Jemen

Rotes Meer, damals und heute

Der Öltanker Marlin Luanda wurde am 26. Januar von Huthi-Rebellen beschossen. Foto: picture alliance / Newscom

Ohne die aktuellen Vorfälle im Roten Meer hätte ich mich wohl nie wieder an dieses Ereignis erinnert. Nachdem die Terrororganisation Hamas Israel am 7. Oktober 2023 brutal angriff, 1200 Menschen auf bestialische Weise ermordete und mehr als 200 Geiseln nahm, hat die israelische Armee eine Operation zur Beseitigung dieser Verbrecher begonnen.

Diesen wiederum sprang der verarmte und in einen langjährigen Bürgerkrieg verwickelte muslimische Staat Jemen bei. Er erklärte Israel den Krieg und begann, im Roten Meer Handelsschiffe anzugreifen, die auf dem Weg nach Israel schienen oder von dort kamen.

Das Rote Meer ist für die internationale Schifffahrt eine der wichtigsten Handelsrouten

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verkürzt der Suez-Kanal den Seeweg von Südostasien nach Europa und zurück erheblich, und das Rote Meer ist für die internationale Schifffahrt eine der wichtigsten Handelsrouten überhaupt. Doch die Angriffe aus dem Jemen zwingen viele Handelsschiffe, auf die Fahrt durch den Suez-Kanal zu verzichten und stattdessen die Südspitze Afrikas zu umrunden, um nicht von den sogenannten Huthis mit Raketen beschossen zu werden.

Nun denn: Im Januar 1985 war die »Arkadi Gaidar«, auf der ich als erster Mechaniker arbeitete, auf dem Rückweg von Japan ins Schwarze Meer. Der Schiffsbauch war gefüllt mit Rollen japanischen Stahlblechs, aus dem in Toljatti die Autos der Marke »Schiguli« hergestellt wurden.

Am 23. Januar durchfuhren wir die Meerenge Bab al-Mandab und kamen aus dem Indischen Ozean ins Rote Meer. Vor uns lagen der Suez-Kanal, die Dardanellen, der Bosporus und dann schon das heimische Odessa. Der 23. Januar ist mein Geburtstag. Der Schiffskoch hatte den ganzen Tag in der Kombüse gezaubert, um mich und meine Gäste in Erstaunen zu versetzen.

Wenn ich mich heute an dieses Erlebnis erinnere und sehe, was derzeit im Roten Meer an der Küste des Jemen geschieht, denke ich: wie kurz das Gedächtnis der Menschheit ist.

Als am Abend alle beisammen saßen und wir nur noch auf den Kapitän warteten, kam plötzlich ein Anruf von ihm. Ich solle unverzüglich auf die Brücke kommen. Als ich dort ankam, zeigte er auf den dunklen nächtlichen Horizont und sagte: »Da war gerade eine rote Rakete. Jemand ist in Not. Bringen Sie den Motor auf Touren. Wir müssen schnell zu Hilfe kommen.«

Das Festbankett war unwichtig geworden. Wir fuhren mit Volldampf in Richtung der roten Rakete. Meine Gäste kamen an Deck, um die Begegnung mit dem in Seenot geratenen Schiff mitzuerleben. Der Kapitän schaltete den Brückenscheinwerfer ein, und schon bald erblickten wir auf den Wellen ein kleines Boot mit zehn Seeleuten, darunter eine Frau. Haie umkreisten es im hellen Scheinwerferlicht und versuchten offensichtlich, es zum Kentern zu bringen.

Es stellte sich heraus, dass es sich um Seeleute aus dem Jemen handelte

Wir bremsten die Fahrt ab. Die Deckbesatzung machte den Ladebaum klar und befestigte ein Netz am Haken. Zwei Matrosen ließen sich in das Boot hinab und holten die Menschen zu uns an Bord, wo sie vom Schiffsarzt versorgt wurden. Es stellte sich heraus, dass es sich um Seeleute aus dem Jemen handelte. Warum ihr Schiff untergegangen war, weiß ich nicht mehr. Das war also das Geschenk, das ich am 23. Januar 1985 zum Geburtstag bekam.

Am nächsten Morgen brachten wir die Geretteten in den jemenitischen Hafen al-Hudaida. Die Hafenbehörde bereitete uns einen feierlichen Empfang und belohnte uns mit mehreren Körben voll tropischer Früchte, Ananas, Bananen und Mangos. Diese ergänzten mein Festbankett, das dann am 24. Januar stattfand.

Wenn ich mich heute an dieses Erlebnis erinnere und sehe, was derzeit im Roten Meer an der Küste des Jemen geschieht, denke ich: wie kurz das Gedächtnis der Menschheit ist. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der mehr als 50 Millionen Menschenleben gekostet hat, schien es mir, der die faschistische Besatzung in Odessa überlebt und viele Erschossene und Hungertote gesehen hatte, all das werde sich nie wiederholen. Aber jetzt ist Krieg in der Ukraine, in Israel und im ganzen Nahen Osten. Ich möchte schreien: »Menschen, haltet ein! Ihr seid zum Leben geboren! Hört auf, einander zu töten! Bitte hört auf!« Doch leider hört niemand diese Worte.

Arkadi Chasin ist 94 Jahre alt und lebt in Odessa. Seine Berichte brachten es in der Sowjetunion zu Bekanntheit.

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