Überlaufen jüdischer Wähler zu den Republikanern fand 2012 nicht statt. Damit hatten die republikanischen Vorwürfe, Obama sei nicht israelfreundlich allenfalls begrenzten Einfluss auf jüdisches Wahlverhalten. Und zwar auch deshalb, weil Israel nur für einen von zehn Juden, so eine weitere Umfrage, das entscheidende Wahlkriterium war.

Sozialleistungen Das Votum für Obama bedeutet indes nicht, dass Juden sich nun keine Sorgen machen. Auch Obamas Anhängern ist klar, dass der Präsident angesichts des ausufernden Haushaltsdefizits in seiner zweiten Amtszeit sparen muss – nicht zuletzt bei Sozialleistungen. Davon wären auch Juden betroffen. Zwar ist die jüdische Bevölkerungsgruppe im Durchschnitt eine der wohlhabendsten in den USA, doch gibt es auch weitverbreitete jüdische Armut. Schätzungen zufolge leben allein im New Yorker Ballungsraum 250.000 Juden unterhalb oder hart an der Armutsgrenze. Die B’nai-B’rith-Organisation, die unter anderem Wohnungslösungen für bedürftige Juden bereitstellt, hat nach der Wahl denn auch die Befürchtung geäußert, Kürzungen des Bundesetats würden den Wohnraum für Senioren auf unvertretbare Weise verteuern. Jüdische Gemeindeverbände, die Arme mit Mahlzeiten versorgen, bangen um die Zukunft ihrer Hilfsprogramme, falls Zuschüsse der Zentralregierung gekürzt werden.

Ein weiteres Problem ist Obamas Absicht, die steuerliche Abzugsfähigkeit von Spenden für gemeinnützige Zwecke zu kürzen. Auch das, so das Washingtoner Büro der Dachorganisation der Gemeindeverbände von Nordamerika, droht die Etats jüdischer Wohltätigkeitseinrichtungen, die in hohem Maße von Privatspenden abhängen, zu schmälern.

Abgeordnete Bei den Wahlen zum Kongress wurden nach Berechnungen der Jewish Telegraphic Agency 22 jüdische Abgeordnete des Repräsentantenhauses gewählt. Damit ist die Zahl der Juden im Unterhaus des amerikanischen Parlaments um vier zurückgegangen. Gleichzeitig wurde ein Drittel der Senatssitze neu bestimmt. Hierbei ging die Zahl jüdischer Senatoren von bisher 13 auf elf zurück. Dennoch ist der jüdische Anteil an der Zahl der Kongressabgeordneten mit 6,2 Prozent viel höher als der jüdische Bevölkerungsanteil in den USA, der bei rund zwei Prozent liegt.

Derweil sorgt Obamas künftige Nahostpolitik in den USA wie international für Spekulationen. Amerikanische wie israelische Beobachter gehen davon aus, dass sich das ohnehin kühle Verhältnis zwischen Obama und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu – dieser gilt als Favorit für die israelische Knesset-Wahl am 22. Januar und dürfte, wie jetzt Obama, sein Amt behalten – weiter verschlechtern wird. Obama, so die Einschätzung, werde seinem Widerstand gegen die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland und in Ostjerusalem nun deutlicher artikulieren können, als es zuletzt im Vorfeld der US-Wahl der Fall war. Obamas grundsätzliche Haltung gegenüber den Siedlungen ist ausgesprochen negativ. 2009 erklärte er, die israelischen Siedlungen seien »illegitim« und müssten »aufhören«. Auch auf persönlicher Ebene, so die meisten Kommentare, sei das Verhältnis zwischen den beiden Politikern von gegenseitigem Misstrauen geprägt.

gepflogenheiten Netanjahu selbst hat im Einklang mit den diplomatischen Gepflogenheiten Obama zu seinem Wahlsieg beglückwünscht. Allerdings haben einige Vertreter der israelischen Rechten aus ihrer Enttäuschung über Obamas Amtsverbleib keinen Hehl gemacht. Umgekehrt machen sich die Palästinenser Hoffnungen auf mehr Verständnis in Washington. Der Chefunterhändler der »Organisation für die Befreiung Palästinas« (PLO), Saeb Erikat, erklärte, nun hoffe die PLO, Obama werde das palästinensische Begehren auf eine Anerkennung Palästinas als Nichtmitgliedsstaat durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen unterstützen.

Indessen glauben viele Beobachter auch, dass der Nahe Osten gar nicht so hoch auf Obamas Prioritätenliste stehen wird, wie in der Region selbst gehofft beziehungsweise befürchtet wird. David Makovsky vom Washingtoner Institut für Nahostpolitik erklärte, zwar habe ein wiedergewählter Präsident mehr Spielraum als während der ersten Amtszeit, doch werde Obama sein »politisches Kapital« eher für die Lösung einheimischer Wirtschaftsprobleme als in der Außenpolitik einsetzen. Kühne Friedensinitiativen für den Nahen Osten, so Makovsky, seien daher nicht zu erwarten.

London

Iraner wegen Ausspähung jüdischer Einrichtungen verhaftet

Die Antiterroreinheit der Londoner Polizei hat in der Nacht zehn Personen festgenommen, darunter vier mutmaßliche Spione der Islamischen Republik

 06.03.2026

Großbritannien

Radikal pragmatisch

Ahmed Fouad Alkhatib arbeitet an einem palästinensischen Staat. Für den brauche es vor allem Frieden und Zusammenarbeit in der Region, sagt der Mann, der in Gaza und in den USA aufgewachsen ist

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  04.03.2026

Österreich

Der jiddische Sherlock Holmes

Der Schriftsteller Jonas Kreppel schuf im Wien der k. u. k. Zeit einen jüdischen Meisterdetektiv. Nun wurde die Krimireihe von einem New Yorker Autor wiederbelebt

von Jörn Pissowotzki  04.03.2026

Kalifornien

»Tehrangeles« jubelt

Im Großraum Los Angeles lebt die größte persische Exilgemeinde der Welt. Sie unterstützt das militärische Vorgehen der USA und Israels. Auch über die Zukunft des Iran machen sich viele Gedanken

von Gunda Trepp  04.03.2026

Demonstrierende schwenkten am Montag israelische und iranische Flaggen vor der israelischen Botschaft in Berlin und riefen „Danke, IDF!“.

Berlin

Zeichen gegen Teheran

Exil-Iraner demonstrierten vor Israels Botschaft in Berlin und drücken ihre Hoffnung auf einen Neuanfang aus

 03.03.2026

Schweiz

Drohung gegen koscheren Supermarkt

In Zürich ist es am Samstagabend zu einem Großaufgebot der Polizei vor jüdischen Einrichtungen gekommen

von Nicole Dreyfus  01.03.2026

Deutschland

Warnung vor Terror-Gefahr in Deutschland wegen Iran-Krieg

Wegen des Krieges in Nahost rechnet der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, mit einer »gesteigerten Bedrohungslage für jüdisches Leben in Deutschland«

 01.03.2026

Israel

Netanjahu an Iraner: »Vollendet es«

Regierungschef Benjamin Netanjahu richtet sich mit einer Ansprache auf Farsi an die iranische Bevölkerung

 01.03.2026

Iran

Britischer Verteidigungsminister: »Iran verliert die Kontrolle über seine Kommandostrukturen«

Großbritannien beteiligt sich am Militäreinsatz gegen den Iran. Verteidigungsminister Healey warnt vor wahllosen iranischen Angriffen

 01.03.2026