Ungarn

Phönix aus der Asche

Nach Jahrzehnten der Stagnation ist eine kleine Gemeinde wieder im Höhenflug. »Wir müssen eine Spur hinterlassen, sonst werden wir bald vergessen sein«, fängt Sándor Márkus, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in der westungarischen Stadt Szombathely, an zu erzählen. Márkus, Jahrgang 1950, gehört jener Generation an, die kaum etwas über die Traditionen ihrer Eltern wusste.

Sein Vater hatte sich nach der Schoa von Gott verlassen gefühlt und wehrte sich gegen jede Religiosität in der Familie – bis er kurz vor seinem Tod den Sohn bat, ihn nach jüdischem Brauch zu beerdigen. Das war der Moment, in dem Sándor Márkus erstmals mit der kleinen jüdischen Gemeinde in Kontakt kam, einer Gruppe alter, introvertierter Holocaust-Überlebender, wie er erzählt.

mehrheitsgesellschaft Er versuchte, viel von ihnen zu lernen. Später wurde Márkus in die Leitung der Gemeinde berufen und im Jahr 2011 sogar zum Vorsitzenden gewählt. »Mein Ziel war es, die Gemeinde nach außen zu öffnen. Die Mehrheitsgesellschaft weiß fast nichts über das Judentum.« Dabei habe man so viel Schönes und Interessantes vorzuweisen, fährt der ehemalige Unternehmer fort. Wenn die jüdische Gemeinde ihr Gesicht zeigen würde, könnte sie wieder den Platz in der Stadtgesellschaft einnehmen, den sie einst hatte.

Vor der Schoa waren fast zehn Prozent der Einwohner von Szombathely jüdisch.

Vor dem Krieg waren knapp zehn Prozent der Einwohner von Szombathely jüdisch. Sie trugen viel zur Kultur und zur Wirtschaft der Stadt bei. Szombathely liegt rund 200 Kilometer westlich von Budapest, direkt an der österreichischen Grenze. Die Stadt hat heute knapp 80.000 Einwohner.

Museum Vor ein paar Jahren konnte die Gemeinde dank finanzieller Unterstützung durch die Stadtverwaltung und den Verband Jüdischer Gemeinden Ungarns das marode Gemeindehaus sanieren. Zudem wurde neben den Büros und dem Gebetsraum ein kleines Museum errichtet, in dem regelmäßig Seminare zum Thema Judentum stattfinden.

Der Erfolg kam völlig unerwartet. Bis dahin wurde die Gemeinde in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Plötzlich aber begannen sich alle für sie zu interessieren. Schulen meldeten sich, Nichtjuden wollten mehr wissen, Vertreter des Stadtrats und sogar Delegierte der ungarischen Regierung kamen vorbei. »Unser Judentum bekam wieder einen Sinn«, stellt der Gemeindechef nicht ohne Stolz fest. Innerhalb kurzer Zeit sei die jüdische Gemeinde tatsächlich wieder ein bedeutender Teil der Stadtgesellschaft geworden.

Seitdem werden Mitglieder der Gemeinde immer wieder zu Veranstaltungen eingeladen oder erhalten wichtige Unterstützung. Jüdische Feste werden oft gemeinsam gefeiert. Und als kürzlich das örtliche Holocaust-Mahnmal einzustürzen drohte, übernahm die Stadt sofort die Reparaturkosten.

»Ohne die jüdische Gemeinde wäre Szombathely einfach nicht dieselbe Stadt«, betont Bürgermeister András Nemény im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. »Mein Ziel ist es, dass die Bürger in ihren Herzen fühlen, wie wertvoll diese kleine Gemeinde für die Menschen vor Ort ist, sowohl im Hinblick auf die kulturelle als auch auf die soziale Sensibilisierung.«

Zusammenarbeit Eines allerdings bedauert Gemeindechef Sándor Márkus: dass es ihm nicht gelungen ist, einen engen Kontakt zu den christlichen Kirchen aufzubauen. Zwar seien der katholische Bischof und er mittlerweile Duzfreunde geworden, aber sobald er eine öffentliche Zusammenarbeit anspreche, blockiere der Geistliche, so Márkus.

Einige Jahre ist es her, da wurde das alte Gebäude der ehemaligen jüdischen Grundschule an die Gemeinde restituiert. Daraus sollte schließlich das »Haus der Jüdischen Kultur« werden. Unter anderem brachte man dort eine Ausstellung unter, die den Titel Von Angesicht zu Angesicht trägt.

Zuvor hatte man im Keller des städtischen Museums zufällig einen beachtlichen Fundus alter Fotonegative entdeckt, die Juden sowie das jüdische Leben der Stadt zeigen – hervorragende Dokumente, mit denen man der vernichteten Gemeinde von einst ein Denkmal errichten konnte.
»Wir wollten es nicht bei unpersönlichen Zahlen belassen, sondern den 2267 Menschen aus Szombathely, die in der Schoa ermordet wurden, wieder ein Gesicht geben und sie damit aus der Vergessenheit holen«, sagt Tibor Spiegler, der Besucher durch die Ausstellung führt.

Eine wahre Sisyphusarbeit sei es gewesen, die Lebensgeschichten von rund 70 Prozent der abgelichteten Personen zu rekonstruieren, also zu zeigen, wer sie waren und was sie taten: Handwerker, Künstler, Lehrer, Anwälte oder Hausfrauen und Amateurmusiker.

