belgien

Stimmabgabe im Schtetl

Was haben ein junger Jurastudent, der Leiter eines Notfalldienstes und ein erfolgreicher Anwalt gemeinsam? – Wurzeln im jüdischen Antwerpen und Plätze auf den Kandidatenlisten der Open VLD (Vlaamse Liberalen en Democraten). Ein illustres Trio ist es, mit dem sich die liberale Partei bei den belgischen Kommunalwahlen am Sonntag den Wählern stellt. Wie fast immer in den vergangenen 25 Jahren ist der Anwalt Claude Marinower (57) dabei, Vorsitzender der liberalen Fraktion im Stadtrat und als früherer Parlamentsabgeordneter in Brüssel einer der bekanntesten jüdischen Politiker Belgiens.

Seine beiden Kollegen hingegen sind neu in der Politik, aber in Antwerpen längst keine Unbekannten mehr: Samuel Markowitz (36) koordiniert den freiwilligen Notfalldienst Hatzoloh. Markowitz ist der erste religiöse Kandidat – angesichts mehrerer Tausend orthodoxer Wähler sei dies ein gelungener Schachzug, kommentierte die Antwerpener Zeitschrift Joods Actueel.

diamanten Einen eher ökonomischen Schwerpunkt verfolgt der 19-jährige Jurastudent Toby Fischler. Neben dem Bildungs- und Jugendbereich will er sich für die Entwicklung des Hafens einsetzen und dafür, dass Antwerpen als Diamantenhauptstadt erhalten bleibt. Fischler will an der Schelde wieder Schleifer ausbilden. Dieser Fokus kommt nicht von ungefähr: Sein Großvater Bram Fischler war beinahe 20 Jahre lang Vorsitzender der Antwerpener Diamantenbörse.

So verschieden die drei Kandidaten auch sein mögen, so unterstreichen sie doch die Dominanz der Liberalen unter der jüdischen Bevölkerung der Stadt. Einst hatten die Sozialdemokraten dort den größten Zuspruch. Der Antwerpener Fred Erdman schaffte es 1998 gar bis zum Parteivorsitzenden. Doch zu dieser Zeit hatte sich der Stimmungswandel unter jüdischen Wählern hin zu den Liberalen bereits vollzogen, denn auch in Belgien stand die Linke im Nahostkonflikt zunehmend auf der Seite der Palästinenser.

Marinower nennt die Verbindung zwischen dem jüdischen und dem liberalen Antwerpen »historisch gewachsen«. Auch Markowitz und Fischler sehen sich in dieser Tradition.

Das Buhlen um jüdische Stimmen ist nach wie vor groß, denn etwa die Hälfte der rund 25.000 jüdischen Bürger ist wahlberechtigt. In Anlehnung an die Wahlen in den USA sprechen belgische Medien neuerdings von »The Jewish Vote«. Marinower betont, die jüdischen Communitys seien keineswegs ein »monolithischer Block«. Selten war diese Feststellung so aktuell wie diesmal.

Besonders intensiv bemüht sich zuletzt eine noch junge Partei um die Juden in der Stadt: die nationalistische Neuflämische Allianz (N-VA). Wirtschaftsliberal, konservativ und Befürworter eines selbstständigen Flandern – diese Attribute kennzeichnen die N-VA, die bei den Parlamentswahlen 2010 zwar die meisten Stimmen erlangte, aufgrund ihrer radikalen Agenda aber in der Opposition landete. Die Trumpfkarte der N-VA im Kampf um die Gunst der jüdischen Wähler ist ausgerechnet ein ehemaliger Liberaler: André Gantman. Der frühere Schöffe für Personalangelegenheiten im Stadtrat, der seine Lebensgeschichte einst unter dem Titel Jude zu sein ist ein Abenteuer veröffentlichte, trat vor zwei Jahren aus der Open VLD aus. Grund waren antisemitische Äußerungen des damaligen liberalen Ministers (und heutigen EU-Kommissars) Karel de Gucht.

Der Jüdischen Allgemeinen sagte Gantman, sein Abschied von der VLD habe mit dem Parteieintritt des heutigen Vizepremiers Vincent van Quickenborne begonnen. Der hatte im Jahr 2002 Hamas-Gründer Scheich Ahmed Yassin besucht. Die N-VA indes sieht Gantman als Garanten wirtschaftlicher Reformen und eines starken Flandern. Unter großem Medienecho trat er im vergangenen Sommer der Partei bei.

tragweite Die Konkurrenz zwischen Liberalen und Nationalen zeigt vor allem, dass sich im Mikrokosmos des jüdischen Antwerpen einige Fragen von deutlich größerer Tragweite bündeln. Gantman steht mit der Kritik an seiner ehemaligen Partei keineswegs allein.

Andererseits ist auch das Image der N-VA nicht unbefleckt. Umstritten ist vor allem der Kandidat Luk Lemmens, der auf einem prominenten Listenplatz steht. 2004 organisierte Lemmens eine Gedenkfeier für den bekannten flämischen Kollaborateur und Antisemiten Staf de Clercq.

Der Liberale Claude Marinower will dies öffentlich machen. Er sieht die Charmeoffensive der Nationalisten vor allem als strategischen Schritt und warnt: »Wenn eine rechte Partei für die jüdische Gemeinschaft akzeptabel ist, gibt es keinen Grund mehr, einen Damm gegen sie zu bauen.«

sozialdemokratie Ein deutliches Statement zu dieser Taktik hat auch Tatjana Scheck, einzige jüdische Kandidatin auf der gemeinsamen Liste von Sozial- und Christdemokraten. »Mir graut davor, dass rechte oder rechtsextreme Parteien Zugang zur jüdischen Gemeinschaft bekommen«, sagt die junge Orchestergeigerin, die zum zweiten Mal als Kandidatin dabei ist und sich vor allem in den Bereichen Jugend und Kultur engagiert. Scheck spielt mit ihrer Äußerung auf die Versuche des rechtsextremen Vlaams Belang an, der vor Jahren die Antwerpener Juden als »Bündnispartner gegen die Islamisierung« gewinnen wollte. Die Sozialdemokratin will daher »weiter vor Parteien warnen, deren eigene Vergangenheit dunkel ist«.

Im jüdischen Viertel nahe dem Bahnhof fiebert man derweil dem Wahltag entgegen. André Gantman, eigentlich als freisinnig bekannt, ließ sich von dem israelischen Kabbalisten Rabbiner Yekutiel Abuchazeira segnen, als dieser unlängst in Antwerpen zu Besuch war. Und Samuel Markowitz’ Kandidatur beschert dem flämischen Schtetl nie zuvor gesehene Szenen: junge Männer mit Hüten und Schläfenlocken, die eifrig Wahlplakate kleben.

Bonn/Berlin

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