USA

Todesstrafe für Mordanschlag

Staatsanwalt Eric Olshan vor dem Gericht Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Es war der schlimmste antisemitische Mordanschlag in der Geschichte der USA. Am 27. Oktober 2018 stürmte Robert Bowers die »Tree of Life«-Synagoge in Pittsburgh (Pennsylvania) – während eines Gottesdienstes. Der Täter ermordete elf Beter und verletzte mehrere Menschen, darunter fünf Polizisten. Jetzt verurteilte ihn eine Jury nach dreimonatigem Prozess zum Tode.

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Nur drei Stunden später organisierte die lokale Hilfsorganisation »10.27 Healing Partnership« eine Pressekonferenz für die Familienangehörigen der Opfer und Überlebenden, die im Jewish Community Center of Greater Pittsburgh in Squirrel Hill zu den Medien sprachen, berichtet der »Pittsburgh Jewish Chronicle«.

ANGEHÖRIGE Eine der Angehörigen, Amy Mallinger, Enkelin der 97-jährigen Rose Mallinger, die bei dem Anschlag im Oktober 2018 von Bowers erschossen wurde, brachte die ambivalenten Gefühle vieler jüdischer Betroffener auf den Punkt. Das Urteil fühle sich »surreal« an. »Es ist schwierig zu sagen, es sei gut, wenn jemand zum Tode verurteilt wird. Aber aufgrund des Justizsystems und aufgrund dessen, was wir in diesem Fall für richtig halten, haben wir dieses Urteil angestrebt.«

Etwa 50 Überlebende und Angehörige der Mordopfer sprachen auf der Pressekonferenz. Immer wieder wurden anrührende Details aus dem Leben der Ermordeten geschildert, um sie nicht zu anonymen Gewaltopfern werden zu lassen. So etwa über Rose Mallinger.

Sie wuchs in der Kleinstadt Acmetonia (Pennsylvania) auf, ihre Familie besaß einen Lebensmittelladen. Die Süßigkeiten hinter der Ladentheke, so ihr Sohn Stanley, hätten dazu geführt, dass sie – und später ihre ganze Familie – auf den Geschmack gekommen seien. Heute backt Amys Tante Andrea Wedner bei jeder Familienfeier ein Kekstablett und benutzt Roses Messer, um die Kekse auszustechen. Rose sei bis zum Schluss hellwach gewesen und habe am liebsten Zahlen- und Kreuzworträtsel gelöst, so ihre Enkelin Amy. Wenn ihre Synagoge wiedereröffnet wird, dann möchte Amy dort heiraten. Ihr Verlobungsring ist der Ehering von Rose.

gerechtigkeit Auch der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, äußerte sich zu dem Geschworenen-Urteil: »Die Entscheidung stellt ein gewisses Maß an Gerechtigkeit für die Ermordung von elf jüdischen Gläubigen an jenem schicksalhaften Tag im Jahr 2018 in der ›Tree of Life‹-Synagoge dar. (…) Die Entscheidung der Jury ist eine deutliche Mahnung, wachsam zu bleiben und Antisemitismus zu bekämpfen, wo immer er sich verstecken mag. Ich rufe die amerikanischen Politiker auf, ihre Bemühungen zum Schutz der jüdischen Gemeinden im ganzen Land zu verstärken, damit sich eine solche Tragödie nie wieder ereignet. Mögen die Überlebenden des Anschlags und die Familien der Opfer Trost in der Entscheidung der Geschworenen finden, und möge das Andenken an die elf getöteten Menschen zum Segen werden.«

US-Justizminister Merrick B. Garland sagte in einer Erklärung, »Hassverbrechen wie dieses fügen den einzelnen Opfern und ihren Angehörigen irreparablen Schmerz zu und führen dazu, dass ganze Gemeinschaften ihre Zugehörigkeit infrage stellen. Alle Amerikaner verdienen es, frei von der Angst vor hasserfüllter Gewalt zu leben. Das Justizministerium wird diejenigen, die solche Taten begehen, zur Rechenschaft ziehen.«

Eric Olshan, US-Staatsanwalt in Pittsburgh, der laut Prozessbeteiligten ein überwältigendes Schlussplädoyer hielt, fügte mahnend hinzu, Bowersʼ antisemitische Ansichten seien »leider nicht originell oder einzigartig«.

München

Oberrabbiner Goldschmidt: »Wir können nicht immer wegrennen«

Jüdisches Leben in Europa hat eine Zukunft, aber nicht von allein. Dafür braucht es nach den Worten des Oberrabbiners Pinchas Goldschmidt Partner in den Regierungen und in der Zivilgesellschaft

von Barbara Just  16.10.2026

Großbritannien

Universität Bath sagt Seminar mit Hochschule in Gaza ab

Eine Dozentin hatte britische Studenten aufgefordert, palästinensische Darstellungen des Nahostkonflikts nicht infrage zu stellen. Die Universität entschuldigte sich für die Vorgaben.

von Nicole Dreyfus  15.10.2026

Statistik

Zahl antisemitischer Vorfälle in Österreich bleibt auf hohem Niveau

Der Ausnahmezustand sei zum Alltag geworden, beklagt eine Antisemitismus-Meldestelle in Österreich. Im ersten Halbjahr 2026 wurden erneut Hunderte einschlägige Fälle gezählt

 15.10.2026

»The Social Reckoning«

Empörungsköder

Der Whistleblower-Thriller zeigt die neue Weltordnung à la Facebook – und was Menschen nicht dagegen tun

von Sophie Albers Ben Chamo  15.10.2026

New York

Magische Juden

Handleser, Geisterbeschwörer, Wahrsager und Wunderheiler: Eine neue Ausstellung beleuchtet die Lust am Okkulten

von Eva C. Schweitzer  15.10.2026

Irland

Ausgerechnet eine Antisemitismuskonferenz fällt dem Judenhass zum Opfer

In Dublin fand eine Tagung von Antisemitismusbeauftragten und jüdischen Vertretern statt. Ein Hotel verweigerte die Unterbringung. Für Irlands Gemeindevorsitzenden zeigt das, wie Antisemitismus sich immer wieder neu manifestiert

von Maurice Cohen  14.10.2026

USA

Süß und gut zu werfen

»Sunkist Fruit Gems« gehören in vielen Gemeinden zum Feiern. Ihr angekündigtes Aus sorgte für Aufregung – nun kommen sie zurück

von Sophie Albers Ben Chamo  13.10.2026

»Imanuels Interpreten« (26)

Paul Simon: Der Brückenbauer

Seit den 60er Jahren schreibt und spielt der New Yorker Künstler Musik, deren Texte durchweg stark sind. Mehrere Generationen haben zugehört. Heute wird das jüdische Talent 85 Jahre alt

von Imanuel Marcus  13.10.2026

Katharina von Schnurbein

»Ich habe das Gefühl, den richtigen Weg gegangen zu sein«

Die EU-Antisemitismusbeauftragte Katharina von Schnurbein wechselt von Brüssel nach Berlin. Sie folgt dort Felix Klein nach. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  14.10.2026 Aktualisiert