USA

Spurensuche in Greenville

Am Tatort: Polizeikräfte vor dem Koscherladen in Greenville Foto: dpa

Es liegt direkt gegenüber von Manhattan und ist doch eine andere Welt: das Viertel Greenville in Jersey City, auf der anderen Seite des Hudson River – ein ruhiges, multiethnisches Wohnquartier. Viele Afroamerikaner wohnen hier – und streng religiöse chassidische Juden der Satmar-Bewegung, einer weltabgewandten, aus Ungarn stammenden radikalen Sekte, die den Staat Israel ablehnt.

Etliche von ihnen sind in den vergangenen Jahren nach Greenville gezogen, weil Brooklyn, wo sie zuvor wohnten, zu teuer geworden ist. Greenville ist eine Gegend mit religiösen Einrichtungen und kleinen Läden, ein Viertel, in dem man sich kennt – und in dem Waffen und Gewalt bis Dienstag vergangener Woche ziemlich unbekannt waren.

Der Koscherladen war Anlaufpunkt für die Satmarer Gemeinde.

Kurz nach Mittag, so schildern es Augenzeugen, hielt ein Lieferwagen, ein Mann und eine Frau stiegen aus, überquerten gemächlich die Straße in Richtung JC Grocery, wie er im Viertel von vielen genannt wird, ein kleiner koscherer Laden, und schossen buchstäblich aus allen Rohren. Es dauerte beinahe drei Stunden, bis massive Polizeikräfte schließlich die beiden Täter unschädlich machen konnten.

In dem Geschäft fand man später die Leichen von Leah Mindel Ferencz (31), der Frau des Ladenbesitzers und Mutter von fünf Kindern, Moshe Deutsch (24), der als Kunde zum tragisch falschen Zeitpunkt im JC-Kosher-Supermarkt einkaufen war, und des Ecuadorianers Douglas Miguel Rodríguez (49), ein nichtjüdischer Angestellter der Familie Ferencz, der noch im Angesicht des eigenen Todes ein Menschenleben rettete.

»Man hat Leah oft gesehen im Viertel, sie war immer guter Dinge, hatte ein Lächeln auf den Lippen«, sagt Rabbi Shmully Levitin, der in der Nachbarschaft wohnt. »Sie war eine ganz ruhige, entspannte und geduldige Person – einfach ein netter Mensch.«

Greenville Die JC Grocery war der einzige koschere Laden weit und breit und diente auch als Anlaufpunkt für die rund 100 frommen Familien, die aus Brooklyn nach Greenville gekommen waren. »Es bedarf schon eines gewissen Mutes«, so Levitin, »aus Brooklyn fortzuziehen.«

Damit spielt der Rabbiner auf die gewaltige Gemeinschaft orthodoxer Juden an, die in Brooklyns Stadtteilen Williamsburg oder Borough Park leben und dort häufig in der Mehrheit sind. Mehr als 600.000 Juden wohnen in Brooklyn, es ist, wie viele New Yorker sagen, »der jüdischste Ort der Welt«.

Als streng religiöse Menschen aus ihrem Mikrokosmos in eine nichtjüdische Umgebung zu ziehen, das ist der Mut, von dem Rabbiner Levitin spricht. »Sie sind nicht einfach umgezogen«, sagt Levitin in der »Times of Israel« noch einmal ergänzend über Familie Ferencz, »sie haben ihr Geschäft hochgezogen mit dem Ziel und in der Hoffnung, dass ihre Gemeinschaft wachsen würde und sie gebraucht würden.« Sie wollten einfach ihr Leben leben, an einem neuen Ort – die Verkörperung des »American Dream«.

