USA

Therapie mit Teschuwa

Verschiedene Studien lassen vermuten, dass Alkohol- und Drogenabhängigkeit unter Juden ebenso verbreitet ist wie unter Nichtjuden. Foto: Getty Images

Eric Miller erinnert sich genau an den Tag vor elf Jahren, als er wusste: Sein Leben mit Drogen und Alkohol war vorbei. Ein Bekannter, ebenfalls suchtkrank, war auf Millers Terrasse zusammengebrochen. Außer der Notfallambulanz kam auch die Polizei, durchsuchte sein Haus. Sie fand nichts, aber der Schreck saß tief.

Miller war entschlossen, seine Abhängigkeit von Crystal Meth und Alkohol mithilfe des Zwölf‐Schritte‐Programms zu überwinden. Das Programm wurde in den 30er‐Jahren von den Anonymen Alkoholikern (AA) entwickelt und hat eine stark spirituelle Komponente.

Als Miller – 55, sportlich, rotblondes Haar und durchdringendes Lachen – das erste Mal zum Treffen einer Selbsthilfegruppe in seiner Heimatstadt Atlanta ging, fühlte er sich fehl am Platz. »Ich konnte meinen Gott dort nicht finden«, sagt er. Miller, der einen Abschluss in Psychologie hat, wuchs in einer konservativen jüdischen Familie auf, besuchte eine Tora‐Schule und geht bis heute regelmäßig in die Synagoge. Er befragte seinen Rabbiner. Der versicherte ihm: »Es ist nichts Unjüdisches an den zwölf Schritten.«

Miller ging weiter zu den Treffen der AA und der Narcotics Anonymous (NA), der anonymen Drogenabhängigen. Mit Erfolg: Er ist seit elf Jahren clean. Vor einigen Monaten hat er die gemeinnützige Organisation »Jewish Path to Recovery« gegründet. Das Netzwerk will jüdische Suchtkranke mit Gleichgesinnten, Ärzten, Drogenberatern und Rabbinern zusammenbringen, will ihnen helfen, jüdische Werte und jüdisches Denken in den Entzug zu integrieren.

ansätze Das Zwölf‐Schritte‐Programm ist bis heute in den USA das am Weitesten verbreitete Modell zur Behandlung von Suchtkrankheiten. Es rangiert vor der medikamentösen Therapie und psychosozialen Ansätzen.

Kritiker weisen darauf hin, dass das Programm mit seinem spirituellen Überbau einer religiösen – und insbesondere christlichen – Konversion ähnele. Tatsächlich hat es seine Wurzeln im Protestantismus, doch definiert es sich, zumindest formal, als überkonfessionell, spricht stets von »einer Macht, die größer ist als man selbst«, und von »Gott, wie jeder ihn für sich versteht«.

Verschiedene Studien lassen vermuten, dass Alkohol‐ und Drogenabhängigkeit unter Juden ebenso verbreitet ist wie unter Nichtjuden. Allerdings gibt es insgesamt nur wenige umfassende Daten über Juden und Suchterkrankung.

Kein Wunder, meint Harriet Rossetto. Die ehemalige Sozialarbeiterin hat vor 31 Jahren Beit T’Shuvah gegründet, eines der wenigen stationären Therapiezentren für Suchtkranke in den USA, das eine gezielt jüdische Ausrichtung hat. »Sucht war und ist unter Juden noch immer mit Scham und Stigma behaftet«, sagt Rossetto. Die jüdische Kultur sei auf Leistung, Stärke und Erfolg getrimmt. »Sucht trifft nur die anderen. Sucht wird verdrängt.« Als Beweis führt sie einen alten jiddischen Reim an, der den betrunkenen Nichtjuden verspottet: »Oj oj oj, schicker ist der Goj«.

Als sie Beit T’Shuvah gründete, sei es ein bescheidenes Haus in einem Vorort von Los Angeles gewesen. Heute ist es eine weltweit angesehene und moderne Suchtklinik mit 140 Betten und einer angeschlossenen Synagoge.

Rossetto, Tochter einer jüdischen Mittelklassefamilie, kämpfte selbst als junge Frau mit Depressionen und Drogensucht. Ihr Ehemann Mark Borovitz, ein ehemaliger Betrüger, Trinker und Strafgefangener, ist heute leitender Rabbiner von Beit T’Shuvah – und eine Ikone in der Welt der Suchttherapie. Seine Autobiografie The Holy Thief wurde zum Bestseller, die Filmrechte sind bereits verkauft.

