Argentinien

»Vida Linda« statt Altersheim

Von außen wirkt das Hochhaus in der Calle Vidal in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires wie ein ganz normales Wohngebäude. Doch wer durch die verspiegelte Eingangstür getreten ist und sich beim Portier angemeldet hat, merkt, dass dies kein Ort ist, an dem Nachbarn anonym nebeneinanderher leben. In einem Raum im Erdgeschoss spielt eine Gruppe älterer Leute Karten. Durch die Glastüren fällt der Blick in einen gepflegten Garten, in dem ein paar Bewohner die Frühlingssonne genießen. Und in der Bibliothek, ebenfalls im Erdgeschoss, unterhalten sich Frauen, die um einen Tisch herum sitzen – an diesem Nachmittag findet der wöchentliche Literaturkurs statt.

Im 15. Stock, in einer hellen Wohnung mit bunten Kissen auf dem Sofa und einem Balkon voller Grünpflanzen, serviert Gisela Brunnehild – eine lebendige Frau voller Esprit – einen köstlichen Eiskaffee. »Ich bin aus der zweiten Generation von Vida Linda, meine Mutter gehörte zur ersten«, erzählt die 93‐Jährige in ihrer Muttersprache Deutsch.

Wortspiel Vida Linda, schönes Leben, so wird das Gebäude in der Vidal‐Straße genannt – ein Wortspiel, das einst die Gründer dieses ungewöhnlichen Wohnprojekts kreierten. Es war eine Gruppe deutscher, nach Argentinien emigrierter Juden, die in den 60er‐Jahren beschloss, ihren Lebensabend gemeinsam zu verbringen: alle in einem Gebäude, jeder in seiner eigenen Wohnung. Gemeinsam bauten sie, mit finanzieller Hilfe ihrer Kinder, das Hochhaus in Belgrano, einem Stadtteil von Buenos Aires, in dem seit den 30er‐Jahren viele deutsche Juden lebten.

Eine der Ersten, die einzogen, war Gisela Brunnehilds Mutter, die durch eine Anzeige im »Argentinischen Tageblatt« von dem Vorhaben erfahren hatte.

»Mein Bruder, der hier in Argentinien ein Unternehmen gegründet hatte, unterstützte den Bau finanziell. Er war begeistert von der Idee«, erinnert sich Gisela. Dabei sei er anfangs skeptisch gewesen – die Mutter sollte auf keinen Fall in ein Altersheim. Doch als Altersheim war Vida Linda nie gedacht.

kulturkreis Den Gründern ging es darum, im Alter mit Menschen aus demselben Kulturkreis zusammenzuleben. »Es war eine deutsch‐jüdische Enklave«, sagt Gisela Brunnehild, die nach dem Tod ihrer Mutter 1989 deren Wohnung übernahm.

Beide, Mutter und Tochter, waren 1936 aus Frankfurt am Main nach Buenos Aires gekommen. Gisela, in Mannheim geboren, war damals zwölf. Der ältere Bruder hatte es schon vorher nach Argentinien geschafft, der Vater – von Giselas Mutter geschieden – kam einige Jahre später.

»Ich wehre mich immer gegen das Wort Emigranten. Wir waren Flüchtlinge! Wir wären ja nicht gekommen, wenn man uns nicht rausgeworfen hätte«, sagt Gisela Brunnehild vehement und erzählt von der schwierigen ersten Zeit: Mutter und Tochter wohnten damals im Zentrum von Buenos Aires und vermieteten zwei Schlafzimmer ihrer Wohnung an höhere Angestellte – sie selbst schliefen im Wohnzimmer. Gisela glänzte in ihrer argentinischen Schule. Aber den Wunsch zu studieren musste sie begraben.

In den 60er‐Jahren bauten sich ein paar alte Menschen ein Hochhaus.

Als junge Frau zog es sie dann zurück nach Europa. »1955 bin ich aufs Schiff gestiegen, mit einem Koffer voller Sommersachen. Denn ich wollte nur für drei Monate nach Europa – aber dann habe ich so viel erlebt, dass ich dort geblieben bin.«

Gisela Brunnehild lebte in Paris und tauchte ins Schriftstellermilieu ein, lernte Julio Cortázar und Albert Camus kennen. Nach einigen Jahren bekam sie einen interessanten Job bei der UNO in Genf, wo sie dann ihr ganzes Berufsleben verbrachte.

