Assisi

Versteckt im Wallfahrtsort

Die berühmte Basilika San Franceso in Assisi: Verfolgte Juden fanden hier Unterschlupf. Foto: Getty Images

Dem Heiligen Franziskus hätte die Szene bestimmt gefallen, die in seiner Geburtsstadt trotz deutscher Besatzung zwischen 1943 und 1944 im Verborgenen mehrmals ablief. Abends, wenn die Tore der Basilika San Francesco sicher verschlossen waren, setzte sich Pater Giacomo Reali an die Orgel zum Üben – mit Vorliebe spielte er Bach. Zur gleichen Zeit kletterten rund 40 Juden aus ihrem engen Versteck im Glockenturm. Im riesigen, leeren Kirchengebäude turnten sie – bei musikalischer Begleitung.

Von Szenen wie diesen erzählte 2014 einer der letzten Zeitzeugen, Vladimiro Penev, in einem YouTube-Video. Direkt an der berühmten Basilika, im Sacro Convento, hatte der 2017 verstorbene Franziskaner fast sein ganzes Leben verbracht. Er erlebte auch die Kriegsjahre, in denen die italienische Stadt ihrem Ruf der Nächstenliebe mehr als gerecht wurde – mit viel Mut, Geschick und vor allem einer gehörigen Portion Glück.

Etwa 300 Juden überlebten in Assisi in verschiedenen Verstecken dank der absoluten Verschwiegenheit von Brüdern, Nonnen und Bewohnern, darunter sogar eines Jungen, der Medikamente aus der Apotheke unauffällig zu den Verstecken brachte.

Die falschen Pässe versteckte der berühmte Radfahrer Gino Bartali in seinem Fahrradrahmen.

Wen die Nonnen, Mönche und Bewohner von Assisi nicht im Glockenturm versteckten, brachten sie in den Klöstern ringsum unter: San Quirico, Santa Croce und Santa Colette, manchmal offiziell in deren Gästezimmern, meistens in den sonst verschlossenen Nonnenklausuren oder im Konvent von San Damiano – verkleidet in Franziskanerkutten. Sie bekamen Essen von den Ordensschwestern und Mönchen, die fast alle eingeweiht waren.

KRIMI-STORY Pikante Details der lebensgefährlichen Rettungsaktion liefern ein Buch (1984) und ein Film (1985), beide mit dem Titel Assisi Underground. Aus dem historischen Stoff entwickelte der israelische Autor Alexander Ramati eine äußerst spannende Krimi-Story. Die Schrecken der Schoa wirken wie eine entfernte Kulisse, denn die Leser wissen, dass es in Assisi gut ausging. Immer wieder geht es haarscharf an der Katastrophe vorbei: Die Nazis schöpfen Verdacht, drohen – und finden doch nichts.

Im Mittelpunkt steht der pfiffige, gern Wein trinkende Protagonist, Pater Rufino Niccacci, im Film von Ben Cross gespielt. Der Autor stützte sich auf Niccaccis Berichte und auf weitere private Dokumente, Briefe und Tagebücher. Der Erfolg war international. Exemplarisch erinnern beide Werke an die vielen Retter Italiens.

So weit, so gut. Nur: Zahlreiche Details von Assisi Underground seien völlig erfunden und viele Fakten verdreht, behauptete Don Aldo Brunacci, der damalige Sekretär des Bischofs der Stadt, der das Rettungsnetzwerk leitete. So etwa sei nicht Niccacci verhaftet worden, schrieb Brunacci in einem historisch angelegten Buch (2005), sondern er selbst – zehn Tage lang sei er im Mai 1944 in Haft gewesen, kurz vor der Befreiung der Stadt. Auch der schützende Schachzug, Assisi den Status einer »Lazarettstadt« zu verleihen – und sie so vor den Bomben der Alliierten zu schützen –, erfolgte ganz anders als in Buch und Film beschrieben.

