Sozialistischer Seder

Ohne Gott und Israel

Sederabend bei den jüdischen Sozialisten im vergangenen Jahr Foto: JSG

So war es in den vergangenen Jahren, und so wird es wohl auch diesmal in der ersten Pessachnacht wieder sein: 30 bis 40 Männer und Frauen verschiedenen Alters sitzen vereint und fröhlich in einer Gemeindehalle im Norden Londons. Nur einige der Männer tragen eine Kopfbedeckung.

Auch weitere Elemente des traditionellen Festes, das an den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnert, sind anders als üblich. Zum Beispiel die Musikauswahl. Noch vor dem Pessachlied »Ma nischtana baLaila ha se« stimmt die Abendgesellschaft das Lied der jüdischen Partisanen aus den Kriegsjahren 1939 bis 1945 an – und zwar auf Jiddisch: »Sog nit keyn mol«. Später werden das gesellschaftskritische Lied über die ungleiche Verteilung in der Welt »Them Belly Full« (Ihre Bäuche sind voll) des Reggae-Propheten Bob Marley ertönen und das italienische Partisanenlied »Bella Ciao«.

Jewish Socialist Group Auch am Buffet scheint es ein wenig anders zuzugehen als an anderen Pessachtafeln. Zwar findet man da eine bunte Vielfalt vegetarischer Speisen, doch entgegen der strengen Vorgabe, acht Tage lang auf Chametz zu verzichten, stehen nicht nur Mazzot auf dem Tisch, sondern auch Gesäuertes. Trotzdem handelt es sich hierbei um den offiziellen alljährlichen Seder einer jüdischen Gruppe, die schon seit mehr als 40 Jahren besteht: die Jewish Socialist Group (JSG). Über London hinaus kennt man die JSG vor allem wegen ihres politischen Magazins »Jewish Socialist«.

Julia Bard (65) ist eine der Hauptverantwortlichen für dieses Magazin, und sie ist zuständig für die Organisation des Seders. Bereits seit etwa 30 Jahren gehört sie zu den jüdischen Sozialisten. »Damals suchte ich als Jüdin, Feministin und politisch engagierter Mensch nach jüdischen Gleichgesinnten und fand durch die JSG ein intellektuelles Zuhause, das von den Normen der jüdischen Gemeinschaft abweicht, dass man beispielsweise über bestimmte Dinge nicht oder nicht laut reden darf«, sagt sie.

Elijahu Dass es beim Pessachfest der Sozialisten entgegen den religiösen Vorschriften nicht nur Ungesäuertes zu essen gibt, sei durchaus beabsichtigt, meint Bard, denn dieser Seder würde alle gleichberechtigt behandeln. Er sei »gemeinschaftlich und ohne Hierarchie«. Das bedeutet, die JSG heißt beim Seder neben religiösen und säkularen Juden auch Nichtjuden willkommen. Die Wahl der Speisen beim Buffet werde zu einer persönlichen Entscheidung, die nicht von religiösen Vorschriften bestimmt ist, so Bard.

Dennoch stehen auch in der Haggada der Sozialisten alle zehn Plagen, man trinkt die vier symbolischen Becher Wein, und man erklärt die symbolischen Speisen – mit Ausnahme des Schenkelknochens. Der wird bei diesem streng vegetarischen Seder durch eine Karotte ersetzt. Aber trotz der Einladung zu einem explizit säkular und sozialistisch gehaltenen Seder öffne sich bei der JSG jedes Jahr die Tür des Gemeinderaums, um, ganz traditionell, nach dem Propheten Elijahu Ausschau zu halten und ihn einzuladen, gesteht Bard.

Der Seder, so Bard, gelte vor allem aktuellen Themen. »Es geht uns darum, den Kampf um Freiheit nicht aufzugeben und uns nicht nur an die biblische Versklavung zu erinnern, sondern wir wollen auch über gegenwärtige Formen der Versklavung nachdenken«, erklärt Bard.

Partisanen Eines der Elemente, die jedes Jahr in der sozialistischen Version des Seders vorkommen, ist deshalb die Erinnerung an den Aufstand der Juden gegen ihre nationalsozialistischen Peiniger im Warschauer Ghetto. Das ist auch der Grund dafür, dass Jahr für Jahr das Lied der jüdischen Partisanen ertönt.

Aber auch andere Themen der Befreiung und Rebellion kommen in der sozialistischen Pessachnacht auf die Agenda. Bard ist stolz darauf, dass die Gruppe vergangenes Jahr beim Seder beispielsweise die Kampagne mit dem Hashtag BlackLivesMatter würdigte, die auf die tötliche Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA aufmerksam macht. »Wir verlasen gemeinsam die Namen der Menschen, die auf so brutale Weise ihre Leben verloren haben«, berichtet sie.

Dieses Jahr werde man »mit großer Sicherheit die europäische Flüchtlingskrise ansprechen, die Terroranschläge in Brüssel und Paris, aber vielleicht auch den Wahlkampf in den Vereinigten Staaten«, sagt Bard. Immerhin ist in Amerika mit Bernie Sanders ein jüdischer Sozialist im Vorwahlrennen, der mit seiner Sozialkritik so manchem JSG-Mitglied aus der Seele spricht. Bei der Vorbereitung müsse man beachten, dass sich die aktuellen Themen mit der Pessachgeschichte, der historischen Verfolgung von Juden oder der Position von Juden als Minderheit verbinden.

Diaspora Zum anderen gehe es der JSG an Pessach aber auch darum, die jüdische Diaspora zu feiern, betont Bard. Es geht hierbei um die Rolle jüdischen Lebens außerhalb Israels. Einige, aber nicht alle in der Gruppe, verstehen sich sogar als jüdische Antizionisten.

Die JSG beschäftigt sich auch mit nichtjüdischen Diasporagesellschaften. Sie setzt sich für die Rechte der Roma und der Irish Traveller ein, eines der letzten Nomadenvölker. Durch Feierlichkeiten wie Pessach werde eine positive jüdische Identität ohne religiöse Bindung betont, sagt Bard. Trotzdem wuchsen einige Mitglieder, und sie selbst gehört dazu, in einer streng religiösen jüdischen Familie auf.

Heute ist Bard neben ihrer Arbeit in der Jüdischen Sozialistischen Gruppe als Journalistin und Redakteurin tätig. Ihr Hauptthema sind Menschenrechte und die Befreiung Unterdrückter – ganz so, wie es in der Haggada steht, allerdings mit gewissen Erweiterungen. Viele andere JSG-Mitglieder sind politisch tätig, engagieren sich in verschiedenen Lobbygruppen oder wirken in Gremien und Ausschüssen an lokalen oder nationalen Entscheidungen mit.

»Wir fordern unsere Gäste immer auf, nicht nur etwas zum Essen, sondern auch inhaltliche Beiträge zum Seder mitzubringen. Oft sind das Gedichte, Anekdoten oder Lieder – alles ist willkommen«, sagt Bard. Sie ist zuversichtlich, dass Pessach auch in diesem Jahr wieder der Höhepunkt im JSG-Kalender wird.

www.jewishsocialist.org.uk

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