Polen

Verfluchte Immobilie

Zu Besuch in der Gedenkstätte: ein israelischer Soldat im ehemaligen Vernichtungslager Belzec Foto: Reuters

Was die Polnische Staatsbahn PKP im Internet ankündigte, klang harmlos: »Verkauf, Belzec, ul. Lwowska 56 – Mindestgebot 38.000 Euro.« Die öffentliche Versteigerung der beiden Häuser mit insgesamt 315 Quadratmetern und mehr als sechs Hektar Bauland war für den 22. Juni angesetzt.

Dass es sich bei dem Objekt um die SS-Kommandantur des ehemaligen deutschen Vernichtungslagers Belzec in Südostpolen handelte, erwähnte die PKP nicht. Als Andrea Tarquini zufällig erfuhr, dass eine kleine NGO verzweifelt im Internet Geld suchte, um die Kommandantur für Seminare und Gedenkstättenreisen zu erwerben, publizierte er in der italienischen Zeitung La Repubblica einen großen Artikel darüber – und löste international einen Aufschrei aus.

Die Auktion wurde abgesagt. Die polnische Regierung, die eine sehr bewusste Geschichtspolitik betreibt, schaltete sich ein. 1942 hatten die Nazis in Belzec innerhalb von zehn Monaten rund 434.000 Juden ermordet und das Lager dann dem Erdboden gleichgemacht. Nach dem Krieg gehörte es jahrelang zu den sogenannten »vergessenen Lagern«. Erst seit elf Jahren gibt es hier eine Gedenkstätte mit kleinem Museum. Nun will die PKP die historische Immobilie kostenlos der Gemeinde Belzec überlassen.

Finanzen »Wir sind sehr erleichtert«, erklärt Andreas Kahrs vom Bildungswerk Stanislaw Hantz in Kassel. »Denn ob wir in der kurzen Zeit so viel Geld zusammenbekommen hätten, weiß ich nicht.« Das Bildungswerk, das nach einem Auschwitz-Überlebenden benannt ist und seit vielen Jahren Gedenkstättenfahrten insbesondere nach Ostpolen organisiert, wollte das Gebäude schon länger kaufen. »Wir waren seit zwei Jahren mit der PKP im Gespräch, denn das Haus steht leer. Der Schlüssel liegt in der Gedenkstätte Belzec. Wir arbeiten sehr eng zusammen.« Die Auktion und der Preis hätten die NGO dann allerdings überrascht. »Bislang waren wir die einzigen Kaufinteressenten. Doch wir warten ab, wie es nun weitergeht.«

Von der Entwicklung überrumpelt fühlte sich auch Tomasz Kranz. Als Leiter der Gedenkstätte Majdanek in Lublin ist er auch für die Gedenkstätten in Belzec und Sobibor zuständig. »Laut neuesten Presseinformationen wird die PKP das Gebäude der Gemeinde kostenlos zur Verfügung stellen. Wir hoffen, dass die Gemeinde dann dort zusammen mit dem Bildungswerk Stanislaw Hantz ein Bildungszentrum einrichtet, in dem deutsch-polnische Jugendbegegnungen stattfinden können.« Die Gedenkstätten in Majdanek und Belzec, so Kranz, würden Projekte dieser Art jederzeit inhaltlich und organisatorisch unterstützen.

Spuren Doch der Skandal ist noch nicht ausgestanden. Vielmehr fragen sich nun in Polen viele, ob das Haus des Kommandanten von Belzec sich überhaupt als Erinnerungsort eignet. Leslaw Piszewski, Vorsitzender des Jüdischen Gemeindebundes in Polen, bezweifelt es: »Einerseits gibt es nie genug Orte, an denen Wissen zum Thema Holocaust vermittelt wird. Andererseits ist dieses konkrete Haus nicht unbedingt der beste Ort für ein Bildungszentrum zum Thema Vernichtung der Juden.

Denn man muss ja berücksichtigen, dass die Nazi-Deutschen das eigentliche Vernichtungslager vollständig zerstörten, um die Spuren der Verbrechen zu tilgen.« Nun ausgerechnet in der übriggebliebenen Kommandantur, in der noch dazu der schlimmste Verbrecher von allen wohnte, ein Bildungszentrum zur Schoa einzurichten, wäre eine sehr »bittere Ironie der Geschichte«.

Noch schärfer formuliert es Anna Chipczynska, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Warschau: »Ich glaube, dass die Zahl der sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden und das Gewicht der Schoa wichtiger sind als die Erhaltung des Hauses, in dem der SS-Lagerkommandant Christian Wirth wohnte.« Die Debatte über die Zukunft des Gebäudes zeige, dass die Frage, wie Gedenken heute aussehen solle, nicht endgültig beantwortet sei. Gute Absichten allein genügten nicht.