Seit der Pensionierung lebt Gisela sechs Monate im Jahr in der Schweiz und sechs Monate in Buenos Aires – in ihrer Wohnung in Vida Linda. »Ich fühle mich sehr wohl hier«, sagt sie. Interessant findet sie, wie sich das Gebäude mit seinen rund 100 Wohnungen verändert hat: Der deutsch‐jüdische Ursprung sei inzwischen kaum noch spürbar, Menschen mit anderem Background seien eingezogen, heute sei es eine argentinische Hausgemeinschaft.

Zwar würden weniger Bewohner als früher die Bibliothek nutzen, dafür gebe es viel mehr soziales Leben: »Jeden Tag ist etwas los: Gesang, Gedächtnistraining oder Englischkurs.«

öffnung Zuerst öffnete sich Vida Linda für Juden nichtdeutscher Herkunft, in jüngster Zeit dann auch für nichtjüdische Argentinier. Der Grund: Das Wohnprojekt hatte mit sinkenden Bewohnerzahlen zu kämpfen.

»Als ich vor fast vier Jahren angetreten bin, stand mehr als ein Drittel der Wohnungen leer«, erzählt Jorge Ariel Gutfleisch, Präsident des Genossenschaftsvereins Asociación Mutual Israelita Vida Linda. Damals beschloss die Hausgemeinschaft einstimmig, auch Menschen anderen Glaubens aufzunehmen. »Aber wir bleiben eine jüdische Einrichtung«, betont Gutfleisch.

Eine Reihe von Reportagen in argentinischen Medien verhalf Vida Linda zu mehr Bekanntheit, und nach und nach füllte sich das Haus mit neuen Nachbarn, die dort Wohnungen erwarben.

»Heute, und darauf sind wir stolz, haben wir eine Warteliste«, freut sich der Vereinspräsident, dessen 95‐jährige Mutter in Vida Linda lebt: »Sie spielt mit anderen Señoras Karten, und weil sie spielt und diskutiert, hat sie in ihrem Alter immer noch eine hohe Lebensqualität«, meint der Sohn.

bewohner Bewohner, die in Deutschland geboren wurden, gibt es heute nur noch wenige. Einer von ihnen ist Ralph Nissensohn, der mit seiner Frau in Vida Linda lebt. Der 87‐Jährige kam in Hamburg zur Welt und liebt diese Stadt, die er mit sechs Jahren verlassen musste, noch immer. »Es ist für mich die schönste Stadt, mein Herz schlägt für Hamburg«, sagt Ralph Nissensohn lächelnd. Dabei hatte er sich, als er mit seinen Eltern und seinem Bruder vor dem Nationalsozialismus flüchten musste, in Buenos Aires rasch eingelebt. »Damals konnte man hier noch auf der Straße spielen und hat als Kind schnell Freunde gefunden.«

Viel schwerer sei das Leben im Exil für seine Eltern gewesen, erzählt Ralph. Der Vater schuftete anfangs im U‐Bahnbau, aber musste den Job wegen eines Arbeitsunfalls aufgeben. Die Eltern fanden eine kleine Wohnung, in der sie keine Miete zahlen mussten, aber für den Besitzer kochten und wuschen und seinen Laden sauber hielten. »Meine Mutter hat nie Spanisch gelernt und ist kaum aus dem Haus gegangen, mein Vater hat die Einkäufe gemacht«, erinnert sich Ralph Nissensohn. Zu Hause wurde gegessen wie in Deutschland – es gab Sauerkraut oder Apfelkuchen.

Irgendwann begannen die Eltern, Nähkästen herzustellen und zu verkaufen. »Damit konnten sie sich über Wasser halten«, sagt der Sohn. »Für eine eigene Wohnung hat es nie gereicht, aber meine Eltern konnten uns die Ausbildung finanzieren.« Ralph Nissensohns Bruder wurde Ökonom, er selbst besuchte eine Indus­trieschule und arbeitete in einer Firma für Kunststoffartikel, für die er oft zu Messen nach Europa reiste, auch nach Deutschland.

