Heimat

Sehnsucht nach Bengasi

In seiner Wohnung im Londoner Exil: Raphael Luzon (63) Foto: Daniel Zylbersztajn

In der Nähe von Hendon Park im Norden Londons wird in einem großen Wohnzimmer echter libyscher Espresso mit Biskuits serviert. »Man muss wissen, wie man den Kaffee auf unsere Art trinkt«, erklärt der kleine rundliche Mann in weiß gestreiftem Hemd und Hosenträgern, der auf einem weißen Ledersessel sitzt. Dann hebt er die Tasse an die Lippen unter seinem Schnurrbart und demonstriert es mit einem hörbaren Schlürfen.

Hinter ihm steht ein großer Esstisch, dahinter reihen sich in Regalen dicke Folianten aneinander. »Ich bin Chasan in einer Gemeinde hier in London, genauso wie es mein Vater einst an der Großen Synagoge von Bengasi war.«

Bengasi, das war noch vor 1967, jenem Jahr, in dem Raphael Luzon, heute 63, Barmizwa feiern wollte. Stattdessen wurden damals acht seiner Familienmitglieder in Tripolis umgebracht, nur weil sie Juden waren. So wurde 1967 zum Jahr seiner Flucht nach Rom – und zum Ende der 2000-jährigen Geschichte der Juden Libyens.

Der Junge holte seine Barmizwa ein Jahr später in Rom nach, doch für seinen Vater war das Exil der Anfang vom Ende: Es dauerte nicht lange, und er starb in Italien, »sowohl am Alter als auch am Kummer«, sagt sein Sohn. Dessen Karriere als Chasan begann zur ersten Jahrzeit des Vaters, als ihn Angehörige baten, das Gebet zu leiten.

Kampagne An den Wänden in Luzons Londoner Wohnung hängen etliche Gemälde, viele mit jüdischen Motiven. Eines zeigt ihn vor dem Hintergrund Bengasis. Das ist nicht nur symbolisch. Zwar war Luzon bis 2010 nicht mehr in Libyen, doch begann er Anfang 2000 eine Kampagne zum Thema »Juden aus Libyen« und suchte den Kontakt mit dem Maghrebstaat. Nicht wenige sahen das damals als unsinniges Unternehmen an, das nichts bringen würde.

Doch dann wurde er im Jahr 2010 überraschend von Staatschef Muammar al-Gaddafi eingeladen. Zusammen mit seiner betagten Mutter besichtigte er ehemalige jüdische Orte in Libyen. Es lief alles problemlos und ehrwürdig ab.

Ganz anders hat er einen Besuch nach dem Sturz und der Ermordung Gaddafis in Erinnerung. Luzon wurde von einer Miliz verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Es kam zu einer gefährlichen Situation, in der er sich gegen die Anschuldigung, ein Mossad-Agent zu sein, verteidigen musste.

Er erzählt, er habe diese Anschuldigungen mit libyschem Humor beantwortet. Dabei sei es selbstverständlich auch um Kaffee gegangen. »Ich sagte, es sei eine Frechheit, dass man mich befragt, ohne mir Kaffee anzubieten«, schreibt er in einem kleinen Buch, das vor zwei Jahren erschienen ist.

»Der Kaffee stand sofort auf dem Tisch.« Auch der Anklage widersprach er mit Humor und nahezu selbstverständlicher Courage. »Was ist denn mit jenen Libyern, die 1967 aus ihrem Land geworfen wurden? Hat man sie entschädigt? Und sehe ich etwa so aus wie ein Israeli?«, witzelte er und unterstrich das in Libyen verbreitete Stereotyp, »die sind doch groß gewachsen, blond stark – und ich bin ein dicker kleiner Mann«.

Debatte Als die libyschen Medien von Luzons Festnahme erfuhren, entfachte sich eine riesige Debatte. Schon nach einigen Tagen kam der Anführer der Miliz zu ihm und fragte: »Wer sind Sie, dass Sie hier so eine Debatte auslösen?« Luzons Antwort: »Ich bin nur ganz einfach Libyer, vielleicht mehr als Sie.«

Wenige Tage später befand sich Luzon auf dem Rückweg nach London. Doch der Reise folgte Unerwartetes: Die Regierung lud ihn ein, man wollte ihn zum Minister ernennen, zu Ehren und als Symbol der Vergangenheit. Andere schlugen vor, er solle als Libyen-Verhandler für die EU agieren, da Luzon die libysche Mentalität kenne. Doch er lehnte ab.