Das Vernichtungslager Belzec sei einer der schrecklichsten Orte auf der Welt. Die Gedenkstätte mit dem Mahnmal für Hundertausende Menschenleben sei eine stille Erinnerung an das Böse. Es spreche für sich selbst. »Es gibt in Polen zahlreiche Massengräber und jüdische Friedhöfe, die vernachlässigt sind, vergessen, entweiht und von Bauplänen bedroht«, so Chipczynska. »Ähnliches gilt auch für ehemalige Synagogen und Mikwen. Diese haben Vorrang vor jeder SS-Kommandantur.«

Generation Michael Schudrich. Polens orthodoxer Oberrabbiner, verweist auf die eigene Verantwortung: »Es ist unsere Generation, die darüber entscheidet, welche mit der Schoa verbundenen Gebäude erhalten bleiben sollen und wie dies geschehen soll.«

Es sei unsensibel und falsch von der Polnischen Staatsbahn gewesen, das Haus des Lagerkommandanten von Belzec wie eine rein kommerzielle Immobilie auf dem freien Markt verkaufen zu wollen. Die PKP hätte zuvor das Gespräch suchen sollen. Ob und, wenn ja, wie das Gebäude erhalten werden solle, könne erst nach gründlichem Nachdenken und offener Diskussion geklärt werden.

Doch: »Die eine richtige Antwort für das Gedenken gibt es nicht«, so der Rabbiner. Grundsätzlich seien die wichtigsten Orte, die es zu bewahren gelte, die Gräber der Schoa-Opfer. »Wir finden immer noch Massengräber, von denen wir zuvor nichts wussten und die nicht gekennzeichnet sind. Das Erinnern an sie muss unsere oberste Priorität bleiben.«

ESC

Moroccanoil steigt als Hauptsponsor aus

Die israelische Kosmetikmarke hat ihr Sponsoring des Musikwettbewerbs nach sechs Jahren beendet.

von Nicole Dreyfus  25.08.2026

Mythos

Wie lange Haare zum männlichen Machtsymbol wurden - Vom biblischen Samson zum norwegischen Haaland

Seine blonde Mähne wurde zu seinem Markenzeichen - ebenso wie seine reichlichen Tore. Nun hat der norwegische Stürmer Erling Haaland sich die Haare abrasiert. Verliert er damit seine Macht? Vorbilder legen das nahe

von Johannes Peter Senk  25.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  25.08.2026 Aktualisiert

Österreich

Exodus über die Alpen

Zehntausende Juden flohen nach der Schoa über die Hohen Tauern nach Italien und weiter nach Palästina. Heute folgen ihre Nachfahren und andere Wanderer der historischen Route

von Pascal Beck  24.08.2026

Russland

Putins Doppelschlag gegen Jabloko

Die einzige Antikriegs-Partei wurde von der Wahl ausgeschlossen und ihr Anführer zu mehr als elf Jahren Straflager verurteilt

von Alexander Friedman  24.08.2026

New York

Gouverneurin Hochul fordert Mamdani auf, sich weniger auf Israel zu konzentrieren

In einem Interview legt die Gouverneurin des Bundesstaats New York dem Bürgermeister der gleichnamigen Metropole nahe, seinen Fokus auf das »Handwerkszeug der Stadtregierung« zu legen

 23.08.2026

Frankreich

»Fick dich, Gisèle, fickt euch, ihr Zionisten«

Gisèle Journo ist Jüdin und betreibt in Paris eine Agentur für Influencer. Jetzt ist sie Zielscheibe antisemitischer Anfeindungen geworden. Auslöser war der Boykottaufruf einer Europaabgeordneten

von Michael Thaidigsmann  21.08.2026

Philanthropie

Lauder-Stiftung lässt Förderung jüdischer Schulen in sieben europäischen Städten auslaufen

Zum Abschluss der jahrzehntelangen Förderung stellt die Ronald S. Lauder Foundation noch einmal 75 Millionen Dollar bereit. Die Strategie: Hilfe zur Selbsthilfe

 21.08.2026

Yotam Ottolenghi (l.) und Anthony Bourdain

Kulinarisches

Als Yotam Ottolenghi mit Anthony Bourdain einmal in der Wüste landete

Der israelisch-britische Koch erinnert sich zum Filmstart von »Tony« an seine Begegnung mit seinem berühmten amerikanischen Kollegen

von Katrin Richter  21.08.2026