Ein Teil dieses Traums, wenn auch aus einer anderen Perspektive, war Douglas Miguel Rodríguez. Der Fernsehsender CBS New York nennt Rodríguez einen Helden. »Nachdem er von einer Kugel getroffen worden war, öffnete Rodríguez mit letzter Kraft eine Hintertür, um einem Kunden die Flucht zu ermöglichen«, sagte Rabbi David Niederman, Vorsitzender der United Jewish Organizations of Williamsburg, der jüdischen Nachrichtenagentur JTA. »Leider starb Rodríguez noch auf der Schwelle der Tür, die er für andere geöffnet hatte.«

Rodríguez war verheiratet und hatte eine Tochter, Amy. In seiner Heimat Ecuador hatte er einen Uni-Abschluss gemacht, fand in den USA aber keinen adäquaten Job. Er liebte die Arbeit in dem Laden von Familie Ferencz – und die jüdische Nachbarschaft liebte ihn. Seine Freundlichkeit und seine heitere Art brachten ihm den Spitznamen »The guy of Smiles« ein.

Friedhof Die Täter, die wegen Mordes an einem Taxifahrer gesucht wurden und vor ihrem Feuergefecht kaltblütig den Polizisten Joseph Seals per Kopfschuss getötet hatten, als er sie auf einem Friedhof stellte, hatten nicht zufällig den koscheren Laden betreten.

Zumindest Anderson gehörte der Polit­sekte »Black Hebrew Israelites« an. Die Afroamerikaner behaupten in einer kruden Mischung aus Rassenwahn und Religion, nur sie, Latinos und die amerikanischen Ureinwohner seien die zwölf Stämme Israels – Weiße gehörten nicht dazu.

Die Bewegung entstand Ende des 19. Jahrhunderts, als schwarze Nationalisten behaupteten, sie seien die wahren Nachfahren der biblischen Israeliten, und anfingen, jüdische religiöse Riten zu übernehmen. Die Bürgerrechtsorganisation Southern Poverty Law Center (SPLC) klassifiziert einige Black Hebrew Israelites als Hassgruppe und nennt insbesondere einen Zweig: die israelitische Kirche Gottes in Jesus Christus.

Ein Bericht des Zentrums aus dem Jahr 2008 warnt vor zunehmendem Extremismus innerhalb der Bewegung. »Obwohl die meisten hebräischen Israeliten weder ausdrücklich rassistisch noch antisemitisch sind und keine Gewalt befürworten, gibt es innerhalb der hebräischen israelitischen Bewegung einen aufstrebenden extremistischen Sektor, dessen Anhänger glauben, Juden seien teuflische Betrüger, und Weiße offen als böse Personen verurteilen, die nur Tod oder Sklaverei verdienen«, sagte der SPLC.

Manche »Black Israelites« schreien an Straßenecken Hasstiraden.

Einige Vertreter der »schwarzen Israeliten« fallen in amerikanischen Großstädten wie New York, Philadelphia oder Baltimore bisweilen dadurch auf, dass sie an Straßenecken stehen und ihre Hassdok-
trin buchstäblich herausschreien. Die wirre Ideologie schließt Holocaust-Leugnung, Frauenfeindlichkeit und Anti-LGBTQ-Beschimpfungen ein.

Allerdings gibt es auch einige »Black Hebrew Israelites«, die tatsächlich zum Judentum gefunden haben, wie etwa eine kleine Gruppe in Israel, die in Dimona im Negev wohnt.

fahrzeug Die Todesschützen von Greenville gehörten offensichtlich zu den Judenhassern unter den Black Israelites. In dem von ihnen gestohlenen Fahrzeug wurde eine Art Manifest mit antisemitischen und polizeifeindlichen Notizen gefunden. Laut »New York Post« stand auf einem handgeschriebenen Zettel: »Ich tue dies, weil mein Schöpfer mir befohlen hat, dies zu tun, und weil ich hasse, wen er hasst.«

Zur Trauerfeier von Leah Mindel Ferencz und Moshe Deutsch, dem Rabbinerschüler, der nur schnell etwas einkaufen wollte, füllten Abertausende die Straßen Brooklyns. Nachrufe auf die beiden wurden auf Jiddisch per Lautsprecher auf der Route des Trauerzuges verlesen.

Danach wurde Ferencz in Greenville zu Grabe getragen – ein Zeichen der Hoffnung inmitten der Trauer, dass der neue Ort eben doch zur Heimat geworden war – eine Heimat, deren zerstörter Frieden aber von allen wiederhergestellt werden wird. Auch das ist Teil des amerikanischen Traums.

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