DRUCKERPRESSE Heute ist es schwer, in Assisi Underground Realität von Fiktion zu unterscheiden. Zuverlässige Informationsquellen sind dünn. Spuren von damals – Briefe, Listen, Unterlagen – wurden unmittelbar vernichtet, denn sie waren eine zusätzliche Gefahr. Zum Schutz der Juden soll der damalige Papst Pius XII. in einem Geheimbrief aufgerufen haben. Auch der ist nicht mehr aufzufinden. Nur die Zeitzeugen konnten berichten, und wenige haben es vor ihrem Tod getan.

Einen wertvollen historischen Beitrag leistet das kleine Museo della Memoria (Museum der Erinnerung). Die Ausstellung über das geheime Netzwerk wurde 2011 in der Pinakothek von Assisi eröffnet und zog Mitte 2018 ins Bistumshaus Spogliazione um. Dort sind in erster Linie Porträts mit Zitaten und Fotos der katholischen Akteure und von einigen geretteten Juden zu sehen.

Am Museumseingang steht die damalige Druckerpresse, auf der Luigi Brizi und sein Sohn Trento mindestens 300 falsche Pässe druckten – vermutlich noch mehr für weitere Juden, insbesondere in Florenz. Für den Transport der Dokumente sorgte der berühmte Radfahrer Gino Bartali: Er versteckte sie in seinem Fahrradrahmen. Er tat so, als ob es seine Trainingsstrecke wäre und er in Assisi beten wollte.

Einmal umringten etwa 20 bewaffnete deutsche Soldaten das Sacre Convento.

Der Trick der Drucker ging so: In Telefonbüchern suchten sie Personennamen aus Städten aus, die in den Händen der Alliierten waren, damit die Deutschen sie nicht nachprüfen konnten.

Dank ihrer neuen Identität konnten die jüdischen Flüchtlinge Lebensmittelkarten bekommen. Sie konnten in Hotels wohnen, sofern ihr regionaler Akzent nicht anders als derjenige ihrer fingierten Heimat klang. Manche waren in Familien untergebracht, die über ihre wahre Identität Bescheid wussten. Einige jüdische Jungen konnten sogar die Schule besuchen. Sie erregten kein Aufsehen, denn es gab viele weitere, nichtjüdische Flüchtlinge, die aus ihren bombardierten Städten ebenfalls nach Assisi geflohen waren.

ÜBERLEBENDE Die Überlebende Lea Baruch berichtet, dass ihre Familie 1944 sogar an der Weihnachtsmesse teilnahm, obwohl deutsche Soldaten dabei waren. Kein einziges Mal seien sie von ihren katholischen Rettern dazu gedrängt worden, zu konvertieren. Im Gegenteil – die Nonnen unterstützten sie mit Essen und Blumen beim Festmahl nach dem höchsten jüdischen Feiertag, dem Fastentag Jom Kippur.

Die Schwestern Grazia und Miriam Viterbi erinnern sich, wie der Bischof Nicolini »jüdische Gegenstände« ihrer Eltern und ihre echten Pässe in seiner Privatwohnung hinter einem Marienbild versteckte. Laut Museumskatalog hat er sie in Kellerräumen gelagert, die er selbst zumauerte. Auf den gefälschten Pässen hieß die jüdische Familie nun Varelli und kam aus Lecce. »Don Aldo gab uns eine Liste von Informationen, die wir auswendig lernen mussten. Stundenlang übten wir die Geschichte unserer neuen Familie, die Geografie und die Gepflogenheiten ihrer Heimat.«

Als der von den Nazis verdächtigte Bischofssekretär Don Aldo Brunacci im Mai 1944 – einen Monat vor der Befreiung der Stadt – im Eingang seines Hauses doch festgenommen wurde, war die Familie Viterbi einen Stock höher versteckt. Brunacci holte ein Gebetbuch oben ab und schloss hinter sich wie selbstverständlich ab, damit die Nazis nicht auf die Idee kamen, das Haus zu durchsuchen.

Aus der Wiener Jüdin Clara Weiss wurde mithilfe der italienischen Helfer Bianca Bianchi.

