Aix-en-Provence

Szenen einer Gemeinde

Savoir-vivre in Aix-en-Provence. Doch der Eindruck trügt. Das Miteinander funktioniert nicht immer reibungslos. Foto: Archiv

In der Rue de Jérusalem, mitten im pittoresken Aix‐en‐Provence zwischen dem Kreisverkehr und der davon abgehenden Flaniermeile Cours Mirabeau hat die kleine jüdische Gemeinde ihren Sitz. Rund 2.500 Mitglieder zählt sie, und mit der Synagoge und dem jüdischen Gemeindezentrum Centre Darius Milhaud nebenan scheint es, als wäre die Gemeinde genauso idyllisch wie die 140.000-Einwohner-Stadt Aix selbst. Doch es gibt eine Besonderheit: Synagoge und Gemeindezentrum sind voneinander getrennt – sowohl finanziell als auch strukturell, und beide Einrichtungen werden unterschiedlich hoch subventioniert. Sie können zwar nicht ganz ohne einander auskommen, aber das Miteinander klappt auch nicht immer.

konkurrenz Denn in der Gemeinde tummeln sich viele kleine Vereine und Verbände wie zum Beispiel LICRA, WIZO, Masorti oder B’nei B’rith. Sie alle wollen ein gutes Verhältnis zur Synagoge und zum Kulturzentrum pflegen. Aber das Konkurrenzdenken bleibt nicht aus. Und diese spezielle Struktur bringt in einer so kleinen Gemeinde Vor‐ und Nachteile mit sich. Man redet: zum Beispiel über die Veranstaltungen im Centre Darius Milhaud.

Die haben zwar immer etwas mit Judentum zu tun, manchmal auch nur im entfernteren Sinne, wenn zum Beispiel ein Mitglied einer Jazzband Jude ist – selten haben sie einen religiösen Charakter. In der Synagoge, so hört man, wird gerade dies kritisiert. Das zumindest glauben die Mitarbeiter im Kulturzentrum. Offiziell wird das nicht geäußert.

Finden zwei Veranstaltungen in beiden Häusern am selben Tag statt, so wird gleich eine böse Absicht dahinter vermutet. Wenn man aber dann doch bei der Versammlung des anderen kurz vorbeischaut, aus dem Zwang heraus, sich blicken zu lassen, wird brav gelächelt. Als Außenstehender mag man über die Kleinkriege schmunzeln, für die Beteiligten ist die Angelegenheit todernst. Nicht selten spielt auch die Angst um die Arbeitsstelle eine Rolle.

Die Probleme häufen sich: Kaum Mitglieder im Chor, wenig Bedarf für koschere Produkte, und das koschere Restaurant hatte auch schon einmal mehr zu tun. Im März war es für einige Zeit nur für die Schulklassen, den Rabbi und die Mitarbeiter geöffnet, weil es finanzielle Probleme gab. Und der koschere Laden in Aix konkurriert mit dem »viel günstigeren« Angebot der Supermarktkette Super U.

philosophen Manchmal finden aber auch Kooperationen statt, zum Beispiel zum Jom Haschoa. Aber selbst dann werden auch hier die Zeremonien ganz klar abgetrennt in einen religiösen – mit dem Kaddisch‐Gebet des Rabbiners – und einen historisch‐kulturellen zweiten Teil. Allerdings gibt es vorher auch heftige Diskussionen um Details, wie die Schriftart, die auf dem Plakat verwendet werden soll.

Miriam Nachtigall, Chorleiterin aus Buenos Aires, die schon seit zehn Jahren in Aix lebt, fragt sich, warum die Gemeinde nicht offen für Neues ist: »Nicht einmal einen Chasan gibt es hier«, bedauert sie. Es würden immer wieder dieselben Dinge angeboten. Bei Veranstaltungen sieht man dann auch immer die gleichen Gemeindemitglieder: ob in der Synagoge oder im Zentrum.

Zwar kommen auch vereinzelt Menschen von außerhalb, aber ganz selten trifft man beispielsweise einen Nichtjuden im Hebräischkurs oder einen Christen innerhalb der Chorreihen. Eine Ausnahme ist die Nacht der Philosophie. Sie zieht Nichtjuden, Studenten und viele andere an. Etwa 200 Gäste kommen, wenn einmal im Jahr ein anderer Philosoph im Mittelpunkt steht. Sigmund Freud, Hannah Arendt, oder wie kürzlich mit Jean‐Paul Sartre ein nichtjüdischer Philosoph.

