USA

Tora und Global Economy

Chanukka 2013 im Weißen Haus: Rabbi Shmuly Yanklowitz zu Gast bei Präsident Barack Obama Foto: PR

Als die Veranstalter ihn 2011 zum ersten Mal zum Weltwirtschaftsgipfel nach Davos einluden, musste Shmuly Yanklowitz erst einmal googeln. »Ich hatte keine Ahnung, wer diese Leute sind, und was sie von mir wollen«, sagt er und lacht. Er hatte schnell raus, dass ihn gerade die Crème de la Crème des Welt-Business und der internationalen Politik kontaktiert hatte, um ein wenig rabbinische Weisheit in ihre Diskussionen zu bringen. Natürlich ist er hingeflogen. Und natürlich ist er mit einer Liste von Verbesserungsvorschlägen für das Treffen nach Hause gekommen.

Er wäre nicht der Rabbiner, den Newsweek als einen der 50 einflussreichsten in den Vereinigten Staaten sieht und den das Nachrichtenportal Daily Beast als »das Gesicht der Zukunft« beschreibt, wenn er sich gebauchpinselt zurücklehnen würde, nachdem er Staatspräsidenten und Wirtschaftslenkern die Hand geschüttelt hat.

Rabbi Yanklowitz ist ein Getriebener. Als Chef des Zentrums »Valley Beit Midrash« in Arizona webt er ein Netzwerk aus Menschen, die im Judentum nach Vielfalt und neuen Themen suchen. Gemeinsam mit Synagogen organisieren er und sein Team Vorträge, Fortbildungen und Gruppenarbeiten, in denen die Teilnehmer nicht nur im eigenen Saft schmoren, sondern herausgefordert werden wollen.

Im Schnitt kommen jährlich mehr als 3000 Teilnehmer zu den Veranstaltungen. Yanklowitz kämpft gegen so ziemlich alles, gegen das man als politisch bewusster Bürger wahrscheinlich kämpfen sollte. Das Gesundheitssystem in den USA? Immer noch zu schlecht. Menschenhandel? Ganz schlecht. Behandlung der Strafgefangenen? Nicht zu akzeptieren.

Medien
Yanklowitz schreibt für alle wichtigen Medien, von der New York Times bis hin zur Huffington Post. Erst kürzlich war er in San Francisco und hat vor jungen Leuten über die Vision eines Judentums gesprochen, das seine soziale Verantwortung ernst nimmt. Klingt alles nach einem soliden, braven Reformjuden? Ist er aber nicht. Yanklowitz ist orthodox oder, um präziser zu sein, offen-orthodox. Was das genau heißt? »In der Tora leben und in der Welt leben«, sagt er. Und fügt hinzu, Juden müssten »die Tora mit in die Welt hineinnehmen und sie zum Maßstab dafür machen, wie sie diese Welt sehen und wie sie mit dem, was sie sehen, umgehen«.

Soziale Fragen haben ihn schon als Jugendlichen beschäftigt. Und es kommt nicht von ungefähr, dass er nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften und Kommunikation noch Psychologie und jüdische Philosophie dranhängte. Einige Jahre hat der heute 35-Jährige als Berater in der Wirtschaft und für Non-Profit-Organisationen gearbeitet. Dann wollte er mehr. »Mir wurde klar, wie kurz das Leben ist, und dass ich in meinem kurzen Leben daran mitarbeiten möchte, dass wir Juden zu einem Leuchtturm für soziale Gerechtigkeit in der Welt werden«, sagt er.

Seminare Gleich an drei verschiedenen Seminaren hat Yanklowitz sich auf das orthodoxe Rabbineramt vorbereitet. Er sauge Wissen geradezu auf, meint ein Kollege über ihn. Und ein anderer, ebenfalls auf der Newsweek-Liste der 50 wichtigsten Rabbiner der Vereinigten Staaten, sagt: »Es mag sein, dass er manchmal gut googeln kann, doch, meine Güte – er weiß eine Menge. Und er zieht die jungen Menschen an.«

Die Jugend anzusprechen, ist für Yanklowitz das Wichtigste. »Wir verlieren sie«, sagt er. »Es gibt im Judentum zwei Tendenzen: das Stammesdenken und den Universalismus. Das eine ist bei den Orthodoxen sehr vertreten, das andere in der Reformbewegung. Mit beiden können junge Juden wenig anfangen. Sie wollen keine Mauern um sich bauen, aber sie suchen nach Verbindlichkeit. Und sie suchen nach Gerechtigkeit, und zwar für alle Menschen.«

