Russland

Putins Widersacher

»Das Gewissen ist bedeutender als jede politische Taktik«: Wladimir Kara-Mursa Foto: IMAGO/ITAR-TASS

Wer wie Wladimir Kara-Mursa seiner eigenen Verurteilung zu einer langjährigen Haftstrafe mit einem Lächeln auf dem Gesicht begegnet, muss ein sehr besonderer Mensch sein. Der 41-jährige russisch-jüdische Dissident hätte alle Möglichkeiten gehabt, seine politische Mission als überzeugter Demokrat, Liberaler und Europäer nicht in Russland, sondern aus sicherer Entfernung voranzutreiben.

Aber es verbindet ihn eine derart emotionale Nähe mit Russland, dass seine persönliche Sicherheit für ihn zur Nebensache wurde. »Das Gewissen ist bedeutender als jede politische Taktik«, erklärte der Oppositionspolitiker sein Credo im Schriftwechsel aus der Untersuchungshaft mit dem in Riga ansässigen russischen Nachrichtenportal »Medusa«.

»fakes« Anfang vergangener Woche fällte ein Moskauer Gericht ein beispielloses Urteil gegen Kara-Mursa: sieben Jahre wegen Verbreitung angeblicher »Fakes« über die russische Armee, drei Jahre wegen Zusammenarbeit mit der zur »unerwünschten« Organisation erklärten Gruppe »Open Russia« und 18 Jahre wegen Landesverrats für drei Auftritte bei öffentlichen Veranstaltungen – summa summarum 25 Jahre Straflager.Das Strafmaß erinnert viele an stalinistische Praktiken.

Das Strafmaß erinnert an stalinistische Praktiken.

Kara-Mursa gab sich im Gerichtssaal dennoch unbeugsam und unerschütterlich. »25 Jahre sind die höchste Auszeichnung, die ich bekommen konnte für das, was ich geleistet habe, woran ich als Bürger, Patriot und Politiker glaube. Ich habe demnach alles richtig gemacht.«
Diese Worte gab seine Anwältin Maria Eismont später an die Öffentlichkeit weiter, der Prozess fand ohne Publikum statt.

FAMILIE Verfolgung und sogar die physische Vernichtung durch Erschießung prägten Kara-Mursas Familiengeschichte schon zu Sowjetzeiten. Unter Stalin wurden zwei Urgroßväter als vermeintliche Spione und Volksfeinde hingerichtet – der eine war ein lettischer Sozialdemokrat, der andere ein angesehener Anwalt. Ein Großvater väterlicherseits kam wegen angeblicher konterrevolutionärer Tätigkeit zweimal in den Gulag, überlebe die Torturen jedoch.

Wladimir Kara-Mursa tritt als Sohn eines gleichnamigen Vaters häufig mit dem Beinamen »der Jüngere« in Erscheinung. Er kommt aus einer Familie der Moskauer Intelligenzija im alten Stil. Der Vater, studierter Historiker, machte nach der Peres­troika Karriere als Journalist, die (jüdische) Mutter, Elena Gordon, arbeitete als Kunsthistorikerin zunächst im Puschkin-Museum, später als Übersetzerin. Zwar ließen sich die Eltern früh scheiden, ein enges Verhältnis pflegte Wladimir Kara-Mursa aber stets zu beiden.

Aufgewachsen ist er in einer klassischen Kommunalka, einer Gemeinschaftswohnung, in der sich mehrere Familien Bad und Küche teilen. Klassisch in der Hinsicht, wie er in einem Interview mit »Radio Liberty« sagte, dass es unter den Nachbarn eine Bewohnerin gab, die mit ihren antisemitischen Ansichten nicht zurückhielt.

kgb-hauptquartier Mit seiner späteren Ehefrau ging der junge Wladimir in dieselbe Klasse einer Schule in der Nähe des KGB-Hauptquartiers. Als musikbegeisterter Teenager dachte er zeitweise ernsthaft darüber nach, sein Klarinettenspiel zum Beruf zu machen, aber die gesellschaftspolitischen Umwälzungen während und nach der Perestroika faszinierten ihn weitaus mehr. So organisierte er mit zwölf Jahren gemeinsam mit einem Dutzend Gleichgesinnter seine erste Partei, jedoch waren sie alle zu jung, um eine Registrierung zu erwirken.

Nach Abschluss der neunten Klasse folgte er seiner Mutter nach Großbritannien, wo er in Cambrigde ein Geschichtsstudium absolvierte. Besonders hatte es ihm die Entstehungsgeschichte des russischen Parlamentarismus angetan. Am liebsten hätte er sich als Historiker auch später noch damit befasst, aber sein Gewissen und seine moralischen Vorstellungen von einem besseren, demokratischen Russland wiesen ihm den Weg in den Journalismus und in die Politik. So erklärte er es später.

»25 Jahre sind die höchste Auszeichnung für das, was ich geleistet habe.«

Wladimir Kara-Mursa


Mit gerade einmal 19 Jahren wurde Kara-Mursa Berater des Oppositionspolitikers und Duma-Abgeordneten Boris Nemzow. 2003 trat er bei den Duma-Wahlen an, scheiterte jedoch an den bereits zum damaligen Zeitpunkt immer kafkaeskere Züge annehmenden Rahmenbedingungen für oppositionelle Politiker. Stattdessen nahm er eine Stelle beim russischsprachigen Fernsehsender RTVi in Washington an.

Einen bahnbrechenden Erfolg erreichte er schließlich als Lobbyist für den 2012 vom US-Kongress verabschiedeten Magnitsky Act, der erstmals personenbezogene Sanktionen gegen russische Staatsvertreter vorsah.
Kara-Mursas Freund und Vorbild Boris Nemzow hatte ihn dazu angespornt und unterstützt. Im Februar 2015 wurde Nemzow nur einen Steinwurf vom Kreml entfernt erschossen.

intensivstation Wenige Monate später landete Kara-Mursa nach einer Vergiftung im Koma auf der Intensivstation mit minimalen Überlebenschancen. Zwar rappelte er sich wieder auf, aber 2017 wiederholte sich der Vorfall. Die Ärzte diagnostizierten erneut eine Vergiftung durch eine unbekannte Substanz. Kara-Mursas Einsatz für Sanktionen halten viele Experten für den eigentlichen Grund der Anklage gegen ihn.

Zu Kara-Mursas zahlreichen Fürsprechern zählt auch der frühere sowjetisch-jüdische Dissident Natan Sharansky, der auf Twitter von »einem Fall gegen die Demokratie, Menschenrechte und die Zivilgesellschaft in Russland« schrieb. In seiner Zelle las Kara-Mursa kürzlich Sharanskys Memoiren.

^^Bei so viel offensichtlichen Parallelen zur sowjetischen Dissidentenbewegung fühlt er sich in seiner Haltung bestärkt. Nach Stalins Tod erfolgte die Freilassung und Rehabilitierung Hunderttausender zu Unrecht Verurteilter, die Perestroika leitete einen Regimewechsel ein. Vielleicht gewann die Aussicht auf späte Gerechtigkeit dem Dissidenten und dreifachen Familienvater im Gerichtsaal ein Lächeln ab.

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