Polen

Parlament verurteilt »unwahre« Putin-Aussagen

Russlands Präsident Wladimir Putin Foto: imago images/ITAR-TASS

Polen wirft Russland eine Umdeutung der Geschichte vor. Der Sejm, das polnische Parlament, verurteilte am Donnerstag in einer Entschließung Äußerungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin sowie anderen führenden Politikern in Moskau zum Zweiten Weltkrieg als »provokant« und »unwahr«.

Zwei totalitäre Regime – Nazi-Deutschland und die Sowjetunion – hätten den Krieg ausgelöst, heißt es in einer Resolution. Polen sowie andere zentraleuropäische Länder seien die ersten Opfer des Kriegs geworden.

Resolution Putin hatte im Dezember einer Entschließung des Europäischen Parlaments »schamlose Lügen« vorgeworfen. Die Resolution hatte den im August 1939 unterzeichneten deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt als Wegbereiter für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bezeichnet.

Zudem gab der russische Staatschef Polen eine gewisse Mitschuld am Kriegsbeginn und lehnte es ab anzuerkennen, dass die Sowjetunion im September 1939 in Polen einmarschiert ist. »Die Versuche, die historische Wahrheit zu verzerren, hören nicht auf«, sagte Putin damals.

Strukturen »Nicht nur die Unterstützer der Nationalsozialisten machen das. Jetzt ist das auch bei einigen durchaus angesehenen internationalen Institutionen und europäischen Strukturen angekommen.« Wenn Russland dagegen vorgehe, werde ihm das als Informationskrieg ausgelegt, sagte Putin.

In seiner Resolution erkennt der Sejm zwar an, dass die Nationen der Sowjetunion im Kampf gegen Nazi-Deutschland Verluste erlitten haben. Zugleich habe dies Polen und anderen zentraleuropäischen Ländern jedoch weder Unabhängigkeit noch Souveränität oder Respekt vor den Menschenrechten gebracht.

Das Parlament rief dazu auf, gemeinsam über Regeln für den Aufbau internationaler Beziehungen nachzudenken. Diese könnten nicht auf Lügen und gefälschter Geschichtsschreibung fußen, hieß es weiter.

In einem geheimen Zusatzprotokoll zum sogenannten Hitler-Stalin-Pakt hatten die Außenminister Deutschlands und der Sowjetunion, Joachim von Ribbentrop und Wjatscheslaw Molotow, am 23. August 1939 vereinbart, Polen unter sich aufzuteilen. Das damalige Gebiet der Republik Polen wurde entlang der Linie der Flüsse Narew, Weichsel und San in zwei Interessensphären geteilt.

»Ob die beiderseitigen Interessen die Erhaltung eines unabhängigen polnischen Staates erwünscht erscheinen lassen und wie dieser Staat abzugrenzen wäre«, das sollte laut Abkommen erst »im Laufe der weiteren politischen Entwicklung geklärt werden«.

Ostpolen Mit dem Angriff deutscher Truppen auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Am 17. September marschierten sowjetische Truppen in Ostpolen ein. Das Gebiet, welches das russische Zarenreich nach dem Ersten Weltkrieg verlor, wurde später von Moskau annektiert. In den ersten Monaten des Krieges wurden Hunderttausende Polen in die Sowjetunion deportiert. Im Juni 1941 überfiel Deutschland dann die Sowjetunion; der Nichtangriffspakt war somit Makulatur geworden.

In Russland wird heute wieder über die Deutung des Hitler-Stalins-Pakts gestritten. Die Existenz eines geheimen Zusatzprotokolls wurde zwar in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen 1946 durch den früheren Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Ernst von Weizsäcker, bekanntgemacht, sein Text allerdings erst 1991 veröffentlicht.

Für Putin war nicht der Pakt das auslösende Moment des Krieges, sondern das Münchner Abkommen von 1938, das Polens Regierung ausgenutzt habe, um Gebiete der damaligen Tschechoslowakei zu besetzen. dpa/mth

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  26.06.2026

Frankreich

Gesinnung von der Stange

Antisemitismus und eine feindliche Haltung gegenüber Israel stehen in der Modewelt hoch im Kurs. Längst gehören sie zum ideologischen Accessoire so mancher Marke

von Ute Cohen  25.06.2026

Kolumbien

Knapper Wahlsieg, dramatischer Kurswechsel?

Der knapp zum kolumbianischen Präsidenten gewählte Abelardo de la Espriella will die Beziehungen zu Israel kitten - doch de la Espriella ist wie sein Vorgänger Gustavo Petro sehr umstritten

von Michael Thaidigsmann  24.06.2026

Nachruf

Erfinder des »Greenspeak«

Alan Greenspan prägte als Chef der US-Notenbank eine 19 Jahre währende Boom-Phase der Börsen und Konjunkturen

von Philip Fabian  23.06.2026

Nachruf

Clive Davis: Der Mann, der den Sound ganzer Generationen prägte, ist tot

Der jüdische Musikmanager entdeckte und förderte Bands und Künstler wie Earth, Wind & Fire, Chicago, Santana, Whitney Houston, Barry Manilow und Barbra Streisand

 23.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  22.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Die Mitternachtsdämmerung des Nordens weckt Erinnerungen an Märchen und führt unseren Autor zurück in seine Kindheit im damaligen Leningrad

von Vladimir Vertlib  18.06.2026

Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Der Prozess gegen einen Schüler, der einen Juden in Zürich töten wollte, beginnt am 1. Juli. Die Anklageschrift zeichnet das Bild eines sich früh radikalisierenden Jugendlichen

von Nicole Dreyfus  18.06.2026