Libyen sei zurzeit kein Land, das ihm 100-prozentige Sicherheit garantieren könne, sagt er. Eine weitere Reise hält er derzeit für zu gefährlich. Als er abreiste, erzählten ihm die Sicherheitsdienste, dass Al Qaida nahestehende Gruppen versuchten, ihn in Libyen ausfindig zu machen.

Entschädigung Dennoch setzt sich Luzon weiter für den Austausch mit Menschen aus seiner ehemaligen Heimat ein. »Ich spüre keine Rachegelüste. Aber ich fordere Gerechtigkeit und Entschädigung für die Juden aus arabischen Ländern«, sagt er mit ernster Miene, »dafür, dass man uns und andere enteignete und unsere Familienmitglieder umbrachte. Dafür, dass darüber in der Öffentlichkeit nicht gesprochen wird, im Gegensatz zum Schicksaal der Palästinenser, obwohl die Zahl der betroffenen Menschen nahezu gleich war.«

Er habe keineswegs Probleme, die Palästinenser zu verstehen, sagt Luzon, aber für sie sprächen an die 2000 verschiedene Gremien und Organisationen, doch für die Angelegenheiten arabischstämmiger Juden gerade einmal ein Unterkomitee der Vereinten Nationen.

Durch seine Arbeit wurde nicht nur Gaddafi auf ihn aufmerksam, sondern auch internationale Vertreter. Neben Gesandten aus Libyen, mit denen er sich in seinem Wohnzimmer traf, organisierte Luzon beispielsweise im Juni vergangenen Jahres eine große Versöhnungsveranstaltung auf Rhodos, anlässlich des 50. Jahrestags der Vertreibung der Juden aus Libyen.

Dort trafen libyschstämmige Juden, darunter viele heutige Israelis, mit libyschen Ministern, dem kurdischen Gesandten, jesidischen Flüchtlingen und Vertretern der Palästinensischen Autonomiebehörde zusammen. Was er geplant hatte, schaffte gemeinsames Lachen, Tanzen, Feiern und Austausch, sagt Luzon begeistert. »Konflikte können nur durch Dialog gelöst werden«, so lautete dort das Motto. Nun plant er für dieses Jahr eine weitere, ähnliche Veranstaltung.

Veränderung Unter der Hand gebe es regen Austausch zwischen den Ländern des Maghreb und des Nahen Ostens, einschließlich Israels, versichert Luzon und prophezeit große Veränderungen in Richtung Frieden in Nahost. Das Problem sei eher der fehlende Eifer der Politik gewesen, nicht nur auf der arabischen Seite, sondern auch auf der Seite verschiedener israelischer Regierungen, klagt Luzon.

Manchen in Libyen liege sehr viel an einer raschen »Wiedergutmachung« gegenüber den jüdischen Nachbarn von einst, sagt Luzon und erzählt von einem regionalen Aberglauben: Demnach habe Gott Libyen mit Gaddafi und dem Bürgerkrieg für das bestraft, was man den Juden des Landes einst antat.

Fragt man Luzon, ob er an die Rückkehr der Juden nach Libyen und an eine Zukunft jüdischen Lebens im Land glaubt, so schüttelt er den Kopf. Diejenigen, die das am meisten betreffe, seien ohnehin betagt. Aber, deutet er an, vielleicht wolle die Generation seiner Tochter später Beziehungen mit Libyen auf der Basis der Herkunft ihrer Eltern herstellen. Dann werde es neue Verbindungen geben.

»Libyen ist wie meine Mutter«, sagt Luzon ein wenig pathetisch. »Sie mag so manches falsch gemacht haben, aber sie bleibt meine Mutter. Es ist mir unmöglich, sie abzulehnen.« Seit Luzons leibliche Mutter vor zwei Jahren starb, ist Libyen die einzige Mutter, die ihm geblieben ist.

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