Ahmed Fouad Alkhatib, mit kahl geschorenem Kopf, schwarzer Hornbrille und einer Anstecknadel mit US- und Palästinafahne am Jackett, ist leitender Wissenschaftler bei der US-Denkfabrik »Atlantic Council« und setzt sich gerade für einen neuen humanitären Flughafen in Gaza ein. Geboren in Saudi-Arabien und aufgewachsen im Gazastreifen, brachte ihn 2005 ein einjähriges Schüleraustauschprogramm in die Vereinigten Staaten. Wegen der Machtübernahme der Hamas und der Entführung des israelischen Soldaten Gilad Schalit konnte der Teenager nicht mehr zu seiner Familie nach Gaza zurückkehren. Alkhatib erhielt politisches Asyl in den USA und blieb bei Pflegeeltern. Er beendete die Schule und studierte im Anschluss Unternehmensführung, Marketing und Nachrichtendienststudien. 2014 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Heute, im Alter von 35 Jahren, ist er eine der bekanntesten palästinensischen Stimmen, die sich seit dem 7. Oktober 2023 klar gegen die Hamas positionieren, und arbeitet aktiv an einer friedlicheren Zukunft für Palästinenser und Israelis.
Über das Leid der Menschen, das der jüngste Krieg gebracht hat, will er sprechen, das auch seine eigene Familie betrifft
Gerade war er in London auf Einladung des »Portland Trust«, einer britischen Organisation, deren Ziel es ist, den Frieden zwischen Palästinensern und Israelis durch Wirtschaftsprojekte zu fördern. Alkhatib traf mehrere britisch-jüdische Vertreter – vom Präsidenten des Board of Deputies, Phil Rosenberg, über Synagogenvertreter, Mitglieder der Union jüdischer Studierender und der israelischen Demokratiebewegung »We Democracy« sowie der internationalen palästinensisch-israelischen Organisation »Standing Together«. »Es ist für mich absolut unerlässlich, sonst unerreichbare Menschen zu erreichen«, sagt er.
Er wolle zeigen, dass weder das Meinungsbild unter Palästinensern monolithisch sei noch dass in Gaza die gesamte Bevölkerung hinter der Hamas stehe. Und über das Leid der Menschen, das der jüngste Krieg gebracht hat, will er sprechen, das auch seine eigene Familie betrifft. Dabei wehrt Alkhatib sich vehement gegen die permanente Schuldzuweisung an Israel. Man müsse sich endlich der Realität stellen, dass weder Israelis noch Palästinenser verschwinden werden. »Beide werden bleiben.«
»Weder Israelis noch Palästinenser werden verschwinden. Beide werden bleiben.«
Ahmed Fouad Alkhatib
Natürlich sei die Versöhnung ein langer Weg, aber er glaube fest daran. »Natürlich nicht sofort. Es ist ein Entwicklungsprozess«, sagt er und verweist auf die Geschichte Frankreichs und Deutschlands in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.
Alkhatib hat 34 Familienmitglieder bei israelischen Gegenangriffen in Gaza verloren. Die Hauptverantwortung dafür sieht er bei der Hamas.
Als Kind hat Alkhatib 2001 bei einem israelischen Luftangriff mehrere Freunde auf dem Nachhauseweg von der Schule sterben sehen. Er selbst erlitt damals einen bleibenden Hörschaden. Nach dem 7. Oktober 2023 hat Alkhatib 34 Familienmitglieder bei israelischen Gegenangriffen in Gaza verloren. Darunter seine 13-jährige Nichte Farah und zwei Onkel. Die Hauptverantwortung dafür sieht er bei der Hamas.
»Sie haben den Erwartungen der Israelis unter der rechtesten Regierung, die das Land je hatte, in die Hände gespielt.« Dieses Verhalten habe bereits 2005 nach dem Abzug der israelischen Truppen und dem Abbau der Siedlungen in Gaza begonnen. Auch die schlechten Entscheidungen von PLO-Chef Jassir Arafat und der Hamas in der Zeit davor seien Faktoren gewesen. Ja, Israel sei der Mächtigere im Raum, »das bedeutet jedoch nicht, dass wir Palästinenser keinerlei Verantwortung für Entscheidungen tragen.« Diese Erkenntnis sei der erste Schritt zur palästinensischen Selbstermächtigung, so Alkhatib.
Blick nach vorn – Staatsaufbau und Koexistenz
Der 35-Jährige fordert den Blick nach vorn – Staatsaufbau, Koexistenz und darüber nachzudenken, was es positiv bedeutet, palästinensisch zu sein. Gaza müsse sich als permanentes Zuhause anstatt als Übergangslager verstehen. Das gelte insbesondere für die zwei Drittel der Bevölkerung, die so wie seine Familie nach der »Nakba«, wie Palästinenser die Vertreibung aus Israel im Unabhängigkeitskrieg nennen, dort angekommen seien. »Die Zukunft eines palästinensischen Staates muss aus einem erfolgreichen Gaza erwachsen.« Der Küstenstreifen müsse das Vorzeigebeispiel des Erfolges der palästinensischen Eigenständigkeit und Selbstverwaltung werden. »Kronjuwel, Stolz und Glanz des palästinensischen Volkes«, so der Aktivist, der an einer angesichts der Zerstörung Gazas kaum mehr vorstellbaren Vision festhält, die an die Zeit des Oslo-Friedensprozesses erinnert. Das würde eine ähnliche Entwicklung im Westjordanland nach sich ziehen. »Problemlos«, so Alkhatib.
