Griechenland

Sprüche und Widersprüche

Neu im Amt: Finanzminister Yanis Varoufakis (l.) und Ministerpräsident Alexis Tsipras Foto: dpa

Wir sind moralisch verpflichtet, von Deutschland die Rückzahlung der von den Nazis erpressten Zwangskredite zu verlangen», beschwor der neue griechische Premier Alexis Tsipras das Parlament bei seiner Regierungserklärung am Sonntag. Knapp zwei Wochen zuvor war er direkt nach seiner Vereidigung zum ehemaligen Erschießungsplatz der Wehrmachtstruppen geeilt. Mit dem Niederlegen einer Rose an jenem Ort, an dem vor 70 Jahren deutsche Soldaten Hunderte griechische Partisanen erschossen hatten, demonstrierte er, wem er Rechenschaft ablegen möchte.

Tsipras geriert sich als geschichtsbewusster Antifaschist und Rassismusgegner. Unterstützung erhält er dabei vom Star seines Kabinetts, Finanzminister Yanis Varoufakis. Der klagte vergangene Woche bei seinem Besuch in Berlin: «Wenn ich nach Hause komme, werde ich in einem Parlament sitzen, in dem es auch Nazis gibt.»

Trotz solcher Statements werfen europäische und israelische Medien Griechenlands neuer Links-Rechts-Regierung Antisemitismus vor: So schritt Tsipras früher als Oppositionsführer bei Demonstrationen für die Rechte der Palästinenser in erster Reihe mit. Varoufakis brachte vor zehn Jahren im staatlichen australischen Radio Verständnis für palästinensische Bombenleger auf. Und der heutige Verteidigungsminister Panos Kammenos von den rechten «Unabhängigen Griechen» erklärte vor einiger Zeit im griechischen Fernsehen, die Juden im Land seien ein Staat im Staate und müssten keine Steuern zahlen.

Diplomatie Moses Constantinis, der neue Präsident des Zentralrats der Juden in Griechenland, beruhigt die Gemüter: «Persönlich glaube ich nicht, dass die neue Regierung antisemitisch ist. Sie hat als Opposition keinerlei derartige Anzeichen gegeben. Deshalb glaube ich, dass die Zusammenarbeit mit ihr ebenso gut wird wie mit der Vorgängerregierung.»

Hinter dieser diplomatischen Aussage scheint mehr Wahrheit zu stecken, als Außenstehende auf den ersten Blick erkennen können. «Wir haben in Griechenland viele Antisemiten, aber zum Glück keinen groß organisierten Antisemitismus», erklärt der Holocaustforscher Paul Isaac Hagouel. Für ihn sind die in Griechenland bei allen Parteien verbreiteten antisemitischen Fehltritte schlicht eine Folge fehlender Bildung.

Beispiele dafür gibt es zur Genüge. So hätte Tsipras’ Syriza vergangenes Jahr beinahe einen Kandidaten für die Region West-Makedonien ins Rennen geschickt, der sich offen antisemitisch geäußert hat: Theodoros Karypidis postulierte, der neue Name des griechischen Staatsfernsehens NERIT sei ein jüdischer Name, der Mädchen, die an Chanukka geboren wurden, in einer besonderen Zeremonie verliehen würde. Chanukka, versuchte Karypidis seine Wähler zu belehren, sei das Fest, an dem die Juden den vernichtenden Sieg über Alexander den Großen feiern würden.

Der Politiker verzapfte dabei nicht nur antisemitistischen Unsinn, sondern brachte auch Griechenlands Nationalhelden Alexander in Verruf. Denn der starb ohne Niederlage knapp zwei Jahrhunderte vor dem Makkabäeraufstand und war im Übrigen gegenüber anderen Religionen tolerant. Parteichef Tsipras reagierte, indem er Karypidis umgehend aus dem Rennen warf. Doch viele Verschwörungstheoretiker glauben nach wie vor an Karypidis’ Mär.

Pamphlet Andere Parteien in Griechenland sind bei antisemitischen Ausfällen weniger konsequent als Syriza. So gibt es in der bisher regierenden Nea Dimokratia zahlreiche Politiker, die kaum Berührungsängste zum offenen Antisemitismus haben. Fraktionssprecher Adonis Georgiadis verkaufte etwa das antisemitische Pamphlet Die Juden, die ganze Wahrheit des bekennenden Antisemiten Konstantinos Plevris im Teleshop seines eigenen Verlages. Und schlimmer noch, er trat beim Prozess des jüdischen Zentralrats gegen Plevris als Entlastungszeuge auf.

Mit Plevris’ Sohn Thanos und dem bisherigen Gesundheitsminister Makis Voridis, der in der Öffentlichkeit indirekt den Holocaust anzweifelt, sorgte Fraktionssprecher Georgiadis maßgeblich für die Öffnung der Nea Dimokratia zum rechtsextremen Lager.

Der Holocaustforscher Hagouel fordert daher immer wieder, dass Schulen und der Rundfunk gegen den Antisemitismus aufklären müssen. In einem Interview sagte Hagouel, er fürchte die Anhänger der nazistischen «Goldenen Morgenröte» mehr als die unter Anklage stehende Spitze der Partei. «Wenn die Parteiführer im Sinne der Anklage unschuldig sind, dann müssen sie freigesprochen werden. Damit kann man leben. Womit man aber nicht ruhig leben kann, ist das Unwissen der Wähler dieser Partei», meint er.

Aufarbeitung Hagouel lebt in Thessaloniki, einer Stadt, in der Juden vor dem Zweiten Weltkrieg den größten Bevölkerungsanteil ausmachten. Mehr als 50.000 jüdische Einwohner Thessalonikis wurden in der Schoa ermordet – 96 Prozent der Gemeinde. Der heutige Bürgermeister Yannis Boutaris klagte Ende Januar beim Gedenken an die Opfer des Holocausts, dass die seit 70 Jahren ausstehende Aufarbeitung den Griechen nur noch die Option lasse, sich zu schämen.

In der Regierungspolitik werden die verbalen Entgleisungen, die griechische Politiker sich im Wahlkampf leisten, meist nicht fortgesetzt. So empfing der gescholtene Kammenos Ende Januar Israels Botschafterin Irit Ben-Abba Vitale und erneuerte in seiner Funktion als Verteidigungsminister das Bekenntnis zur griechisch-israelischen Waffenbrüderschaft.

Sicher fühlen sich Juden in Griechenland dennoch nicht. Im koscheren Restaurant «Gostijo» in Athen kommt man leicht mit Leuten ins Gespräch und redet über alle möglichen Aspekte des Lebens. Bei der Frage nach dem Antisemitismus kommt jedoch sofort die Antwort: «Über Politik möchten wir lieber nicht reden».

Vereinte Nationen

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