Spanien

Puzzlearbeit im Archiv

Ein Kantor liest die Haggada (Spanien, 14. Jh.). Foto: dpa

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Puzzlearbeit im Archiv

Historiker erforschen das jüdische Alltagsleben auf der Iberischen Halbinsel zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert

von Michael Ludwig  19.03.2018 16:20 Uhr

Die Geschichte der Juden zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert in Spanien ist ein Puzzle, das noch nicht zusammengesetzt ist», schrieb kürzlich die Madrider Tageszeitung El País. Gleichzeitig wartete sie mit der Nachricht auf, dass Historiker des Wissenschaftszentrums CSIC damit beauftragt wurden, die Teile jüdischen Lebens während dieser Zeit zu einem aussagekräftigen Bild zusammenzufügen.

«Wir wollen damit erreichen, dass wir im Rückblick auf diesen historischen Abschnitt nicht nur auf christliche Quellen angewiesen sind, sondern auch die jüdischen heranziehen können, um so jede Einseitigkeit zu vermeiden», erklärte der Historiker Javier Castano, der das ehrgeizige Projekt leitet.

Zwangskonversion Es ist eine mühevolle Aufgabe, der sich Castano, seine fünf Mitarbeiter sowie eine Reihe von Teilzeitkräften stellen. Auf der Iberischen Halbinsel lebten bis 1492 zahlreiche Juden, allein in den Provinzen Kastilien und Aragon sollen es rund 230.000 gewesen sein. Doch am 31. März jenes Jahres kam es zu dem verhängnisvollen Edikt von Alhambra: Isabella von Kastilien und Ferdinand II. von Aragon entschieden, dass die Juden des Landes drei Monate Zeit hätten, zum Christentum zu konvertieren. Wer sich nicht dazu entschließen könne, müsse seine Heimat verlassen, hieß es. Daraufhin machten sich mehr als 100.000 auf den Weg ins Exil – eine «ethnische Säuberung», wie sie die Welt bis dahin noch nicht erlebt hatte.

Viele gingen nach Nordafrika, Frankreich, Italien, Griechenland, aber auch nach Amsterdam und Hamburg. Die meisten jedoch wählten das Osmanische Reich, das die Vertriebenen ohne jede Bedingung aufnahm. «Wie töricht sind die spanischen Könige, dass sie ihre besten Bürger ausweisen und ihren ärgsten Feinden überlassen», soll der damalige osmanische Herrscher Bayezid II. gesagt haben.

Der Auszug hat viele Zeugnisse jüdischen Lebens auf der Iberischen Halbinsel zerstört. Wer blieb, sich notgedrungen taufen ließ, entfremdete sich dem Judentum. Andere, die ihm treu blieben, konnten es nur noch im Verborgenen praktizieren.
Was unter der Hand von Generation zu Generation weitergegeben wurde, gilt es nun ans Tageslicht zu holen, zu sichten, zu katalogisieren, zu archivieren und, falls nötig, zu restaurieren. Das Forschungsvorhaben läuft unter der Überschrift «Guinzé Sefarad», was so viel wie «Die Archive von Sefarad» bedeutet.

Archive Castano und seine Mitarbeiter werten in den kommenden Jahren Dokumente aus Archiven und privaten Haushalten aus. Meist handelt es sich dabei um Steuererklärungen, Eingaben an Behörden, Eheverträge und juristische Unterlagen.

Wie kompliziert sich jüdisches Leben im christlichen Spanien des 15. Jahrhunderts gestaltete, zeigt das Beispiel eines Juden, der 1462 in Tafalla starb und ein Testament hinterließ. Doch die Wirren der Zeit führten dazu, dass erst viele Jahre später, nämlich 1537, Mitglieder der Familie das Erbe einklagen wollten.

Dazwischen lagen die Vertreibung, Pogrome, die Inquisition, die diesen Schritt wenig ratsam erscheinen ließen. Die Mitglieder der jüdischen Familie waren inzwischen Christen geworden und legten dem Gericht ein Testament vor, das auf Hebräisch abgefasst war, einer Sprache, die weder der Richter noch seine Beisitzer verstanden. Die Quellen verraten leider nicht, wie der Fall ausgegangen ist.

Marina Girona, die am CSIC-Projekt mitarbeitet, berichtet davon, dass sich in den Jahren zwischen 1475 und 1510 erstaunlicherweise auch viele jüdische Frauen an Gerichte wandten. «Sie traten ohne Anwalt auf, um ihre Sachen durchzufechten, und verzichteten auf familiäre Begleitung, was in der damaligen Gesellschaft ungewöhnlich war. Sie gaben ungeschminkt ihre Meinung zu Protokoll und antworteten auf die Fragen der Gegenseite ohne jede Furcht.»

Ein weiterer Fall, der aus den aufgefundenen Akten rekonstruiert werden konnte, zeichnet den juristischen Weg einer minderjährigen Jüdin nach, die vergewaltigt wurde. Sie reiste von Zamora nach Valladolid, um vor dem höchsten kastilischen Gericht Gerechtigkeit einzuklagen. Die Richter verurteilten den Täter dazu, seinem Opfer eine Aussteuer zu zahlen. Denn für die junge Frau würde es nun teuer werden, einen Ehemann zu finden.

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