Polen

Orte und Geschichte

Auch zum »March of the Living« kommen jedes Jahr viele israelische Jugendliche nach Polen (Gedenkstätte Auschwitz, 18. April). Foto: picture alliance / REUTERS

Das Verhältnis zwischen Polen und Israel war nie wirklich einfach und schon gar nicht herzlich. Erst seit 33 Jahren, seit dem Ende der kommunistischen Herrschaft, unterhalten beide Staaten offiziell diplomatische Beziehungen zueinander.

Als die nationalkonservative polnische Regierung unter dem nach wie vor amtierenden Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki von der PiS-Partei 2018 ein Gesetz vorschlug, mit dem es unter Strafe gestellt werden sollte, die »polnische Nation« für den Holocaust und andere Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs mitverantwortlich zu machen, brach nicht nur bei Historikern ein Sturm der Entrüstung aus. Auch in Israel war die Empörung groß.

Zwischenzeitlich wurde dieser Konflikt zwar entschärft. Aber der Streit schwelt weiter. Es geht ums Eingemachte, nämlich um Geschichte, Politik und die Deutungshoheit über die Ereignisse während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg.

lernorte Eigentlich besuchen rund 25.000 israelische Jugendliche jedes Jahr Polen im Rahmen von organisierten Klassenfahrten. Für viele Schüler ist es die erste Reise zu den Schauplätzen der Schoa. Dabei sind die Ziele der Studienfahrten nicht nur die ehemaligen deutschen Vernichtungslager. Auch Lernorte wie das POLIN-Museum in Warschau oder andere Sehenswürdigkeiten werden besucht.

Die Warschauer Regierung will jungen Israelis ein gutes Bild Polens vermitteln.


Auf ihrer Reise werden die Besuchergruppen häufig von bewaffneten israelischen Sicherheitsleuten begleitet. Doch nicht nur das sorgt auf der polnischen Seite für Unmut. Paweł Jabłonski, stellvertretender Außenminister der PiS-Regierung, hatte im vergangenen Jahr behauptet, die Besuche würden nur »falsche Stereotype verstärken«. Das führe dann dazu, dass die israelischen Jugendlichen mit negativen Gefühlen gegenüber Polen und seinen Menschen nach Hause zurückkehrten.

Der Regierung in Warschau ist es seit Langem ein großes Anliegen, jungen Israelis ein gutes Bild ihres Landes zu vermitteln. Ein allzu rosiges, wie viele Kritiker finden. Es fallen harte Begriffe wie »Instrumentalisierung« und »Geschichtsklitterung«.

corona-Pandemie In den vergangenen Jahren war Zeit, das Problem in Ruhe zu diskutieren, denn während der Corona-Pandemie fielen die israelischen Studienfahrten nach Polen wegen der Reisebeschränkungen aus. Doch seitdem die Grenzen wieder geöffnet sind, liegt die Zahl der Schülerreisen unter dem Niveau der Vorjahre. Ein Grund dafür ist, dass der Konflikt weiter schwelt.

Ende März schlossen die Außenminister Polens und Israels dann plötzlich ein Abkommen, das bislang allerdings noch nicht in Kraft getreten ist. Polens Außenminister Zbigniew Rau sagte, die Vereinbarung sehe vor, dass die israelischen Reisenden nicht nur »Stätten im Zusammenhang mit der Geschichte des Holocaust« besuchen sollten, sondern auch »Unterricht über die Geschichte Polens, das fast 1000-jährige Erbe der polnischen Juden und die ebenso langen polnisch-jüdischen Beziehungen« erhalten sollten. Letztere, so Rau, seien nämlich »meist harmonischer Natur« gewesen.

Polen sei daran interessiert, dass israelische Jugendliche »verlässliche Kenntnisse über die deutsche Verantwortung für die Verbrechen des Holocaust erhalten«, fügte er hinzu. Umgekehrt gehe es auch darum, dass mehr junge Polen Israel besuchten. Und überhaupt sollte mehr Begegnung stattfinden. Die Verantwortung für die Sicherheit der Besuchergruppen müsse aber beim Gastland liegen, fügte Rau hinzu, Polen sei im Übrigen ein sicheres Land. »Daher gibt es keinen Bedarf für eine verstärkte Koordination mit der israelischen Seite in Bezug auf die Sicherheit in üblichen Situationen.«

KOLLABORATION Wenn sich Raus israelischer Amtskollege Eli Cohen gedacht hatte, dass das Problem mit dem Abkommen aus der Welt geschafft wäre, wurde er schnell eines Besseren belehrt. Nachdem die Tageszeitung »Haaretz« vergangene Woche den Text des Abkommens veröffentlicht hatte, brach in Israel ein Sturm der Entrüstung los. Kern der Kritik ist eine von polnischer Seite ausgearbeitete Liste mit 32 Gedenk- und Lernorten, von denen israelische Besuchergruppen zumindest eine besuchen sollen.

Viele der darin genannten Stätten sind unumstritten, darunter das vor einigen Jahren eröffnete POLIN-Museum in Warschau, das die Geschichte des polnischen Judentums nachzeichnet. Andere wie das Krakauer Schloss auf dem Wawel oder die ehemalige Emaillewarenfabrik des Judenretters Oskar Schindler stehen meist ohnehin auf dem Besuchsprogramm der Israelis.

Historiker und Politiker stoßen sich aber an anderen Orten auf der Liste, denn dort werde die Kollaboration vieler Polen mit den deutschen Besatzern, insbesondere im Hinblick auf die Verfolgung von Juden, entweder komplett ignoriert oder die Bemühungen einzelner Polen zur Rettung von Juden völlig überhöht. Es bestehe die Gefahr, dass ein falsches Geschichtsbild vermittelt werde, vermuten einige in Israel.

schoa Auch Orte, an denen einzelner Polen gedacht wird, die selbst Juden töteten, und solche, die thematisch gar nichts mit dem Zweiten Weltkrieg und der Schoa zu tun hätten, stünden auf der Liste, war zu vernehmen.

Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem erklärte, es sei »von entscheidender Bedeutung«, dass die Gruppen­besuche in Polen angemessen vorbereitet und durchgeführt würden. Dabei müsse auf »vollständige historische Genauigkeit« geachtet werden, einschließlich »der Rolle von Polen bei der Verfolgung, Aufspürung und Ermordung der Juden während des Holocaust«.

Die jüngste Vereinbarung enthalte zwar keine bindenden Vorgaben oder Einschränkungen, so die Gedenkstätte. Doch enthalte die Liste Orte, die eindeutig problematisch seien und nicht im Rahmen von Schülerreisen besucht werden sollten. Die Knesset, Israels Parlament, muss das von den Regierungen geschlossene Abkommen noch ratifizieren. Ob dies gelingt, ist nach den jüngsten Debatten fraglich.

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