Schweiz

Spezialist für Milchiges

Es klopft an der Bürotür von Simon Bollag im Zürcher Stadtkreis Wiedikon, wo viele orthodoxe Familien wohnen. Der ältere Herr öffnet und begrüßt freundlich einen Jeschiwa-Schüler. Dieser ist eigentlich Zürcher, steht aber kurz vor seinem Rückflug nach Israel.

Doch möchte er die Reise nicht ohne Schweizer Schokolade und Schweizer Käse antreten. »Beides schätzt man auch an Talmud-Hochschulen in Israel«, sagt Bollag lächelnd und händigt ihm das Gewünschte aus.

Handelsschule Seit mehr als 60 Jahren vertreibt Bollag, der nach einer religiösen Ausbildung die Zürcher Handelsschule besuchte, koscheren Käse und Schokolade. Käse werde vor allem im Inland gekauft, sagt er, denn für den Export sei er oft zu teuer. Bei Schokolade sehe es anders aus: »Schweizer Schokolade ist eben ein Markenzeichen – sowohl koschere als auch nichtkoschere.«

Beim Käse jedoch kann Simon Bollag, den viele nur unter seinem Kosenamen »Uschi« kennen, auf eine Stammkundschaft zählen: koschere Hotels, Alters- und Pflegeheime sowie Privatkunden. Ein Geheimtipp ist dabei die koschere Fondue-Mischung, die Bollag ebenfalls im Sortiment hat – das weltweit einzige koschere Fondue. Doch das ist weniger sensationell, als es sich anhört. Denn das Schweizer Nationalgericht – heißer Käse, in den Brot getunkt und dann gegessen wird – ist vielen Menschen im Ausland gar nicht bekannt: »Von dieser Fondue-Mischung verkaufen wir deshalb pro Jahr nur 300 bis 400 Pakete.«

Doch immerhin: Wer an einem kalten Wintertag (oder auch sonst) Appetit auf ein Fondue hat und die jüdischen Religionsgesetze einhalten möchte, der kommt an Simon Bollag nicht vorbei. Den mehrfachen Vater, Groß- und Urgroßvater – erst kürzlich kam der 32. Urenkel auf die Welt – freut das natürlich.

Kundschaft Bollag, der sein Geschäft einst von seinem Schwiegervater übernahm, ist es auch gewohnt, mit ungewöhnlicher Kundschaft umzugehen. So erzählt er, wie er vor vielen Jahren einen Anruf aus dem Oberpfälzer Städtchen Nabburg erhielt, einer Stadt, deren Namen er vorher noch nie gehört hatte.

Am Telefon war ein Mann, der darauf Wert legte, dass die Produkte, die er kauft, 100-prozentig vegan sind – auch die Schokolade. Auf Bollags Frage, ob der Anrufer die vegane Schokolade denn nicht auch woanders bekommen könnte, ohne Koscherstempel, der das Ganze doch verteuern würde, erhielt er die Antwort, die er auch nach vielen Jahren nicht vergessen hat: »Wir möchten die Schokolade bei Ihnen beziehen, weil wir nur einem Rabbiner vertrauen, dass in der dunklen Schokolade auch wirklich keine Milch enthalten ist.«

Die beiden Männer wurden sich rasch einig. »Mein neuer Geschäftspartner setzte sich mit seiner Frau sofort ins Auto, fuhr fünf Stunden hierher, lud die ganze Bestellung im Wert von etwa 2000 Franken in seinen Wagen und fuhr umgehend nach Deutschland zurück.« Es war der Beginn einer neuen Geschäftsbeziehung, die bis heute besteht, auch wenn der Käufer aus Nabburg inzwischen gestorben ist.

Pizza So außergewöhnliche Kunden wie diesen Mann hat Bollag allerdings selten. Zu seiner Kundschaft gehören etliche kinderreiche religiöse Zürcher Familien, für die in der teuren Schweiz in letzter Zeit das koschere Fleisch zu kostspielig geworden ist. Hinzu kommt, dass milchige Gerichte wie Lasagne, Pizza oder auch Spaghetti, für deren Zubereitung man Käse braucht, auch in frommen Familien sehr angesagt sind, erzählt Bollag. »Ein Abendessen mit Käse – in welcher Form auch immer – ist schnell vorbereitet und durchaus beliebt.«

Außerdem gibt es noch jene Festtage oder Zeiten, in denen kein Fleisch gegessen wird, wie zum Beispiel Schawuot, das kurz bevorsteht. Da ist es Tradition, zumindest einige der Mahlzeiten mit Milchprodukten zu bestreiten: »Schawuot ist sicher einer der Hauptpfeiler unseres Geschäfts«, sagt Bollag. Dann essen er und seine Frau vor allem Emmentaler.

