Web

Schwarmintelligenz auf Abwegen

Drastische Maßnahmen bei Wikipedia Foto: picture alliance / Sipa USA

Als das Netz-Lexikon Wikipedia vor 24 Jahren online ging, war das Ziel, durch das kollaborative Schreiben freiwilliger Autoren möglichst ausgewogene Artikel zu generieren. Als Leitplanken dienen bis heute die sogenannte Wikiquette, die ein respektvolles Miteinander der Co-Autoren einfordert, und die Beachtung folgender Grundregeln: von einem möglichst neutralen Standpunkt aus zu schrei­ben, stets Nachprüfbarkeit zu liefern und keine eigenen Theorien aufzustellen, sondern ausschließlich zu berichten, das heißt, bei strittigen Themen die verschiedenen Ansätze zu referieren, ohne diese zu werten.

Schließlich sollen die Nutzer sich ihre eigene Meinung bilden. Die eklatante Nichtbeachtung des neutralen Standpunkts hat nun für einen Präzedenzfall im weltweiten Autorenteam von Wikipedia gesorgt: Mehrere Redakteure wurden gesperrt und dürfen Artikel zum Thema Israel nicht mehr ändern.

Mehr als 62 Millionen Einträge

Wikipedia hat mittlerweile mehr als 62 Millionen Einträge und ist global die erste Quelle, die User bei Fragen ansteuern. Die meistgenutzte Seite ist dabei die englischsprachige, die 2024 fast 100 Millionen Mal von einzelnen Nutzern aufgesucht wurde.

Laut dem Jahresbericht 2024 der Wikimedia Foundation, die Wikipedia betreibt, haben rund 260.000 Redakteure knapp 98 Millionen Änderungen in mehr als 300 verschiedenen Sprachen vorgenommen. Acht von ihnen wurden nun vom Schiedskomitee der Enzyklopädie aus dem Themenbereich israelisch-palästinensischer Konflikt verbannt, wobei sechs aus dem anti-israelischen und zwei aus dem pro-israelischen Lager geschrieben haben sollen. Das berichtet die Jewish Telegraphic Agency (JTA).

Formale Beschwerden gegen einzelne Redakteure hätten die Untersuchung ausgelöst.

Zudem seien neue Regeln eingeführt worden, um die Plattform besser gegen absichtliche Verzerrungen zu schützen und um den zivilisierten Umgang miteinander auch in hitzigen Debatten wiederherzustellen. »Noch nie haben wir so drastische Maßnahmen ergriffen, aber es war an der Zeit«, zitiert JTA CaptainEek, so das Pseu­donym eines Komitee-Mitglieds.

Formale Beschwerden gegen einzelne Redakteure hätten die Untersuchung ausgelöst. Es gelte, die Glaubwürdigkeit der beliebten Informationsquelle zu schützen. Das Komitee – ein gewähltes Gremium aus 15 besonders erfahrenen Redakteuren – habe sich monatelang beraten, und auch Hunderte Nutzer seien beteiligt gewesen, so der Bericht. Es komme immer wieder vor, dass Editoren, die gegen die Wikipedia-Regeln verstoßen, abgestraft werden, es sei jedoch ungewöhnlich, dass das Schiedskomitee Sperren verhänge.

»Editier-Kämpfe« beim Thema Israel

»Editier-Kämpfe« beim Thema Israel gebe es eigentlich immer, wenn im Nahen Osten die Gewalt aufflamme. Doch nach dem Hamas-Überfall am 7. Oktober 2023 und dem daraus resultierenden Krieg hätten sich die Streitigkeiten im Diskussionsteil einzelner Artikel, den sogenannten Edit-Abschnitten, extrem verschärft. Während jede Seite die andere beschuldigte, den Artikeln ihr Narrativ aufdrücken zu wollen, gab es zuletzt den Vorwurf, dass eine organisierte Gruppe »propalästinensischer« Redakteure die demokratischen Entscheidungsprozesse von Wikipedia missbrauche, um Israel zu verleumden.

Wikipedia wolle die Editier-Verbote nicht als Urteil über inhaltliche Fragen verstanden wissen, sondern als Bestrafung für destruktives Verhalten wie das wiederholte Überschreiben von Änderungen, persönliche Beleidigungen und falsche Quellenangaben. Das Web-Lexikon habe sich in all den Jahren unübersehbar verbessert, zitiert JTA einen weiteren anonym arbeitenden Redakteur. Nur bei politisch umstrittenen Themen sei der Ruf dahin. »Das ist der Bereich, der uns am meisten schadet, und die Behebung dieses Problems sollte oberste Priorität haben.«

Österreich

Vermisste Israelinnen in Wien: Polizei stellt Suche ein

Europol hat die Ermittlungen im Fall der in Wien vermissten Israelinnen übernommen. Auch der Mossad soll vor Ort sein. Es wird davon ausgegangen, dass Mutter und Tochter nicht mehr in der Stadt sind

 14.08.2026

Antisemitismus

»Schade, dass Hitler den Job nicht vollendet hat«

Ein Mann aus Irland äußerte sich bei einer Begegnung mit jüdischen Touristen in einem französischen Supermarkt antisemitisch und drohte dem Paar gar mit Erschießung.

 14.08.2026

Wien

Vermisste Israelinnen: Gerüchte sorgen für Aktiensturz

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter in Österreich haben Gerüchte in den sozialen Medien zu einem Kurssturz bei der israelischen Bank geführt, bei der eine der Frauen arbeitet

 13.08.2026

Italien

Ein Tempel für alle

Über der Biennale in Venedig schwebt eine Synagoge. Was sich die ukrainische Künstlerin Anna Kamyshan dabei dachte und wie sie es geschafft hat

von Sophie Albers Ben Chamo  13.08.2026

Judenhass

Tourist mit Kippa in Rom zweimal attackiert

Antisemitische Vorfälle in Italien nehmen seit Jahren zu. Nun wurde ein junger Tourist in der Hauptstadt gleich zweimal angegriffen. Er trug eine Kippa

von Severina Bartonitschek  12.08.2026

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität

von Nicole Dreyfus  12.08.2026

Österreich

Vermisste Israelinnen in Wien: Familie befürchtet das Schlimmste

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter gibt es neue Details. Unter anderem über die Unterkunft in Wien. In Israel wurde eine Nachrichtensperre erlassen

 12.08.2026 Aktualisiert

Schweiz

Den eigenen Weg gehen

Kollektive Begeisterung macht blind und dumm, ganz gleich, ob sie von rechts oder links kommt, findet Berns Botschafter in Israel. Und liefert literarische und filmische Quellen als Inspiration für das Schwimmen gegen den Strom

von Simon Geissbühler  11.08.2026

Frankreich

Schrecken der Milliardäre

Der jüdische Ökonom Gabriel Zucman fordert eine stärkere Besteuerung der Superreichen. Beim Geldadel stoßen seine Ideen jedoch auf heftigen Widerstand

von Christine Longin  11.08.2026