Tschernobyl

Verlorenes Schtetl

Atomkraftwerk Tschernobyl sechs Wochen nach der Reaktorkatastrophe am 26. April 1986 Foto: imago

Ende des Monats jährt sich zum 30. Mal die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Am 26. April 1986 kam es in einem sowjetischen Atomkraftwerk zum größten Unfall mit Kernenergie auf europäischem Boden. Bis heute sind die Städte Tschernobyl und Prypjat menschenleer, noch immer besteht 30 Kilometer um den Unglücksreaktor eine Sperrzone.

Der Name Tschernobyl wurde durch den Super-GAU international bekannt. Vorher wusste kaum jemand von der ländlichen, nur spärlich besiedelten Region im Norden der Ukraine an der Grenze zu Weißrussland. Für die jüdische Welt jedoch hatte Tschernobyl einen klangvollen Namen: Die Stadt war im 18. und 19. Jahrhundert Heimat vieler chassidischer Juden.

Handelszentrum In der Region Polissja, im heutigen Oblast Kiew, lebten bis Anfang des 20. Jahrhunderts Ukrainer, Juden, Weißrussen, Polen, Tschechen und Deutsche zusammen. Die weite Landschaft zwischen den beiden Flüssen Dnjepr und Prypjat ist bis heute von Seen und einer Moorlandschaft durchzogen. Eine Industrialisierung war bis Mitte des 20. Jahrhunderts nicht möglich. Die Menschen lebten überwiegend von Viehzucht, Fischfang und dem Sammeln von Waldfrüchten. An der Mündung des Prypjat in den Dnjepr entstand die Kleinstadt Tschernobyl als Handelszentrum, das die ländliche Region versorgte.

»Tschernobyl war einst eine blühende Kleinstadt im Herzen der Region Polissja«, erläutert der Soziologe Leonid Finberg, Direktor am Zentrum für Jüdische Studien an der Universität Kiew. Nachdem die Bewohner bereits die stalinistische Zwangskollektivierung und den Vernichtungskrieg der deutschen Nationalsozialisten hatten erleiden müssen, führte der Reaktorunfall am 26. April 1986 zum endgültigen Aus der traditionsreichen jüdischen Kultur dieser Landschaft. Die Todeszone rund um das havarierte Atomkraftwerk bleibt ein verlorenes Land. Auch in der Ukraine, so Finberg, wisse heute kaum jemand mehr, dass Tschernobyl für chassidische Juden ein heiliger Ort war und es bis heute ist.

Retortenstadt Im Jahr 1978 ging der erste Block des sowjetischen Kernkraftwerks rund 20 Kilometer von Tschernobyl in Betrieb. Acht Jahre zuvor war die Retortenstadt Prypjat gegründet worden. Als es 1986 zum Super-GAU im Block vier des Atomkraftwerks kam, lebten dort rund 50.000 Menschen.

Prypjat, das nur vier Kilometer vom AKW Tschernobyl entfernt lag, wurde 1986 komplett evakuiert und ist bis heute eine Geisterstadt. Das Gleiche gilt für Tschernobyl. Nur mit einer Sondergenehmigung kann man die sogenannte Todeszone betreten. Wer sich in diesen Tagen dort umschaut, trifft nur sehr wenige Menschen, die meisten von ihnen sind alt.

Bis zum Zweiten Weltkrieg lebten überwiegend orthodoxe Juden in der Polissja. Starken Einfluss hatten chassidische Traditionen. In Tschernobyl saß eine der bekanntesten chassidischen Dynastien, die Twesky-Dynastie. Sie war von Rabbi Nachum von Tschernobyl (1730–1787) gegründet worden. Der neigte unter dem Einfluss kabbalistischer Lehren zur Selbstkasteiung und war später, nach dem Tod des Baal Schem Tow, einer der Ersten, die den Chassidismus verbreiteten, und zog als Wanderprediger durch die Ukraine. Später wurde er als Maggid nach Tschernobyl berufen und lebte dort in Armut. Sein Buch Maor Ejnajim ist eines der ersten chassidischen Bücher überhaupt.

Ende des 19. Jahrhunderts waren rund 70 Prozent der Einwohner Tschernobyls Juden. Der Soziologe Leonid Finberg berichtet über die weitgehend homogene Struktur der Dörfer und Städte der Polissja. Anfang des 20. Jahrhunderts, im Zarenreich, sei sie immer wieder durch Pogrome erschüttert worden. Während des Bürgerkriegs gerieten die Juden zwischen die Fronten und wurden verdächtigt, Bolschewisten zu sein oder diese zu unterstützen. 1919 ermordeten bewaffnete Banden in Tschernobyl zahlreiche Juden.

Nach der Zwangskollektivierung kam es erneut zu Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Zudem passte das Schtetl nicht ins Konzept der sowjetischen Kollektivierung. Bereits 1939 war deswegen die Zahl der Juden in der Region deutlich zurückgegangen.

Schoa Nach der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht im Jahr 1941 wurde nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung Tschernobyls ermordet. »Wer überlebt hatte, wanderte später in die USA aus«, sagt Finberg.

Heute erinnern nur noch die vereinzelten Synagogen und die wenigen erhalten gebliebenen Gegenstände des kultischen Lebens in ukrainischen Museen an die jüdischen Gemeinden der Region. In Tschernobyl sind die Synagoge und der jüdische Friedhof erhalten geblieben.

In den nächsten Tagen, zum 30. Jahrestag der Reaktorkatastrophe, wird es in der Ukraine und in anderen Ländern zahlreiche Veranstaltungen geben, die an den Super-GAU erinnern. Doch die meisten Ukrainer haben derzeit andere Sorgen. Auch Leonid Finberg unterstreicht, dass der Unfall in Tschernobyl zurzeit nicht das beherrschende Thema in der Ukraine sei. »Unser Land muss sich derzeit gegen Russland verteidigen, und innenpolitisch haben wir mit der Korruptionsbekämpfung zu tun«, erklärt der 67-Jährige. Nachdenklich setzt er seine Brille ab. Entwicklungen wie in Deutschland, wo sich die Regierung zu einem kompletten Ausstieg aus der Kernenergie entschieden hat, »werden in der Ukraine – wenn überhaupt – nur von einer kleinen Minderheit diskutiert«.

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