Die Hamas sehe Gaza nur als eine Festung, »von der aus sie glaube, Al-Aksa und das Westjordanland erobern zu können. Über zwei Jahrzehnte hat die Hamas mehrere Zehn Milliarden US-Dollar an Hilfsgeldern missbraucht, Raketen- und Waffenarsenale aufgestockt, Israel beschossen und Tunnel bauen lassen. Höhepunkt war der 7. Oktober – der größte Massenmord an Juden seit dem Holocaust. Ich bin zutiefst betroffen, dass diese Tat aus meinem Gaza kam«.
Alkhatib spricht auch von Kriegsverbrechen und sieht Israels Premier Benjamin Netanjahu in vielerlei Schuld. Aber zu behaupten, das sei alles nur wegen des Zionismus oder dass die Gräueltaten der Hamas »weißen Siedlerkolonialismus« bekämpften, sei ein Aufgeben palästinensischer Verantwortung, Entscheidungskraft und Zurechnungsfähigkeit. »Wenn man schon so lange zurückblicken will, warum wurde zwischen 1948 and 1967 kein unabhängiger palästinensischer Staat geschaffen, als Jordanien und Ägypten Besatzungsmächte waren?«, fragt Alkhatib.
Das Wichtigste sei die Zusammenarbeit mit der israelischen Gesellschaft
Und er ist noch lange nicht fertig: Die palästinensische nationale Identität hänge nicht mit der Frage zusammen, ob Jesus Palästinenser war, sondern mit dem Prozess einer Etablierung von modernen Nationalstaaten, so wie für Jordanier, Algerier und Libyer. Niemand hinterfrage heute die einst künstlich geschaffene jordanische Nationalität.
»Echte Staatssouveränität, die nicht nur auf dem Papier existiert, bedeutet, dass man mit Israel zusammenarbeitet, nicht mit dieser Regierung, aber mit der israelischen Gesellschaft«, sagt er. Selbst wenn er sich mit politisch rechten Israelis unterhalte, gebe es zwar keine Liebeserklärungen, doch eine pragmatische Anerkennung, dass Israels Langlebigkeit, Sicherheit und regionale Eingliederung von einem Platz für das palästinensische Volk abhänge. Und das bedeute gleichzeitig, dass Israel als jüdischer Mehrheitsstaat daneben existiert. Man könnte Alkhatibs Mission auch als radikal pragmatisch beschreiben.
Viele Palästinenser haben genug von der Hamas und auch von der PLO
Natürlich beschert ihm das Feinde. Die werfen ihm vor, vom Mossad bezahlt zu werden. Aus Sicherheitsgründen hat er mittlerweile persönlichen Schutz. Doch der 35-Jährige hält an seiner Überzeugung fest: »Ich tue genau das, was ich als Vertreter meines palästinensischen Volkes tun muss.« Viele stünden leise hinter ihm und hätten genug von der Hamas und auch von der PLO. Das Problem sei, dass es für differenziertes Denken unter Palästinensern bisher keine eigenen Räume gebe.
Und auch mit den westlichen »propalästinensischen Aktivisten« rechnet er ab. »Viele, die sich bei Protesten gegen Israel ›Palästina‹ aufs T-Shirt schreiben, sind oft keine Palästinenser. Sie bevormunden uns.« Seine Wut gilt auch »westlichen ›propalästinensischen‹ Akademikern, Medien und Aktivisten«, die Palästinenser infantilisieren und als permanentes Opfer sehen würden. Internationale Organisationen hätten Gaza nicht nur in Abhängigkeit gehalten, sondern die Machenschaften der Hamas bewusst ignoriert. »Viele dieser Organisationen wissen, was die Hamas tut, wie sie Krankenhäuser missbrauchen und Hilfsgüter konfiszieren, aber sie sagen dazu kein verdammtes Wort.« Sobald es jedoch um Israel gehe, meldeten sie sich.
Es gebe mehr als eine Wahrheit, und es gehe um echte Menschenleben.
Die Lage sei zu komplex für einheitliche ideologische Polarisierung. Es gebe mehr als eine Wahrheit, und es gehe um echte Menschenleben. Deshalb fordert er die Suche nach dritten Lösungswegen.
Trumps Friedensrat habe ihm anfangs Hoffnung gemacht, sagt er. Er habe sogar überlegt, selbst in Gaza mit jungen Menschen zu arbeiten, um eine Alternative zum bewaffneten Widerstands-Narrativ, Expansionsfantasien und aufwiegelnder Rhetorik zum Hass und der Auslöschung der anderen zu bieten. Doch mittlerweile sehe er die Gefahr, dass die Hamas trotz technokratischer Verwaltung weiterhin Einfluss behalte, solange sie Waffen und Tunnel besitzen.
Und wo kommt sein offensichtlich felsenfester Humanismus her, den er mit seiner Liebe zu Gaza vereinbart? »Den verdanke ich meiner amerikanischen Gastmutter, eine Buddhismus praktizierende ehemalige katholische Nonne, für die humanitärer Einsatz etwas Grundsätzliches ist. Sie hat mich stark beeinflusst. Außerdem bin ich es den Menschen in Gaza schuldig.« Sagt es und fährt zum nächsten Termin.