Zu Yanklowitz’ Veranstaltungen kommen Juden verschiedenster Richtungen. 2007 hat er Uri L’Tzedek gegründet, eine orthodoxe Gruppe für soziale Gerechtigkeit, die als eine der am besten geführten und effektivsten Non-Profit-Organisationen des Landes gilt. Lehrer und Führungspersonal kommen dort zusammen, um neue Ansätze für das Torastudium zu entwickeln, indem sie es mit praktischer Arbeit verbinden. Die Themen reichen von Immigration über häusliche Gewalt bis hin zum Umweltschutz.

Es kann anstrengend sein, die Tora relevant zu machen. Yanklowitz arbeite »rund um die Uhr« und gründe »jeden Tag eine neue Organisation«, sagt jemand über ihn. Das mag übertrieben sein, besonders, wenn man an seine zwei kleinen Kinder denkt, mit denen er, wie er sagt, »so viel Zeit wie möglich verbringt«.

Doch zumindest scheint er pausenlos zu denken. In seinen Essays bemüht er Kant genauso leichthändig wie Talmudtraktate. Und ohne den Faden zu verlieren, erklärt er in Sätzen, die er mit zahlreichen Zitaten spickt, warum sich die Rolle der Frau in der orthodoxen Gemeinde ändern und ein Rabbiner »für die am meisten Verwundbaren und Verletzlichen in der Gesellschaft« einstehen müsse.

In seiner Doktorarbeit hat Yanklowitz über die Erkenntnistheorie und die Entwicklung der Moral geschrieben. Wahrscheinlich sei er der erste orthodoxe Rabbiner, der Foucault zitiere, um sich für Gefängnisreform starkzumachen, schreibt Daily Beast.

Wenn Yanklowitz zu einem Ergebnis gekommen ist, zögert er nicht, seine Erkenntnisse auch anzuwenden. Für sich hat er auf diesem Weg entschieden, Veganer zu werden, und kurzerhand ein Institut gegründet, das sich ausschließlich dem Wohlergehen von Tieren widmet. Dessen Mitarbeiter führen zurzeit eine Kampagne, mit der Kälber in Zukunft vor dem Schlachten – sei es auch noch so koscher – gerettet werden sollen.

Kritik Unter etlichen seiner Kollegen löste Yanklowitz vor einiger Zeit großes Erstaunen aus: Er bekannte öffentlich in der New York Times, dass er zum Judentum konvertiert ist. Seine Mutter sei nicht jüdisch, und die Orthodoxen hätten ihn zuerst nicht akzeptieren wollen. Doch er wäre nicht Shmuly Yanklowitz, hätte er diese persönliche Geschichte nicht eingewoben in ein größeres Anliegen: orthodoxe Konversionen zu erleichtern und Konvertiten herzlicher in die Gemeinschaft aufzunehmen.

Für seine orthodoxen Kollegen muss jemand wie er eine Art Dauerherausforderung sein. Manche erkennen ihn nicht als einen der ihren an. »Die offene Orthodoxie zimmert sich eine Halacha zusammen, die sich ihren gesellschaftlichen Zielen anpasst, anstatt sich ihr, wie es die wahre Orthodoxie verlangt, vollkommen zu unterwerfen«, schreibt ein Kritiker.

Yanklowitz hält sich mit solchen Vorwürfen nicht lange auf. Das Judentum habe über Jahrtausende nie still gestanden, sagt er. »Wir haben uns immer mit aktuellen Fragen der Zeit auseinandergesetzt und die Texte dabei weiterentwickelt. Die Tora wird irrelevant, wenn man sie nicht in die Welt bringt. Dann kann man sie noch so lange studieren. Und wenn man sie irrelevant macht, verschmäht man sie. Sie ist und bleibt lebendig nur durch uns.«

Kein Wunder, dass Yanklowitz manchen lästig ist. Anstrengend werden ihn auch manche Wirtschaftslenker finden, sollte er demnächst wieder nach Davos fliegen. Yanklowitz sagt, Politik und Wirtschaft bräuchten sehr viel mehr Religion und Spiritualität, wenn die Welt nicht in Kommerz und Materialismus versinken solle. Ganz gewiss wird er sich Gehör verschaffen.

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