Ein kleines Highlight des Hauses ist das Bistro »Kibbuz«. Dort kann man Spezialitäten aus der jüdischen Küche kosten, wie Tscholent oder Gefilte Fisch. Der Name des Lokals ist nicht zufällig gewählt: Damit soll gezeigt werden, dass hier – ähnlich wie in einem Kibbuz in Israel – eine ganze Menge zugleich stattfindet. So werden neben Speisen und Getränken auch Musik- oder Literatur­abende angeboten, erklärt die Gastwirtin Andrea P. Gorza.

Beter Wie bedeutend die jüdische Gemeinde von Szombathely einst war, davon zeugt die für 600 Beterinnen und Beter errichtete prachtvolle Synagoge. »Allerdings gehört sie nicht mehr uns«, sagt Márkus. In den 60er-Jahren habe die kommunistische Stadtverwaltung der jüdischen Gemeinde ein »Angebot« gemacht und die Synagoge für den Gegenwert von zwei Einfamilienhäusern gekauft, um sie dann in einen Konzertsaal umzuwandeln.

Die finanzschwache Gemeinde hätte den während des Holocaust stark beschädigten Bau ohnehin nicht instand setzen können. Nichts im Inneren des Gebäudes erinnert heute daran, dass er früher eine Synagoge war. »Wir haben unseren Gebetsraum im Gemeindezentrum, das reicht uns«, sagt Márkus.

Nach den jüdischen Wurzeln wird nicht streng nachgefragt – jeder ist willkommen.

Jeden Freitag kommt dort ein Minjan zusammen – jedoch sind die meisten Mitglieder der Gemeinde nicht wirklich observant. Für sie steht vor allem die Erhaltung der alten Traditionen im Mittelpunkt.

sozialismus Wer aus halachischer Sicht nun Jude ist oder nicht, diese Frage wird recht flexibel beantwortet: Jeder, der sich als jüdisch identifiziert, sei herzlich willkommen, betont Gemeindechef Márkus. Vieles sei ohnehin angelernt. Denn zu Zeiten des Sozialismus war es besser, den religiösen Gesetzen nicht Folge zu leisten, weshalb von der Elterngeneration kaum Traditionen überliefert wurden.

»Im Laufe der Jahre hatten wir nacheinander drei Rabbiner«, erzählt Márkus. »Doch sie alle scheiterten. Wir wollten, dass sie uns genau das beibringen, was wir zu Hause nicht lernen konnten. Stattdessen kamen sie jedoch mit hohen Erwartungen, die wir einfach nicht erfüllen konnten.« So habe man sich von ihnen wieder verabschieden müssen. »Wir halten so viele Gebote wie möglich, doch eben längst nicht alle. Aber das macht uns doch nicht gleich zu schlechteren Juden!«

New York

Mamdani legt Antisemitismus-Plan vor, jüdische Organisationen üben scharfe Kritik

Das Konzept des Bürgermeisters blende den Zusammenhang zwischen der Gewalt gegen Juden in New York und antiisraelischer Propaganda bewusst aus, sagt einer der Kritiker

 30.09.2026

Kiew

85. Jahrestag: Selenskyj gedenkt ermordeter Kyjiwer Juden

Vor 85 Jahren besetzten deutsche Truppen die heutige ukrainische Hauptstadt. Sie ermordeten zehntausende Menschen. Präsident Selenskyj stellt bei einer Gedenkfeier den Bezug zur Gegenwart her

 30.09.2026

Fußball

Im Kreuzfeuer: Irischer Nationalspieler mit israelischer Mutter

Finn Azaz wurde für Irlands Nationalkader für die Länderspiele gegen Israel nominiert. Weil er eine israelische Mutter hat, soll seine Zukunft im irischen Team aber infrage stehen

von Michael Thaidigsmann  29.09.2026

Interview

»Es ist beängstigend, wie sich die Geschichte wiederholt«

Evan Bernstein (51) ist seit Kurzem neuer CEO von B’nai B’rith International, der ältesten jüdischen Wohltätigkeitsorganisation. Um den wachsenden Antisemitismus zu bekämpfen, will Bernstein vor allem die lokale Vernetzung verbessern

von Michael Thaidigsmann  29.09.2026

Vergessener Held

Die vielen Leben des Jack Boeki

Ein jüdischer US-Agent und die Naziverbrecher in Nürnberg

von Joachim Heinz  29.09.2026

Niederlande

»Der 7. Oktober, das bin ich«: Student der Uni Maastricht will an Terrorangriff teilgenommen haben

Ein 22-jähriger Palästinenser, der in den Niederlanden studiert, erweckt in einem Instagram-Video den Eindruck, er habe an der Terrorattacke der Hamas auf Israel teilgenommen. Jetzt griff die Hochschule durch

 28.09.2026

London

Reporter oder doch Terroristen? BBC prüft Liste in Gaza getöteter Journalisten

Konkret geht es um 53 Personen, bei denen Verbindungen zu palästinensischen Terrororganisationen festgestellt wurden

 28.09.2026

Schweiz

Eine Sukka voller Fragen

Die Israelitische Cultusgemeinde Zürich hat ihre nichtjüdischen Nachbarinnen und Nachbarn in die Laubhütte eingeladen. Zu selbstgemachtem Hummus darf alles gefragt werden. Ein Besuch

von Nicole Dreyfus  25.09.2026

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität. Ein Kommentar von JA-Schweiz-Korrespondentin Nicole Dreyfus

von Nicole Dreyfus  25.09.2026