Juifs de Papes Robert Milhaud ist einer der Menschen, die sich für die Gemeinde mit Eifer einsetzen. Mitte 80 ist er und spricht mit starkem provenzalischem Dialekt. Milhaud hat er sich lange mit der Geschichte der Juden in der Provence beschäftigt und kann darüber viel berichten.

Er ist einer der Letzten der sogenannten Juifs de Papes, den Juden des Papstes, aus Avignon. Ursprünglich aus Italien unter Königin Katharina geflohen, siedelten sie sich unter dem Schutz der Päpste in Avignon an. Nach Erlangung der Bürgerrechte im Jahre 1791 verließen viele von ihnen die südfranzösische Stadt. Einige siedelten sich auch in Aix an.

Heute stanmen die meisten Juden in der provenzalischen Stadt aus dem Maghreb: aus Tunesien, Marokko und Algerien. Aschkenasische Juden trifft man hier selten. Gefilte Fisch – das wird als exotische Eigenart abgetan. Klesmer – die jiddische Musik wird von vielen als traurig und depressiv angesehen: Sie ist ja mal ganz nett für ein, zwei Lieder, aber kein Vergleich zu den orientalischen, lebensfreudigen Klängen. So besuchen auch den Jiddischkurs, den Jonatan Kosman aus Straßburg anbietet, nur eine Handvoll Schüler. Die Hebräischkurse der Israelin Iris Petel hingegen sind förmlich überflutet.

Es gibt mehrere Kurse in der Woche auf unterschiedlichen Niveaus. Und sogar einen Sommer‐Ulpan bietet sie an. Auch der Rabbiner der Gemeinde, Nissim Sultan – tunesischer Herkunft –, ist aus Paris in den Süden gekommen. Der 34‐jährige Vater von sechs Sprösslingen plant zusammen mit Jessica Sebag, einer Studentin der Rechtswissenschaften und Vorsitzenden des UEJA, der studentischen Organisation der jüdischen Gemeinden, viele Aktivitäten für die Jugend.

Erst im vergangenen Winter haben sie gemeinsam eine Fahrt nach Prag, Wien und Budapest organisiert, um dort jüdische Stätten zu besichtigen. Donnerstagabend treffen sich um die 20 Studenten oder Schüler zum Schiur mit dem Rabbi. In ausgelassener Stimmung wird Pizza gegessen und gelacht. Anschließend diskutieren die meistens nicht religiösen Studenten in der Runde über ein bestimmtes Thema: Rassismus, Intelligenz, Familienplanung. Fast wirkt es wie ein gewöhnlicher Jugendtreff. Erst zum Schluss meldet sich der Rabbiner mit einem Beispiel aus der Halacha zu Wort. Das ist nicht besonders lang, nicht besonders belehrend und vor allem ohne erhobenen Zeigefinger.

Familienersatz Doch auch hier trifft man keine neuen Gesichter, es sei denn, es ist mal ein jüdischer Student aus den USA für ein Semester in der Stadt. Dann ist die jüdische Gemeinde eine Anlaufstelle, oder Familienersatz, um die Feste zu feiern oder einfach Menschen kennenzulernen. Wenn der Rabbiner mittags nicht mit seinen Kindern am Tisch sitzt, unterhält er sich mit Studenten und tauscht die letzten Videos auf dem Smartphone aus.

In der kleinen Gemeinde entwickelt sich schnell eine familiäre Atmosphäre. Und trotz aller Probleme wird man stets herzlich empfangen – im Gemeindezentrum, in der Synagoge, im Chor oder bei der Amitié Judéo‐Chrétienne, der Organisation zur Aufrechterhaltung einer jüdisch‐christlichen Freundschaft.

Und wenn dann noch ein Lächeln und ein typisch französisches Küsschen links – Küsschen rechts einen begrüßt und wieder verabschiedet, ist es das, was am Ende bleibt. Und vielleicht doch noch ein klitzekleines Schmunzeln über den Kleinkrieg auf der imaginären Bühne der Rue de Jérusalem.

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