Auch Beit T’Shuvah arbeitet auf der Basis des Zwölf‐Schritte‐Programms. »Es lässt sich problemlos auf jüdisches Denken und jüdische Werte übertragen«, betont Rossetto. Als Beispiel nennt sie jene Schritte, in denen es um eine gründliche Selbstinventur geht, um Abbitte an all jene, denen der Suchtkranke Schaden zugefügt hat – und darum, sich bei diesem Prozess einer höheren Macht anzuvertrauen. »Das ist genau das, was wir Juden als Teschuwa bezeichnen, als Buße und Rückkehr zu einem Leben mit Gott«, sagt Rossetto.

torastudium Religion spielt auch für das Chabad‐Therapiezentrum in Los Angeles eine zentrale Rolle. Die 70‐Betten‐Einrichtung öffnete 1972 und orientiert sich an den Werten von Chabad, einer chassidischen Richtung im orthodoxen Judentum. Hier sind nur Männer zugelassen, alle Mahlzeiten sind strikt koscher, und das Tora‐Studium ist integrierter Teil des Zwölf‐Schritte‐Programms.

»Wir wollen unseren Patienten dabei helfen, sich von ihrer Sucht zu befreien und sich zugleich spirituell wieder neu zu verankern«, sagt Programmdirektor Kovi Blauner.

Die meisten Patienten im Chabad‐Zentrum kommen von der Ostküste, viele aus New York, wo die meisten orthodoxen Juden in den USA leben.

Wenn man eine Entzugstherapie macht, sei es am besten, »für eine Weile weit weg von Familie und Freunden zu sein«, sagt Blauner. Aber umgekehrt seien auch die Familien häufig geneigt, ihre Söhne, Brüder, Väter oder Ehemänner ans andere Ende des Landes zu schicken, um dort ihre Suchterkrankung in den Griff zu bekommen, abseits vom prüfenden Blick der Nachbarn.
Die Drogenepidemie, die seit einigen Jahren in den USA wütet und 2017 knapp 50.000 Todesopfer forderte, habe auch die jüdischen Gemeinden aufgerüttelt. »Jeder kennt jemanden, der betroffen ist«, sagt Blauner. »Da kann man nichts mehr unter den Teppich kehren.«

überdosis Hamsa, eine gemeinnützige jüdische Organisation für Suchtkranke in Atlanta, bietet seit einigen Jahren ein Training für Laien im Umgang mit Naloxon an, einem schnell wirkenden Opioid‐Antagonisten, der bei einer Überdosis zum Einsatz kommt. »Die Opioid‐Krise war ein Wendepunkt für den Umgang jüdischer Gemeinden mit dem Thema Sucht«, sagt Hamsa‐Informationschefin Leslie Lubell.

In den Südstaaten der USA, dem sogenannten Bibelgürtel, gibt es keine spezifisch jüdischen Therapiezentren. Hier haben die meisten AA‐ und NA‐Treffen »einen christlichen Einschlag«, sagt Lubell, die selbst jahrelang gegen Alkohol‐ und Drogensucht kämpfte. Hier enden Sitzungen der Selbsthilfegruppen häufig mit dem Vaterunser.

»Als ich meinen 14‐jährigen Sohn zu einem Meeting mitnahm, sagte er hinterher: ›Mama, du bist in einer Sekte gelandet‹«, erzählt Lubell. Das stimme zwar nicht, »aber als Jüdin fühle ich mich manchmal schon etwas unwohl«.

Deshalb bietet Hamsa für nichtjüdische Therapieeinrichtungen ein »jüdisches Sensibilisierungstraining« an, schult Ärzte, Therapeuten und Sozialarbeiter im Umgang mit jüdischen Patienten. Da seien zum Beispiel die jüdischen Feiertage, sagt Lubell – Purim, Pessach oder Sukkot. Da wird reichlich getrunken, und zum Teil ist der Konsum von Alkohol sogar vorgeschrieben. »Für suchtkranke fromme Juden ist das ein Problem.«

Aufklärung und Spiritualität – das sind zurzeit die stärksten Eckpfeiler jüdischer Initiativen zur Suchttherapie in den USA. Die meisten ihrer Patienten hätten ein eher distanziertes Verhältnis zur Religion, sagt Beit-T’Shuvah-Gründerin Harriet Rossetto. Aber Sucht sei eben nicht nur eine körperliche Krankheit, sagt sie, »sondern auch eine Leerstelle in der Seele«. Mit welchem spirituellen Konzept man zur Genesung finde, mit Gott oder Meditation oder einer abstrakten Idee, das sei letztlich egal, sagt sie.

Eric Miller hat noch eine andere Erklärung, die jedem Suchtkranken einleuchten dürfte. »Es gibt keine magische Pille gegen Abhängigkeit«, sagt er. »Wenn es die gäbe, würde ich sofort nach einer zweiten verlangen.«

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