Glosse der Woche

Rettet den charmantesten Jugendknast!

Alles nicht so schlimm: Lernen kann man auch ohne Putz an den Wänden. Foto: JA

Was finde ich eigentlich an diesem morschen alten Kasten im anrüchigsten Viertel der Stadt, der von außen anmutet wie ein Jugendknast und von innen ein Bunker‐Feeling wie aus dem Zweiten Weltkrieg vermittelt? So elegant wie der Name, »Nachmanides‐Atheneum«, so nüchtern und billig wirkt das Interieur der Schule mit seinem Rohbau‐Ambiente, seinen unverputzten Wänden und den Heizungs‐, Lüftungs‐ und Wasserrohren, die unverkleidet und leise tropfend an der Decke entlanglaufen. Die Spielgeräte auf dem versifften Schulhof stammen augenscheinlich noch aus den 70er‐Jahren, und jeden Tag kloppen sich die Kinder um das einzige noch funktionierende Dreirad. In den Klassenräumen steht wurmstichiges Mobiliar – kurzum: Der ganze Bau atmet Pleite und Chaos.

Die Schüler laufen dem maroden Etablissement davon. Im Refectoire, dem prunkvollen Speisesaal, in dem zu Glanzzeiten 600 Menschen Platz nahmen, sieht man heute gerade mal eine Handvoll Mittel‐ und Oberschüler an einem runden Tisch in der Saalmitte einsam an ihrer koscheren Mittagsmahlzeit mümmeln. Denn der Nachmanides‐Schule, von ihren Fans liebevoll »Nachmo« genannt, bleiben im Jahr 53 nach seiner Gründung nur mehr hundert Kinder und Jugendliche. Man könnte also sagen, dass Nachmo kurz vor dem Aus steht.

Atmosphäre Trotzdem bin und bleibe ich ein fanatischer Anhänger dieses Etablissements. Denn die meisten anderen Eltern sind Kumpels von mir und wohnen im jüdischen Viertel Forest oder Uccle, nur wenige Gehminuten von uns entfernt. So trifft man sich am Schabbat im Park oder geht sich gegenseitig besuchen. Aufgrund der kleinen Klassen herrscht eine heimelige, fast schon intime Atmosphäre, der in größeren Schulen übliche Klamotten‐Zugzwang (kaufen, kaufen!) und Snobismus bleiben im Nachmo vor der Tür. Ich und meine Kids fühlen uns hier rundum wohl.

Warum also steht Nachmo kurz vor dem Untergang? Was ist schiefgelaufen? Das Hauptproblem, mit dem die einzige religiöse Schule in Brüssel zu kämpfen hat, ist die Tatsache, dass die Juden der Stadt traditionell immer schon dem laizistisch‐zionistischen Lager zugeneigt waren – religiöse Erziehung spielt für die meisten Familien eine eher untergeordnete Rolle. Und die beiden anderen (nicht religiösen) jüdischen Schulen, Ganenu und Beth Aviv, sind nun einmal eindeutig besser ausgerüstet und außerdem in den chicen Gegenden Brüssels gelegen.

Tatsache ist auch, dass es für das Nachmo immer schwerer wird, neue Schüler anzulocken, denn das Elendsviertel Anderlecht um die Schule herum verkommt zusehends, und die steigende Bandenkriminalität ist für Familien mit Kindern nun einmal schlichtweg abschreckend. Zwar war Anderlecht in den 40er‐ und 50er‐Jahren einmal das jüdische Viertel Brüssels. Doch inzwischen ist es für die Schule eindeutig Zeit umzuziehen, denn das jüdische Leben hat sich in die grüneren Gebiete der Stadt verlagert.

Am schwerwiegendsten ist jedoch Nachmos Budgetproblem: Die Schule ist bis über beide Ohren verschuldet, seit sie einige kostspielige Gerichtsverfahren gegen die Anwohner verloren hat und ihr hohe Geldbußen auferlegt wurden. Außerdem ist es dem charmanten Schlendrian des Schulsekretariats zu verdanken, dass nur wenige Familien überhaupt Schulgeld zahlen.

Schnorrbriefe Für die kleine, aber entschlossene Nachmo‐Fangemeinde gibt es nur eine Möglichkeit: Wir müssen den Untergang dieses kleinen, versifften, aber liebenswerten Paradieses abwenden. Wir werden Fundraising betreiben, Schnorrbriefe an potenzielle Geldgeber verschicken, wenn es sein muss, selbstgebackene Plätzchen verkaufen bis zum Umfallen, um nur irgendwie Geld aufzutreiben. Und wir werden uns auf eine Pilgerfahrt nach Antwerpen begeben, zu den geheimen, noch unerschlossenen Geldquellen des Landes.

Vielleicht erhalten wir auch eine Audienz beim sagenumwobenen Monsieur W., einem Antwerpener Philanthropen mit schier unausschöpflichem Bankkonto. Nur die wenigsten wissen, dass Nachmo ohne ihn schon vor 20 Jahren pleite gemacht hätte, denn er begleicht jeweils zum Jahresende die Schulden des Etablissements. Ihm gehören auch das jüdische Radio und der jüdische Kulturzirkel in Brüssel, die ebenfalls kurz vor dem Bankrott stehen. Vielleicht können wir ihn irgendwie überzeugen, alle anderen Objekte abzustoßen und das gesamte Spendenportfolio in Zukunft nur noch auf Nachmo regnen zu lassen.

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