Niederlande

Sicherheit geht vor

Wie in vielen anderen Städten Europas müssen auch in Amsterdam jüdische Schulen stark bewacht werden. Foto: imago/Hollandse Hoogte

Als im Mai die Schulen in den Niederlanden nach zwei Monaten Corona-Zwangspause wieder öffneten, waren viele erleichtert, so auch Channa Feige, Mutter von neun Kindern und Tora-Lehrerin an der orthodoxen »Cheider«-Grundschule in Amsterdam. »Es ist gut, dass jetzt alles wieder normal wird«, sagte sie im Gespräch mit der Jewish Telegraphic Agency (JTA).

Doch wie überall sieht auch bei »Cheider« der normale Alltag heute ganz anders aus als vor Corona. Soziale Distanz und besondere Protokolle haben große Veränderungen mit sich gebracht. Und immer wieder stellt sich an jüdischen Schulen die Frage nach der Sicherheit.

SCHULBEHÖRDEN In Amsterdam und in vielen anderen Städten in Europa, wo jüdische Schulen stark bewacht werden müssen, schaffen die Corona-Vorsichtsmaßnahmen ein neues Problem: Sollten die Tore der Gebäude, wie von den staatlichen Schulbehörden empfohlen, offen bleiben, um die Ausbreitung von Covid-19 zu minimieren, oder gefährdet das die Sicherheit?

Wie JTA berichtete, blieben bei »Cheider« und auch bei »Rosj Pina«, einer weiteren jüdischen Grundschule in Amsterdam, die Haupttore, die normalerweise geschlossen sind, in den Tagen nach der Wiedereröffnung angelehnt, damit keiner die Oberflächen berühren musste.

KRITIK Ophir Revach, Geschäftsführer des Sicherheits- und Krisenzentrums des Europäischen Jüdischen Kongresses, war nicht begeistert von der Änderung der Torregeln der jüdischen Schulen in Amsterdam. Gegenüber amerikanischen Journalisten sagte er: »Ich kenne die Einzelheiten nicht, aber für uns ist eine offene Tür keine Option.«

Inzwischen gibt es in Amsterdam ein neues Sicherheitskonzept, dessen Details verständlicherweise nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Die Straßen, in denen sich die beiden Schulen befinden, werden nun, wenn die Schüler gebracht und abgeholt werden, für den Verkehr gesperrt, und Wachen sichern den Eingang.

NACHBARN Jacqueline Brecher, die Direktorin von »Rosj Pina«, sagte dazu: »Die Veränderungen der Sicherheitsvorkehrungen sind nicht angenehm für Lehrer, Eltern und Anwohner der Nachbarschaft, aber sie funktionieren.«

Auch Channa Feige äußerte sich gegenüber JTA: Sie sei zuversichtlich, »dass die neuen Sicherheitsvorkehrungen die notwendige Sicherheit bieten«.

Der Cheider-Vorstandsvorsitzende Herman Loonstein räumte jedoch ein: »Die Notwendigkeit, Infektionen zu verhindern, hat die Notwendigkeit, jüdischen Institutionen Sicherheit zu bieten, noch komplexer gemacht.« tok

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Die Mitternachtsdämmerung des Nordens weckt Erinnerungen an Märchen und führt unseren Autor zurück in seine Kindheit im damaligen Leningrad

von Vladimir Vertlib  18.06.2026

Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Der Prozess gegen einen Schüler, der einen Juden in Zürich töten wollte, beginnt am 1. Juli. Die Anklageschrift zeichnet das Bild eines sich früh radikalisierenden Jugendlichen

von Nicole Dreyfus  18.06.2026

USA

Nach antisemitischer Bewerbung: Rechtsextreme feiern Cornell-Studenten

Der 19-jährige Austin Franco wird für ein Praktikum von einem Softwareunternehmen der Brüder Gabe und Aiden Einhorn angenommen. Doch dann schreibt er, er sei »nicht daran interessiert, für einen Juden zu arbeiten«

 18.06.2026

Belarus

Antisemitische Ausfälle aus Minsk

Ein Interview des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko belastet das bilaterale Verhältnis mit Israel

von Alexander Friedman  17.06.2026

Bonn/Berlin

»Habt keine Angst«: Zeitzeuge Marian Turski vor 100 Jahren geboren

Er gehörte zu den bekanntesten Schoa-Überlebenden. Seine Worte ermutigen viele Menschen auch über seinen Tod im Jahr 2025 hinaus. Zum 100. Geburtstag blickt ein Freund Turskis auf die Zukunft des Erinnerns

 16.06.2026

Interview

»Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei zu proisraelisch«

Der Schweizer Politiker und Ständerat Daniel Jositsch über die wahren Gründe für seinen Austritt aus der SP, postkoloniale Irrwege und den Antisemitismus innerhalb der Linken

von Nicole Dreyfus  16.06.2026

Albanien

Flamingos gegen Kushner

In Tirana wächst der Widerstand gegen einen Inselverkauf. Präsident Edi Rama wirft den Demonstranten Antisemitismus vor. Zu Recht?

von Adelheid Wölfl  16.06.2026

Großbritannien

Einstufung von Palestine Action als Terrorgruppe ist rechtens

Ein Berufungsgericht in London hat der Regierung von Premier Keir Starmer Recht gegeben und das Verbot der militant antiisraelischen Gruppierung bestätigt

 15.06.2026