Eine einzige jüdische Frau starb in der Zeit der deutschen Besatzung zwischen September 1943 und der Befreiung im Juni 1944, allerdings an einem Herzinfarkt. Es war Clara Weiss aus Wien. Sie wurde unter ihrem fingierten Passnamen Bianca Bianchi von Don Aldo offiziell katholisch begraben.

Nach dem Krieg ließ ihr Sohn ihren echten Namen, einen Magen David und folgenden Satz auf ihren Grabstein gravieren: »Sie starb friedlich in Assisi. Dort wurde sie während der Nazi-Verfolgung liebevoll aufgenommen.«

OLIVENÖL Auch die Filmfigur Pater Rufino Niccacci wird im Museum porträtiert. Er war »ein Mann mit schönem Humor und hellem Geist«, sagt Lea Baruch. Einmal kontrollierten die Nazis seinen Lastwagen, weil sie nach Essen vom Schwarzmarkt suchten, erzählt die Überlebende Hella Gelb Kropf. Sie fragten, ob er etwas dabeihatte. »Ja«, witzelte er, »ich sitze gerade auf einem Ölfass.« Sie lachten und winkten ihn durch. Dabei war sein Wagen tatsächlich voller Olivenöl.

Erstaunlicherweise wird sogar der Kommandant Valentin Müller am Ende des Museums geehrt. Auf einem der Fotos steht er im NS-Uniform. Mehrmals intervenierte er persönlich, als andere Nazis die Einwohner malträtierten. Auch wenn er nicht direkt über die Rettung der Juden informiert war, wird er »sicherlich etwas davon geahnt« haben, lautet ein Kommentar im Museo della Memoria.

DENKMAL Unklar bleibt, ob er bewusst wegsah oder von Assisis Bewohnern überlistet wurde. Sicher verbürgt ist, dass der fromme Katholik, der täglich die Morgenmesse besuchte, zur Rettung der historischen Schätze der Stadt beitrug. Zusammen mit dem Bischof wandelte er viele Gebäude in Krankenhäuser um – mit dem Ziel, Assisi zur »Lazarettstadt« erklären zu lassen.

Sein Ziel erreichte er Ende Mai 1944: Innerhalb der Stadttore durfte es nur noch verwundete Soldaten geben. So wurden Assisi und seine Kunst- und Kulturschätze von den Alliierten verschont.

Ein kleines Denkmal an einer befahrenen Kreuzung am Stadtrand erinnert heute an den bayerischen Oberarzt. Der Kommandant habe »Assisi und die ihm Anvertrauten vor den Schrecken des Krieges 1943 und 1944 geschützt«, ist darauf eingraviert. Mitte Juni 1944 hinterließ er der unversehrten Stadt wertvolles medizinisches Material als Geschenk. Das hätte ihm als Verrat angerechnet werden können.

NÄCHSTENLIEBE Aus dem vielfältigen Netzwerk der christlichen Nächstenliebe in Assisi wurden neun nichtjüdische Retter in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als »Gerechte unter den Völkern« geehrt: Pater Rufino Niccacci, Don Aldo Brunacci, Bischof Giuseppe Placido Nicolini, Luigi Brizi, Trento Brizi, Schwester Giuseppina Biviglia, Schwester Ermella Brandi, Don Federico Vincenti und Gino Bartali.

Neun Retter aus Assisi wurden in Yad Vashem als »Gerechte unter den Völkern« geehrt.

Sie alle und vermutlich noch viel mehr Bewohner setzten für die Verfolgten ihr Leben aufs Spiel. Vladimiro Penev erinnert sich, wie heikel es war: Einmal umringten rund 20 bewaffnete deutsche Soldaten das Sacre Convento. Sie vermuteten dort Widerstandskämpfer oder Juden.

Alle Brüder wurden mit ihren Ausweisen in den Hof der unteren Basilika hinausgescheucht. Einen 89-jährigen britischen Franziskaner ohne Dokumente ließen die Nazis nur nach viel Überzeugungsarbeit seiner Mitbrüder in Ruhe.

Ob die Schutzheiligen der Stadt, Franziskus und Klara, bei der Rettungsaktion ihre Hand im Spiel hatten? Viele Bewohner von Assisi glauben es heute noch.

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