Seit ein paar Jahren dürfen auch nichtjüdische Argentinier einziehen.

»Mir liegt viel an Deutschland, trotz allem, was passiert ist«, betont der Rentner. Nicht nur beruflich, auch privat ist Ralph Nissensohn oft in sein Geburtsland gereist. In Hamburg suchte er vergeblich die Synagoge am Bornplatz – sie war 1939 abgerissen worden. Die Talmud‐Tora‐Schule, die er ein halbes Jahr lang besucht hatte, fand er jedoch wieder. Bei der Spurensuche begleiteten ihn Frau, Sohn und Enkel. »Ich habe ihnen auch gezeigt, wo wir gewohnt haben und wo ich geboren wurde. Es war mir wichtig, dass sie das sehen.«

staatsbürgerschaft Nissensohn besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft, Argentinier ist er nie geworden. »In meiner Schule durfte ich, weil ich Ausländer war, nicht den Treueschwur auf die argentinische Fahne ablegen. Ich fühlte mich damals ausgeschlossen und hatte danach nie das Bedürfnis, die Staatsbürgerschaft zu beantragen.«

Die Entscheidung, nach Vida Linda zu ziehen, bereut der Hamburger nicht: »Wir haben hier viele Kontakte und sind nie allein – aber wenn man für sich sein will, kann man das auch.«

Genau das schätzt auch Ana María Pagni an der Hausgemeinschaft, der sie seit drei Jahren angehört. Pagni ist Katholikin, so wie die meisten Argentinier, und gläubig – leicht zu erkennen an dem großen Kreuz, das sie um ihren Hals trägt. Sie gehört zu den ersten nichtjüdischen Argentiniern, die eingezogen sind. Die 83‐jährige Witwe strahlt, als sie von ihrem neuen Leben in Vida Linda erzählt: »Ich bin hier sehr nett aufgenommen worden und habe mich von Anfang an wohlgefühlt. Meine Nachbarn sind bezaubernd, ich treffe mich oft mit Leuten aus dem Haus, und es ist immer schön.« Ana María Pagni glaubt, dass Vida Linda seine Bewohner jung hält, »weil wir hier immer noch Besitzer unseres Lebens sind«.

Freiheit Den Unterschied zwischen Vi­da Linda und einem Altersheim betont auch Raquel Braun, eine der Jüngsten im Haus. »Jeder ist hier frei und unabhängig«, sagt die 74‐Jährige, die in Vida Linda ehrenamtlich Kulturveranstaltungen organisiert. Manche Bewohner hätten privat eine Pflegekraft engagiert, andere kämen bis ins hohe Alter allein klar.

Raquels Eltern, deutsche Juden, gelangten über Schweden, Russland und Japan nach Argentinien. Ihre Großeltern mütterlicherseits wurden ins KZ Bergen‐Belsen deportiert und konnten von dort nach Palästina ausreisen, aber Raquels Tante und deren Mann überlebten die Schoa nicht.

Raquel wechselt mühelos zwischen Spanisch und Deutsch hin und her. Zweimal hat sie für mehrere Jahre in Deutschland gelebt, wo sie als Sprachlehrerin arbeitete und sich zur Heilpraktikerin ausbilden ließ. »Ich bin kontaktfreudig und habe dort schnell Freundschaften geschlossen. Gestört hat mich vor allem der ständige graue Himmel«, sagt die jugendlich wirkende Frau mit dem grauen Pagenkopf. Argentinisch, deutsch, jüdisch?

Auf die Frage nach ihrer Identität antwortet Raquel Braun spontan: »Ich identifiziere mich mit dem Menschsein.«

Gisela Brunnehild, die Besitzerin der lichtdurchfluteten Wohnung in der 15. Eta­­ge, erwägt, irgendwann das ganze Jahr über hier in Belgrano zu leben. Aber noch genießt sie ihr Leben zwischen Buenos Aires und Genf. Sollte sich Gisela eines Tages ganz für Vida Linda entscheiden, wäre das auch eine Entscheidung für Argentinien. »Ich liebe dieses Land und seine Menschen, sie sind solidarisch und so warmherzig.«

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