Jahreshauptversammlung

Schächten und Sicherheit

Es war ein ungewöhnlicher Anblick: Von Montag bis Mittwoch tagten Hunderte jüdische Gelehrte im großen Ballsaal des Antwerpener Hilton-Hotels. Die Europäische Rabbinerkonferenz (CER) hatte zu ihrer Jahreshauptversammlung geladen. Mehr als 200 orthodoxe Rabbiner waren aus ganz Europa gekommen, um über Themen wie Religionsfreiheit, die Sicherheit von Juden oder die Aufgaben der Rabbiner in der Gemeindearbeit zu diskutieren.

Die Rabbiner sprachen viel über halachische Fragen, zum Beispiel darüber, inwieweit elektronische Sicherheitsmaßnahmen in Synagogen am Schabbat zulässig sind und ob Kinder zum Judentum konvertieren können.

Laut dem CER-Präsidenten und Moskauer Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt war es die größte Vollversammlung seines Verbandes seit vielen Jahren. Unter den Gästen waren auch die beiden Oberrabbiner Israels, Yitzchak Yosef und David Lau.

Enttäuschung Die flämische Metropole Antwerpen, in der rund 20.000 zumeist orthodoxe Juden leben, war bewusst als Veranstaltungsort gewählt worden: Vor Kurzem trat sowohl in Flandern als auch in Wallonien ein generelles Verbot des koscheren Schächtens in Kraft.

Brüssels Oberrabbiner Albert Guigui zeigte sich tief enttäuscht über diese Entwicklung. »Wir reden gerade einmal über 300 Rinder im Jahr, die in Belgien nach der Kaschrut geschächtet wurden, und das von Metzgern, die dafür sehr gut ausgebildet sind. Es wird leider immer vergessen, dass der Tierschutz im Judentum nicht erst seit dem 20. Jahrhundert ein zentrales Anliegen ist.«

Guigui warf die Frage auf, ob es beim Schächtverbot überhaupt um das Tierwohl gehe: »Wenn das der Fall ist, warum kümmert sich die belgische Politik nicht um jene 60.000 Tiere, die nach Studien jedes Jahr Todesqualen erleiden müssen, weil sie nicht fachmännisch geschlachtet werden? Und warum wird nichts getan gegen die Jagd als Privatvergnügen?«

Die Politiker müssen
ihren Worten endlich Taten folgen lassen.

CER-Präsident Goldschmidt stellte die Bestrebungen in Europa, religiöse Praktiken wie das Schächten und die Beschneidung von Jungen zu verbieten, in einen historischen Zusammenhang: »Das richtete sich früher schon gegen die Zuwanderung von Menschen anderen Glaubens.« Heute zielten die Einschränkungen der Religionsfreiheit in erster Linie gegen die Muslime; die Juden seien »Kollateralschaden«.

An Europas Politiker gewandt, sagte Goldschmidt: »Wenn Sie verhindern wollen, dass die Juden von hier weggehen, dann dürfen Sie nicht Gesetze gegen Juden erlassen, sondern müssen dafür sorgen, dass sie hier sicher sind.« Worte seien zu wenig, es müssten nun auch Taten folgen.

Goldschmidt unterstrich die Bedeutung der anstehenden Europawahlen. Europas Juden sollten zur Wahl gehen, und die Gemeinderabbiner sollten sie dazu ausdrücklich ermuntern, denn: »Wir brauchen ein Europaparlament, das sich für den Schutz von Minderheiten wirksam einsetzt.«

Anstatt den Radikalismus zu bekämpfen, hätten bestimmte populistische Kräfte beschlossen, den Islam als Ganzes zu bekämpfen oder das Tragen religiöser Symbole zu verbieten. Das sei inakzeptabel, sagte Goldschmidt.

Auch die sozialen Netzwerke trügen dazu bei, dass Minderheiten zusehends ins Fadenkreuz von Extremisten gerieten. »Der Anschlag auf zwei Moscheen in Neuseeland wäre wahrscheinlich ohne die sozialen Medien nicht passiert.«

Der Attentäter habe seine Follower durch seine Tat beeindrucken wollen. »Facebook hat zwei Milliarden Nutzer – und gerade einmal 5700 Mitarbeiter, die sich darum kümmern, den ganzen Inhalt auf Hassposts hin zu überprüfen. Das ist viel zu wenig«, so Goldschmidt.

Antisemitismus Der Antisemitismus-beauftragte von US-Präsident Donald Trump, Elan Carr, sprach in Antwerpen ebenfalls zu den Rabbinern. »In Europa erleben wir gerade, wie ultrarechte völkische Bewegungen mit ultralinken, antizio­nistischen und radikalislamischen Bewegungen in einem Punkt übereinstimmen. Eigentlich müssten die sich gegenseitig hassen, stattdessen verbreiten sie aber gemeinsam die uralte Geißel der Menschheit, den Antisemitismus«, sagte Carr.

Massiv kritisierte er die Einschränkung der Religionsfreiheit in einigen europäischen Ländern: Das Verbot des Schächtens in Belgien komme einer »Vertreibung« der Juden gleich.

Für seine Vorgesetzten in Washington hingegen fand Carr nur lobende Worte: »Niemals zuvor in der amerikanischen Geschichte hatten wir einen Präsidenten und einen Außenminister, die dem jüdischen Volk so nahestanden, den Antisemitismus in der ganzen Welt bekämpften und den Staat Israel unterstützten.«

Europas Juden sollten zur Wahl gehen, mahnt Moskaus Oberrabbiner.

Antwerpens Bürgermeister Bart De Wever, der auch Vorsitzender der flämisch-nationalistischen NVA, der stärksten Partei Belgiens, ist, nahm beim Galadinner die Rabbiner und ihre Gäste mit einem flammenden Bekenntnis zum pluralistischen Israel und der »jüdischen Hauptstadt Jerusalem« für sich ein.

Kurz vor seiner Ankunft war der Politiker von einer Gruppe antiisraelischer Demonstranten abgepasst worden, die von ihm einen Boykott des Eurovision Song Contest in Tel Aviv verlangten, und musste die letzten Meter zum Hotel zu Fuß nehmen.

Der »Jüdischen Allgemeinen« sagte De Wever: »Wir sind stolz auf unsere jüdische Gemeinde hier in der Stadt, und es gibt da ganz enge gegenseitige Beziehungen.« Dennoch sei sein schlimmster Albtraum, dass trotz aller Sicherheitsmaßnahmen ein Angriff auf Juden in Antwerpen passieren könnte, denn: »Wir haben hier – im Gegensatz zu Brüssel – eine im Straßenbild sehr sichtbare jüdische Gemeinde.« Die belgische Regierung unter Beteiligung seiner NVA habe seit 2014 enorme Anstrengungen in puncto Sicherheit unternommen. »Alles, was vernünftig und machbar war, haben wir getan«, so De Wever. »Ich hoffe, dass es ausreichend ist.«

Was das Schächtverbot angeht, dem auch seine NVA zugestimmt hatte, gab sich De Wever reumütig: »Wir waren uns schlicht nicht bewusst, wie sehr das die jüdische Gemeinde hier betrifft.« Der Bürgermeister glaubt aber, dass sich durch das Urteil des Europäischen Gerichtshofs möglicherweise noch etwas bewegen könnte. Die Richter in Luxemburg befassen sich derzeit mit einer Klage der jüdischen Gemeinde Belgiens.

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