Noch mehr Käse verkauft er allerdings während der sogenannten »neun Tage«, also der Zeit vor dem Fasttag Tischa BeAw, an denen es große Tradition, wenn nicht gar Gesetz ist, kein Fleisch auf den Tisch zu bringen. »Weil diese Tage oft in die Sommerferien fallen und die Leute dann verreist sind, schicken wir in diesen Wochen sehr viel Käse in alle Teile der Schweiz«, erzählt Bollag. Sein Telefon klingelt dann unentwegt, und er nimmt eine Bestellung nach der anderen auf.

Fleischkonsum Darüber hinaus beobachtet Simon Bollag auch an weiteren Feiertagen, dass der Fleischkonsum zugunsten des Käses zurückgeht: »An Chanukka zum Beispiel wurde früher auch in unserer Familie fast immer Fleisch aufgetischt. Das hat sich geändert.«

Und selbst in der Sukka, wo es aus logistischen Gründen einfacher scheint, Fleisch und Beilagen zu servieren, hätten sich die Gewohnheiten sowohl in Zürich als auch in anderen Schweizer Städten in den vergangenen Jahren stark geändert. »Ich staune immer wieder, wie viel Käse wir inzwischen an Sukkot verkaufen.« Und auch wenn Hochzeiten und andere private Feste noch immer sehr fleischlastig seien, gebe es sogar hier Ausnahmen: »Schewa Brachot, das Nachfeiern einer Hochzeit, wird heute durchaus auch mit Käse bestritten.«

Ans Aufhören mag der heute 75-jährige, jugendlich wirkende Mann keine Minute lang denken. Im Herbst allerdings muss er sein kleines Verkaufsbüro, in dem er die meisten seiner Bestellungen abwickelt, verlassen. Er wird sich dann ganz in der Nähe in einem Haus einmieten, in dem verschiedene jüdische Einrichtungen ihren Sitz haben. Er nennt es »eine Investition in die Zukunft«.

Denn auch wenn zurzeit keiner seiner vielen Enkelinnen und Enkel in der Schweiz lebt, setzt er fest darauf, dass eines Tages einer von ihnen Interesse an seinem Geschäft haben könnte: »Ich lass’ mich da überraschen.«

New York

Mamdani legt Antisemitismus-Plan vor, jüdische Organisationen üben scharfe Kritik

Das Konzept des Bürgermeisters blende den Zusammenhang zwischen der Gewalt gegen Juden in New York und antiisraelischer Propaganda bewusst aus, sagt einer der Kritiker

 30.09.2026

Kiew

85. Jahrestag: Selenskyj gedenkt ermordeter Kyjiwer Juden

Vor 85 Jahren besetzten deutsche Truppen die heutige ukrainische Hauptstadt. Sie ermordeten zehntausende Menschen. Präsident Selenskyj stellt bei einer Gedenkfeier den Bezug zur Gegenwart her

 30.09.2026

Fußball

Im Kreuzfeuer: Irischer Nationalspieler mit israelischer Mutter

Finn Azaz wurde für Irlands Nationalkader für die Länderspiele gegen Israel nominiert. Weil er eine israelische Mutter hat, soll seine Zukunft im irischen Team aber infrage stehen

von Michael Thaidigsmann  29.09.2026

Interview

»Es ist beängstigend, wie sich die Geschichte wiederholt«

Evan Bernstein (51) ist seit Kurzem neuer CEO von B’nai B’rith International, der ältesten jüdischen Wohltätigkeitsorganisation. Um den wachsenden Antisemitismus zu bekämpfen, will Bernstein vor allem die lokale Vernetzung verbessern

von Michael Thaidigsmann  29.09.2026

Vergessener Held

Die vielen Leben des Jack Boeki

Ein jüdischer US-Agent und die Naziverbrecher in Nürnberg

von Joachim Heinz  29.09.2026

Niederlande

»Der 7. Oktober, das bin ich«: Student der Uni Maastricht will an Terrorangriff teilgenommen haben

Ein 22-jähriger Palästinenser, der in den Niederlanden studiert, erweckt in einem Instagram-Video den Eindruck, er habe an der Terrorattacke der Hamas auf Israel teilgenommen. Jetzt griff die Hochschule durch

 28.09.2026

London

Reporter oder doch Terroristen? BBC prüft Liste in Gaza getöteter Journalisten

Konkret geht es um 53 Personen, bei denen Verbindungen zu palästinensischen Terrororganisationen festgestellt wurden

 28.09.2026

Schweiz

Eine Sukka voller Fragen

Die Israelitische Cultusgemeinde Zürich hat ihre nichtjüdischen Nachbarinnen und Nachbarn in die Laubhütte eingeladen. Zu selbstgemachtem Hummus darf alles gefragt werden. Ein Besuch

von Nicole Dreyfus  25.09.2026

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität. Ein Kommentar von JA-Schweiz-Korrespondentin Nicole Dreyfus

von Nicole Dreyfus  25.09.2026